Sexbuch Hure oder Friseuse?
Sonia Rossi schreibt einen Hurenroman, beklagt sich über die Doppelmoral der Gesellschaft – und tappt selbst in die Falle
In regelmäßigen, wirklich absolut regelmäßigen Abständen erscheint auf dem Buchmarkt ein belletristisches Werk, in dem eine Prostituierte aus ihrem Berufsleben erzählt. Man kann von einer regelrechten Gattung sprechen: dem Hurenroman. Es fing mit der Mutzenbacherin an und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. An der erzählerischen Darstellung der eigentlichen Dienstleistung hat sich im Lauf der Zeit naturgemäß wenig geändert. An der ideologischen Sichtweise indes schon. Es gibt den klassisch sozialkritischen Hurenroman, den eher feministischen Hurenroman sowie einen vor allem in Frankreich beliebten Typus des intellektuellen Hurenromans, der dem Lebensgefühl der guten alten Libertinage die Treue hält.
In Zeiten von Hartz IV und deutschen Prekariatsdebatten ist es durchaus plausibel, dass der Hurenroman mit dem Denk- und Erzählstil eines ökonomischen Realismus einhergeht. Das jüngste Beispiel hierfür ist Fucking Berlin von Sonia Rossi (Verlag Ullstein Taschenbuch, Berlin 2008; 284 S., 8,95 €). Es handelt sich um die Autobiografie einer inzwischen 25-jährigen Italienerin, die im Jahr 2001 ihre sizilianische Heimat verließ und nach Berlin kam, um Mathematik zu studieren. Neben einer exzellenten Rechenbegabung verfügt die junge Dame über einen nicht minder ausgeprägten, aber auf der stecknadelkopfgroßen Finanzbasis des Studentenlebens schwer zu realisierenden Lebensdrang. Sonia Rossi, so das Autorenpseudonym, verdingte sich deshalb über mehrere Jahre hinweg als freie Mitarbeiterin in ein paar Berliner Bordellen und gibt nun zum Besten, was sie in den Etablissements erlebte, die man sich, nebenbei bemerkt, als die Kleinbürgerhöllen schlechthin vorstellen darf.
Das ist ja auch alles ganz in Ordnung und wäre kaum der Erwähnung wert, wenn die Autorin auf ein Klischee verzichtet hätte, das so alt ist wie das Gewerbe selbst: das Klischee von der Doppelmoral der Gesellschaft. Diese, so das Klischee, kompensiert einerseits nur allzu gern ein paar ihrer Neurosen mit Hilfe der Prostitution, verachtet andererseits aber die Figur der Hure und ist nicht bereit, Prostitution als ganz normalen Dienstleistungsberuf anzuerkennen. Wie den Beruf von Friseusen, Krankenschwestern et cetera. Na ja. Mal ganz ehrlich: Es ist ja wohl kein Zufall, dass die Literaturgeschichte nicht die Gattung des Friseusenromans ausgebildet hat, wohl aber den des Hurenromans. Offensichtlich ist Haareschneiden gegen Geld halt doch was anderes als Sex gegen Geld. Offensichtlich fällt der Vorwurf der Doppelmoral auf die Dichterinnen der Horizontale zurück. Sie erwarten, ihr Beruf möge betrachtet werden wie irgendein anderer Beruf auch. Reklamieren aber, indem sie ein ganzes Buch über ihre Erwerbstätigkeit schreiben, deren Besonderheit. Also, was denn jetzt?
- Datum 26.09.2008 - 12:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
- Kommentare 7
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Wenn man die Bewertung eines Buches oder einer Haltung zu etwas wie Prostitution wie hier geschehen nun nur von der Frage abhängig macht, ob es berufsbezogene Literatur-Erzeugnisse gibt, so muss man auf diese beiden Gattungen dann auch hinweisen. Gut, letztere gab es ja nur im Sozialismus. Z.B. "Wie der Stahl gehärtet wurde", von N. Ostrowski, erstere gibt es aber auch heute noch. Auch Detektive haben, wenn man so will, ja eine eigene Literatur-Sparte. Es interessieren einen also halt schon ganz besondere Tätigkeiten, Tätigkeiten vor allem die eben mit besonderen Beziehungen und Situationen von Menschen zu tun haben auch ganz besonders. Und wer gegen Geld "Sex" an jedermann verkauft oder auch wer dies verlangt, das ist halt schon etwas besonderes. Der Sozialismus wollte mit seiner Arbeiter-Literatur ja darauf hinweisen, dass selbst ganz normale Tätigkeiten etwas besonders sind oder an sich haben, das hat so dann aber eben doch nur normales Interesse hervorgerufen, wenngleich sich halt auch in vielen anderen Romanen Bezüge bzw. Ausführungen zu allen möglichen Berufen, auch zum Arztberuf und zur Prostitution, finden. Von Interesse war früher ja auch der Soldatenberuf, der des Kriegers. Das ist derzeit nicht nur hierzulande ja auch eine vergessene Gattung, oder besser eine, die keine neuen Werke mehr hervorbringt, auch hier war es ja wieder die ganz besondere Tätigkeit, die außergewöhnliche Charakteristik in dieser zwischenmenschlichen Beziehung, die diesem Tun eine extra Gattung verschaffte.
Fazit: Man muss sich der Frage, wie man zu dieser Gattung und zu diesem Gewerbe steht also etwas anders nähern, als wie dies unser Zeit-Autor getan hat.
diese besprechung dünkt mir doppelmoralischer zu sein als möglicherweise das buch, welches ich noch nicht gelesen habe (wird nachgeholt!). merke: zu den exhibitionisten gehören auch immer die voyeure. wobei erstere oft höhere qualitätsansprüche an sich selbst haben als letztere. deucht mir so.
Glaubensexhibitionismus mit einem Krippenspiel eigentlich nichts zu tun haben sollte.
dünke
das buch beschreibt es so öde, wie es ist, vom grunewald bis nach lichtenberg und marzahn. wahrscheinlich dürfen wir froh sein, dass die beschreibung aus der perspektive einer sex-arbeiterin erfolgte - und nicht aus der perspektive der bei der arbeit genutzten unterlage. doppelmoral? hat wahrscheinlich wirklich nur, wer erwartet, hier von besonderen freierlichen heldentaten lesen zu können...
wirklich niemand für das leben junger prostituierter in berlin? sollte Sinia Rossi völlig am markt vorbeigeschrieben haben? - woher dann die kritik Jessens am buch? wenn's doch eh 'keine sau interessiert'!
Entfernt. Verzichten Sie auf Ihre persönliche Fehde. Die Redaktion/mak
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