Rechtsextremismus Haben Rechte Rechte?

Die Kölner verhindern eine fremdenfeindliche, aber legale Demonstration

Wenn es dem guten Zweck dient, feiert der Kölner seinen Karneval gern auch schon im September. Verkleidete Bauchtänzerinnen ziehen als Polonaise durch die schunkelnde Menge, sie rufen »Salamalaaf!«, und ihre Töchter tragen Kopftuch, natürlich nur heute. Von vorn schallen »kölsche Tön«. Auf der Bühne vor dem Dom singt Tommy Engel, ein kleines, knubbeliges Original, vom »Veedel« und großen Gefühlen für die Heimatstadt. Zwischen den Liedern winkt der Ex-Bläck-Fööss-Frontmann dem Polizeihubschrauber zu, der über der Szene kreist, und die 5000 Menschen auf dem Roncalliplatz winken freundlich mit.

So leicht und fröhlich kann Protest sein, Protest gegen ein im Vorfeld aufgeblasenes Ereignis mit dem anmaßenden Titel »Anti-Islamisierungskongress«. Rechtspopulisten versuchten, sich so eines Themas zu bemächtigen – und liefen ins Leere. Vor der Kür, durch Stimmung gegen Muslime ein Europabündnis rechtsaußen zu schmieden, scheiterten die überforderten Organisatoren der Protestpartei Pro Köln schon bei der Pflicht: Kein Taxi, kein Bus beförderte sie und ihre »Freunde« am vergangenen Wochenende. Hoteliers und Gastronomen wiesen zum Ausgang, sobald sie merkten, wer die Gäste waren.

Die Kölner dürfen sich die Ereignisse vom Wochenende als Triumph der Zivilgesellschaft ans Kostüm heften. Doch bleibt nach dem kölschen Hochamt für die Toleranz auch ein schaler Nachgeschmack. Bei aller Kritik an ihren Ansichten, wie steht es um die Demonstrationsfreiheit der Veranstalter?

Am ersten Tag des »Kongresses« wäre die Linie der Polizei mit Wohlwollen noch unter Schadenfreude zu verbuchen gewesen. Als etwa der sichtlich aufgewühlte Vorsitzende von Pro Köln nach fünfstündiger Irrfahrt auf einem Rhein-Dampfer den Glauben an die Obrigkeit verlor. Endlich wieder an Land, wollte der Mann in hellbrauner Lederjacke vom Einsatzleiter der Polizei wissen, wie er und etwa 20 »Freunde« dem Kessel Hunderter Gegendemonstranten entfliehen könnten. Der Polizist, wie seine Kollegen genervt vom Katz-und-Maus-Spiel der »Kongress«-Organisatoren, die am Freitag nicht vorab der Polizei gesagt hatten, was sie geplant hatten, rückte sein Barett zurecht und entgegnete mit stoischer Miene: »Sie können sich gern ein Taxi rufen, und dann sehen Sie zu, wie Sie von hier wegkommen.« Zwei Stunden ließ er die »Kongress«-Teilnehmer im Unklaren, ob sie die Polizei notfalls schützen würde. Dann schickte der Beamte Zivilautos für die sichere Heimfahrt.

Samstagmittag. Statt der großspurig angekündigten 1500 europäischen Rechten verlaufen sich 50 Sympathisanten auf dem Heumarkt in der Altstadt. Vor den Absperrungen blockieren Tausende sitzend die Zuwege, sie lassen fast niemanden durch. Keinen echten oder vermeintlichen Rechten, manchmal auch keine Journalisten oder Anwohner. Manchmal greifen Polizisten helfend ein. Oft überlassen sie die Arbeit den »Ordnern« der Blockierer. In welchen Fällen die Gegendemonstranten bestimmen können, wer sich auf dem Platz versammeln darf, darüber entscheiden die Beamten augenscheinlich nach Gusto.

Hoch zu Ross und Wasserwerfer ist die Polizei sofort präsent, als jugendliche »Autonome« am Rheinufer Rabatz machen. Müllcontainer brennen, von insgesamt 4000 Polizisten werden sechs leicht verletzt. Was folgt, scheint eine Art eingeübter deutscher Demo-Ritus zu sein. Der Krawall liefert der Polizei den Vorwand, es gebe »unkalkulierbare Risiken für die Sicherheit der Kölner«. Nur zu gern wird er genommen. Fünf Minuten nach dem geplanten Beginn der Veranstaltung erhalten Journalisten eine SMS: »Die Kundgebung wird untersagt.«

Eine Traube aus Reportern, Fotografen und Kameramännern umringt sofort den Organisator auf dem Heumarkt und konfrontiert ihn mit der Neuigkeit. Nachts um zwei Uhr hatte der Funktionär einen Lkw voll mit Flugblättern, Aufklebern und einem großen »Stop Islam!«-Plakat auf den Platz gefahren. Auf dem Platz dann hatte der 42-Jährige noch seine »Freunde« über Lautsprecher auf ein Flugzeug mit einem Pro Köln-Banner am Himmel hingewiesen und etwas von »Lufthoheit« und »Flagge zeigen« erzählt. Jetzt ringt er nach Luft. Und ruft nach den Gerichten, »die das hier noch klären werden«.

Ganz einfach dürfte die Sache für die Richter nicht werden. Köln stand bei Weitem nicht am Rand des Bürgerkriegs. So ist schwer zu sehen, warum die Polizei nicht den Teilnehmern den Weg zu ihrer Demonstration bahnt. Zur Not mit hartem Durchgreifen. So will es das Grundgesetz, so sagen es die Verfassungsrichter. Und daran ändert sich auch nichts, wenn die Protestierer so auffallend kurze Haare haben wie die Ordner vom rechtsextremen belgischen Vlaams Belang auf dem Heumarkt.

Derlei Feinheiten stören Parteipolitiker jetzt nicht. Der nordrhein-westfälische FDP-Innenminister redet von »großer Professionalität« der Einsatzkräfte. CDU-Ministerpräsident Rüttgers lobt die »Zivilcourage«, mit der die 15000 Gegendemonstranten dem Häuflein Rechter entgegentraten. Der Kölner CDU-Oberbürgermeister spricht von einem »Sieg«. Und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) weist Kritik mit dem Argument zurück, man könne in solchen Fällen nicht nur »formaljuristisch« argumentieren: »Es geht schon darum, welches Anliegen welche Gruppierung vertritt, ob es dem friedlichen Zusammenleben dient, oder ob es stört.«

Artikel 8 des Grundgesetzes gilt in Köln offenbar nur dann uneingeschränkt, wenn es die Mehrheit nicht stört. Salamalaaf!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • broca
    • 07.10.2008 um 17:15 Uhr

    Sehr geehrte Redaktion, Herr Denso,

    mit einem kalten Grausen hat mich Ihr Artikel über die mutigen Kölner erfasst. Es ist pseudo-neokonservatives Geschwafel unterster Schublade, es entspricht allem, was wir in Deutschland derzeit erleben: einem abgestandenen Zeitgeist, der „mit Tabus brechen“, „endlich einmal die Vergangenheit hinter sich lassen“ und „endlich wieder Deutsch sein können“ will. Wollten Sie vielleicht unserem Noli-Me-Tangere-Sie Wissen-Schon-Warum Henryk M. Broder nacheifern? Dabei haben die Kölnerinnen und Kölner gezeigt, dass es noch einen gut zündenden Funken der Courage und der Aufrichtigkeit in uns gibt. Sie müssen uns Vorbild sein, genauso wie die Bürger der Kleinstädte Delmenhorst oder Verden!

    Was denken Sie, wozu das Grundrecht auf Meinungsäußerung existiert? Es dient dazu, auch den Minderheiten Gehör zu verschaffen, damit wir uns, erstens, mit ihnen nicht nur auseinandersetzen sondern, zweitens, im günstigsten Fall auch von ihnen lernen können. Aber wie, Herr Denso, glauben Sie, wird eine Auseinandersetzung mit den Neonazis aussehen? Glauben Sie, dass Sie oder Herr Broder auch nur einen Moment lang von Jean Marie Le Pen, Filip de Winter oder Heinz-Christian Strache (alle auf der Gästeliste des „Anti-Islamisierungskongreß“) angehört werden? Sie deuten ja nebulös „…bei aller Kritik…“ eine konträre Haltung an, darf ich wissen, wo ich sie in Ihrem Artikel wieder finde? Etwa in den Attributen „aufgeblasen“ oder „anmaßend“? Ist Ihre Beschreibung der Lederjackenfarbe ein Statement? Und: was meinen Sie, was wir von den Rechten lernen können?

    Übrigens, zur weiteren Erleuchtung: bereits in Berlin hat ein mutiger Polizeichef im Mai 2006 bewiesen, wie man mit einer großen Gruppe demonstrierender Neonazis verfahren kann: er hat sie kurzerhand in abgelegene Regionen der Stadt verwiesen, wo sie sich dann, ungehört, austoben konnten.

    Nach längerer Lektüreabstinenz hatte ich gehofft, dass „Die Zeit“ wieder zum Denken zurückgekehrt sei. Möglicherweise werden wir stattdessen auf Flugblättern oder auf Homepages aus „Der Zeit“ entlehnte, brechreizerfüllende, möchte-gern-sarkastische Sätze wie den letzten Ihres unsäglichen Artikels wieder finden.

  1. Der oben stehende Kommantar unterstreicht lediglich die in Densos Artikel bereits angeprangerte selbstgerechte (Selbst-)Justiz die von links stets gefordert und 'nötigenfalls' mit Gewalt durchgesetzt wird.

    Das parlamentarische und das juristische System der BRD sind genau zu diesem Zweck geschaffen worden: eine pluralistische Demokratie funktionsfähig zu machen. Dass dies allerdings nicht das Anliegen der tanzenden Banane oben ist, wird nur allzu deutlich. (Ist das etwa der Geist Tucholskys der uns da entgegenkeift...?)

    Nur um die Sache deutlich zu machen: Persönlich stinkt mir rechter Extremismus. Nicht zuletzt, weil mein Urgroßvater im KZ umgebracht worden ist. Doch sollten wir uns vor Augen führen, das wenn jemand allen Ernstes der Meinung ist, dass 'unsere' deutsche Kultur von der 'zunehmenden' Einflussnahme anderer Religionsgemeinschaften gefährdet wäre, er das Recht dazu hat, dieses Anliegen vorzutragen. Wenn Anhänger dieser Idee dann den Einfall bekommen sollten, sie müssten eben jene mit Gewalt oder auf der Grundlage verfassungsfeindlicher Bestrebungen 'verteidigen', werden sie -wie das Recht es vorsieht- von der Justiz und den entsprechenden staatlichen Organen in ihre Schranken verwiesen werden... So wie es bei moslemischen, linken und anderen Extremisten der Fall sein sollte.

    Oder wie lautet Ihr Credo, Braco? Demokratie - aber bitte nur mit Meinungen, die meiner eigenen auffallend ähnlich sind?

    Liberale Grüße

    Cpt. Nemo

    • hermse
    • 08.05.2009 um 9:50 Uhr

    Wenn diesen ersten Kommentar lese sträuben sich mir die Nakenhaare. Wie kann man nur so engstirnig "argumentieren"? Das ist ja genauso hetzerisch und extrem wie diejenigen die bekämpft werden sollen. Nur mit anderen Vorzeichen. Meine Meinung ist richtig und alles andere ist falsch.

    Ich dachte immer das Demokratie bedeutet das jeder, selbst ein rasierter Glatzkopf seine Meinung kund tun kann. Auch wenn da nur geistiger Durchfall bei rumkommt.

    Da ich selber in Köln wohne habe ich dieses "Schauspiel" miterlebt und auch wie die Gegendemonstranten die Versammlungsstätte am Heumarkt abgeriegelt hatten. Es war erschrekend zu sehen das alle die auf diesen Platz wollten, egal warum, nicht durchgelassen wurden. Wer es trotzdem versuchte wurde mit Gewalt davon abgehalten und musste um seine körperliche Versehrtheit fürchten. Man musste mehr Angst vor diesen Leuten haben als vor den Rechten. Besser hätten die es auch nicht hibekommen.
    Mal ganz davon abgesehen, wenn die ProKöln-Leute völlig unubobachtet ihre Versammlung habhalten hätten können, ohne Medienrummel und Polizeiaufgebot hätte niemand etwas davon mitbekommen und der eigentliche Sinn der Veranstaltung, zu rechten Gedanken mobilisieren, wäre fehlgeschlagen. So haben die ProKölner/NRW/Deutschland mehr Werbung bekommen als sie sich in ihren kühnsten Träumen erhoffen konnten.

    Zumindest ist es absolut großartig zu sehen das die Zeitredaktion diesen ersten Kommentar unzensiert stehen läßt. Auch wenn er nur so von Anschuldigungen und Beleidigungen strozt. Ich glaube nicht wenn der Verfasser an ihrer Stelle gewesen wäre, dass dieser "Beitrag" veröffentlich werden würde.

    Und DAS lieber broca, bedeutet Demokratie respektive Meinungsfreiheit.

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