Der Markt heilt sich selbst. Bei dem Debakel an der Wall Street sind mehr als nur Bankenimperien zusammengebrochen. Es ist ein ganzes Weltbild eingestürzt, dessen Haupt- und Kernthese lautete: Der Markt heilt sich selbst. Es wäre gewiss interessant gewesen, am Beispiel dieser Krise den Test auf die Immunreaktionen des krank spekulierten Organismus zu machen, aber selbst hartgesottene Wirtschaftsliberale, sogar die Banker, die mit fallenden Kursen ihre Rendite machen, wollten am Ende auf eine Gesundung nicht warten, die vielleicht nur um den Preis ihrer Existenz zu haben gewesen wäre, und riefen nach dem Staat, dessen Eingriffe sie noch vor Kurzem verteufelten. Und freilich: Ob es die sagenhaften Selbstheilungsprozesse tatsächlich gibt, ist am Ende eine Definitionsfrage. Wie viel Zeit wollte man dem Patienten geben? Ein Jahr, zwei Jahre, mehrere Jahrzehnte? Wäre das bloße Überleben des Marktprinzips, das man sich schließlich auch unter steinzeitlichen Tauschbedingungen vorstellen kann, schon ein Indiz seiner unverwüstlichen Gesundheit? Vom Wohl der Menschheit, gar vom Erhalt der Zivilisation dürfte eine solche Wirtschaftsmedizin jedenfalls nicht mehr zu sprechen wagen. Jens Jessen

Der Staat ist das Problem. Doch plötzlich steht er wieder hoch im Kurs. Bis vor wenigen Tagen genoss der Staat kaum noch gesellschaftlichen Kredit. Staatsverachtung war Pflicht unter Wirtschaftsliberalen und Mode unter Politikern. Man behandelte ihn wie einen armen Verwandten, dessen Bittstellerei nervt. Genügte es nicht, dass er regelmäßig sein Stück Steuerkuchen bekam von den Börsenbanketten? Wollte der Hungerleider sich auch in Familienangelegenheiten einmischen? Herablassung ist immer noch spürbar an der Art, wie die Staatsverächter dem Staat nun ihre geplatzten Milliardenschecks rüberschieben. Selbstverständlich soll er die Bankette bezahlen. Aschenputtel soll die Linsen aus der Asche klauben, Rumpelstilzchen Stroh zu Gold spinnen. Das Unmögliche überlassen clevere Hedgefondsmanager gern dem Gemeinwesen, auf dessen Verantwortung für das Gemeinwohl sie ja auch spekuliert haben. »Privatisierung der Profite und Vergesellschaftung der Verluste« sei verfehlte Politik, sagte kurz nach dem Crash der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Da Kapitalismus auf Risiko basiere, dürfe man bankrotte Banken nicht dauernd auffangen, sonst stachle man nur ihre Risikofreude an. Doch die hat ihren Zenit schon erreicht. Und der Staat hat sich mitschuldig gemacht durch Subventionen, Beteiligungen, Duldung. Der Staat ist nicht das Andere zur Finanzwirtschaft, sondern er half ihr beim Zocken. Kein Wunder, dass deutsche ebenso wie amerikanische Banken ihn nun als billigen Krisenmanager benutzen. Aber was, wenn der Staat versagt? Dann wird man wieder dem Staat die Schuld geben. Dann findet vernünftige Marktkontrolle erst recht keine Lobby. Manch schrille Forderung der letzten Tage lässt die Alternative ahnen: totale Deregulierung oder regulierter Totalitarismus. Evelyn Finger

Amerika, du hast es besser. Dass das amerikanische Wirtschaftsmodell dem sozialstaatlich abgekühlten Kapitalismus vorzuziehen sei, war ein eisernes Dogma der Chicagoer Schule um den Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. Auch hierzulande ließen mächtige Wortführer keinen Zweifel daran, die deutsche Kuschelökonomie verteile bloß die Armut, und der todgeweihte Sozialstaat hindere lebendiges Kapital an seiner Selbstentfaltung. Nur in Ländern, die »wirklich deregulierend vorgegangen sind«, wachse der Wohlstand, weshalb sich »das angloamerikanische Modell als überlegen erwiesen hat« (Mathias Döpfner). Kurzum, dass der Sozialstaatsträumer endlich in der Wirklichkeit ankommen und die ganze Welt nur den US-Kapitalismus kopieren müsse, um glücklich zu werden – diese Überzeugung war fester Bestandteil der amerikanischen Seele und ihrer europäischen Verehrer. Nun wirkt die Kernschmelze an der Wall Street wie ein Trugbrecher. Drastisch macht sie sichtbar, was in Umrissen schon lange zu sehen war, nämlich die Folgen der marktradikalen »Gegenreformation«, die sozialen Verwerfungen. Der märchenhafte Way of Life der USA ist auf Pump gebaut, die Steuersenkungspolitik nützte vor allem den Wohlhabenden in den Premiumlagen, der Graben zwischen Arm und Reich ist schwindelerregend. Die effektive Analphabetenquote erreicht fast 28 Prozent, 2,3 Millionen US-Bürger sitzen im Gefängnis. Der »Mythos von der klassenlosen Gesellschaft«, sagt Richard Sennett, sei zerronnen; getrogen hat das trickle-down, also die Hoffnung, die Reichen müssten nur reicher werden, dann würde genug Geld von oben nach unten durchsickern. Die USA sind in der Wirklichkeit angekommen, sie sind kein Vorbild mehr. Im Irakkrieg zerplatzte ihre Großmachtfantasie; an der Wall Street der Glaube an die weltweite Exportfähigkeit des eigenen Wirtschaftsmodells. Wer will es jetzt noch haben? thomas Assheuer

Der Kapitalismus ist virtuell geworden. Das war der Glaubenssatz der achtziger und neunziger Jahre, und er bestimmte das Lebensgefühl einer ganzen Generation. »Wir produzieren nichts, wir bauen nichts, wir machen nur Geld«, sagt Richard Gere, der millionenschwere Spekulant in dem Film Pretty Woman, in dem gleich zu Anfang ein Zauberer auftritt, der aus kleinen Münzen viele große macht. Virtueller Kapitalismus heißt: In endlosen Transaktionen vermehrt sich das Geld ohne den Umweg über die Ware, ohne direkte Investition. Es gibt zwar noch das Tal der Realwirtschaft mit ihren schwitzenden Menschen, schmutzigen Fabriken und eiligen Fließbändern; aber das große Geld wird im Himmel der Finanzwirtschaft gemacht, im coolen Universum der göttlichen Wall Street. Weil der virtuelle Kapitalismus nichts produziert, weil er nur symbolischer Tausch ist, ohne Berührung mit dem Fleisch des Realen, haben Intellektuelle ihn als »Jungfrauenmaschine« beschrieben. Der Finanzkapitalismus, befand etwa Jean Baudrillard mit fasziniertem Schaudern, sei so abstrakt wie die Kunst und so ätherisch wie Engel. Baudrillard irrte leider. Der süße Traum vom schwerelosen Kapitalismus ist geplatzt – der Traum vom somnambulen Treiben der digitalen Geldströme, die sich körperlos immer wieder selbst und ganz nebenbei noch den Reichtum der Nation vermehren. Tatsächlich existiert das Virtuelle nicht ohne das Reale. Der Finanzkapitalismus ist kein geschlossenes Universum, er schafft in der Wirklichkeit Armut im Überfluss und Elend im Reichtum. Nach dem jüngsten Zusammenbruch der virtuellen Welt sind die Menschen real arbeitslos oder müssen real ihre Häuser verkaufen. Das Allerrealste aber ist immer der Körper; mit ihm beginnt und mit ihm endet der Kreislauf des Geldes. Die Suppenküche hält ihn am Leben, auch der barmherzige Health Wagon. Das ist eine ambulante Hilfe amerikanischer Ärzte, die übers Land fahren und in Zelten oder unter freiem Himmel Obdachlose und Bedürftige kostenlos behandeln. Seit dem Kollaps der Wall Street, schreibt der stern, würden es täglich mehr. Thomas Assheuer