Rom im September ist voller Touristen und Pilger und immer noch heiß. Wer sich durch die zweitausendjährige enge Via Appia aus der Stadt hinausquält, sieht bald die Sommerpaläste des römischen Adels in den Hügeln auftauchen. Einer von ihnen ist leicht identifizierbar an seinem auffälligen Turm, der vatikanischen Sternwarte: Castelgandolfo, Sommersitz der Päpste.

Rein und klar ist die Luft hier oben, deutlich frischer als in der hitzeflirrenden Ebene. Das Tor des Sommerpalastes öffnet sich zu einer kleinen Piazza, um die herum schart sich ein hübsches Städtchen, dessen barocke Gelb- und Rottöne die Nachmittagssonne warm erstrahlen lässt. So heiter ist es, so sehr leuchtet alles, als wäre nichts Böses in der Welt.

Hier ist Vatikanstaat. Castelgandolfo ist exterritorial. Dieser Nachmittag ist es auch, eine Stunde außerhalb des Weltgetriebes. Schweizer Gardisten salutieren und weisen den Weg zum blassroséfarbenen Palast. Dessen Tür öffnet sich, man führt den Gast in einen kleinen Audienzraum – Marmorboden, ein Tisch, ein Tablett mit Wasser und weißen Plastikbechern – und bittet um ein wenig Geduld. Er werde gleich kommen.

Er kommt gleich. Erster Eindruck: ein Mann von Anfang fünfzig, im Zenit seines Lebens. Strenges Schwarz trägt er. Keine kleinen Extravaganzen heute. Nicht das lila Innenfutter in den Talarärmeln. Keine besonderen Schuhe. Und – sieht dieser Georg Gänswein wirklich so gut aus wie auf den Fotos?

Mitunter staunt man über die Wunder medialer Balsamierungskunst, trifft man manche Helden der Popkultur leibhaftig. Bei diesem nicht. Ein schöner Mann, ja. Vielleicht etwas weniger hollywoodesk als auf allzu perfekt ausgeleuchteten Fotos, dafür lebendiger. Der zweite Eindruck: gerade. Keine Spur von vatikanischer Marmorkühle, von Zurechtgeschliffenheit in Jahrzehnten der Diplomatie, Vorsicht, Intrige.

In dem Bild, das Protestanten sich von katholischen Würdenträgern machen, bebt immer noch Luthers Abscheu nach, ihm sind bis heute die Farben Bigotterie und Gewundenheit beigemischt, eine habituelle Falschheit der papistischen Herren. Das Auftreten, die ganze Art des Mannes, der jetzt hereinkommt, sind das gerade Gegenteil dessen. Energischer Gang, fester Händedruck und eine Art zu reden, die so gar nichts Gezirkeltes hat. Pilot könnte der sein. Chef einer Exportfirma aus dem Schwarzwald, wo er ja herkommt, irgend so ein hoch spezialisierter Maschinenbauer, wie sie dort gedeihen.

Der Vatikan ist eine hoch spezialisierte Maschine – Zentrale der einzigen echten Weltkirche, zugleich ein Wunderwerk globaler Diplomatie. Und manchmal eine Schlangengrube, durchzischelt von Neid, Ehrgeiz, Intrige. Auch das wird Gänswein erlebt haben, der Weltstar aus dem Nichts, bis vor Kurzem ein Unbekannter in Rom. Sein Name stand gewiss nicht auf vatikanischen Karrierelisten.

Er bemüht keine höflichen Belanglosigkeiten, nicht mal zum Warmwerden. Auf Nachfrage spricht er über die Krankheit seines über achtzigjährigen Vaters (»Er war ein Löwe!«) und darüber, was er für ihn tun kann. Dann will er wissen, worum genau es gehen solle im Gespräch jetzt. Nun, es soll um Stil und Formen gehen und darum, was Kirche und Glauben damit zu tun haben … um die plötzliche Attraktivität des Papstes und seines Privatsekretärs. Ein belustigter Ausdruck erscheint auf seinem Gesicht. Als die Welle über ihn schwappte, als er plötzlich über sich las: "Sonnyboy in der Soutane", "George Clooney des Vatikans" – was war seine erste Reaktion?

Breites Lächeln. "Ich wusste gar nicht, wer George Clooney ist. Na ja, vielleicht hatte ich den Namen mal gehört. Ich war überrascht von alldem. Ich hatte keine Erfahrung, wie mit solchen Sachen zu verfahren ist."

Und jetzt? "Ach, der Schuss wird abgegeben, und er verhallt irgendwann. Ich bleibe gelassen und schau mir das an. Donatella Versace hat noch mal nachgelegt, das wunderte mich." Frau Versace warb damit, der schöne Don Giorgio habe sie zu einer Männermodelinie inspiriert. "Darf die das denn? Ich hatte jedenfalls nie Kontakt zu ihr, weder vorher noch nachher."

Mode kommt und geht. Könnte es dennoch sein, dass in alldem ein ernster Kern steckt – eine Sehnsucht nach Schönheit in der Welt wie in der Kirche? Dass Schönheit nicht nur eitel Tand und Glitter ist, sondern der Abglanz von etwas, nach dem wir uns sehnen? Immerhin ist es sein Papst, der die Schönheit der alten Liturgie wieder ins Licht setzen möchte. Bei seiner Generalaudienz am Morgen vor zehntausend Pilgern unten in Rom hat Benedikt XVI. die Liturgie einen der Wege zur Begegnung mit Gott genannt, gleichrangig mit der Heiligen Schrift und dem Gebet.

Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Johannes Paul II., mit dem ihn sonst viel verbindet. Der polnische Papst ließ sein Charisma strahlen, in liturgischen Dingen war er eher wurschtig. Mitunter trat er bei seinen telegenen Massen-Events in poppigen Gewändern auf, die eher Hollywood-Erfindungen zu sein schienen als päpstliche Attribute. Und nun legt ausgerechnet der Bayer auf dem Papstthron ein Feingefühl für Hüte, Hirtenstäbe und Kleider an den Tag, das dem bescheidenen, römische Gesellschaften eher meidenden Kardinal Ratzinger kaum einer zugetraut hätte. Mit Baskenmütze und Aktentasche sah man ihn zur Glaubenskongregation eilen, manche behaupten sogar, ihn mit einer Plastiktüte gesehen zu haben.

Vom Tag seiner Wahl zum Papst ist die römisch knappe, vernichtende Bemerkung eines Aristokraten aus altem Adel überliefert: "Beve Fanta!"

Er trinkt Fanta – ein Verächter unseres Weins, unserer feinen Lebensart, muss man mehr sagen? In der Tat mag der Heilige Vater jenes Getränk und macht sich nicht viel aus Wein. Wie erklärt sich dann die Wendung zur Eleganz: nicht bloß rote Schuhe, sondern auch extravagante Hüte, elegante Freizeitjacken und Sonnenbrillen? Gänswein muss es wissen, ist er es doch, der dem Heiligen Vater die Kleider hinlegt und vor den Kameras der Welt zurechtzupft, die der Papst dann am Altar und bei allen Gottesdiensten trägt; Gänswein und natürlich Monsignore Guido Marini, der neue Zeremonienmeister des Papstes.

"Es ist Tradition seit einigen Jahrzehnten", sagt Gänswein, "dass Päpste rote Schuhe tragen. Papst Benedikt wollte aus dieser Tradition nicht aussteigen."

Nun gut. Aber es geht nicht nur um Schuhe und ein paar wiederentdeckte alte Hüte wie den leichten, breitkrempigen Saturno für den Sommer und die hermelinbesetzte Camauro-Mütze für Wintertage. Diese Dinge gehören in den Bereich persönlichen Stilempfindens, sie haben keine liturgische Bedeutung, obgleich das Rot der Schuhe ein fernes Echo des antiken Kaiserpurpurs ist: Farbe der Herrscher. So sahen sich Päpste einmal. Auch das sind Akzente, und wer Formen für leere, sprachlose Hülsen hält, ist ein ikonografischer Analphabet. Dennoch: Letztlich bleiben es Stilfragen.

Von anderem Kaliber sind die Eingriffe Benedikts in die Liturgie der Weltkirche – die sacht, aber bestimmt betriebene Renaissance kirchlicher Formen, deren sich viele Katholiken seit dem reformerischen Zweiten Vatikanischen Konzil der sechziger Jahre zu schämen scheinen. "Vorkonziliar" ist der Kampfbegriff gegen das Alte, zu Überwindende. Es klingt wie das Wort "vormodern" in gewissen weltlichen Debatten. Wer eines von beiden ist, der ist so gut wie erledigt. "Vorkonziliar", also zu überwinden war ganz zentral die altehrwürdige Messe mit dem Gesicht des Priesters zu Gott und dem Rücken zum Volk. Längst ist es umgekehrt. Nun rehabilitiert Benedikt die von den Reformern überwunden geglaubte Formensprache der überkommenen Messe, wo er kann. Das ist keine Stilfrage mehr. Hier geht es um alles.

Ein anderes großes Wort der katholischen Reformära war Communio, und seine Verwandtschaft mit "Kommune" ist keineswegs irreführend. Auch die Kirche hatte ihr "1968". Kommunität. Wie in einer Riesensprechblase schwebte das Wort über den utopischen Sehnsuchtslandschaften der Epoche.

Man schaue sich Michelangelo Antonionis Hippiefilm Zabriskie Point von 1970 mit der legendären Massenszene von Nackten in der Wüste noch einmal an oder Bilder von Woodstock und dann Videos von Weltjugend- und Kirchentagen, dann versteht man es. Was den Hippies die libertäre Gemeinschaft der Liebenden war, ist vielen Katholiken bis heute die Gemeinschaft der Gläubigen. Sie steht im Zentrum des Gottesdienstes. In nuce: Selbsterlösung durch Vereinigung. Benedikt sieht das anders. In den Kirchen Roms steht wieder das Kreuz auf dem Altar, dazu sechs Kerzen, drei links, drei rechts. Also – wie viel Rückbesinnung, wie viel konziliare Schubumkehr will der Papst?

"Wer ihn kennt", antwortet Georg Gänswein, "kennt ihn sehr stark als jemanden, der für Kontinuität in der Liturgie steht. Es ist so ein Dogma, dass das Zweite Vatikanische Konzil Brüche gebracht habe. Es kann doch nicht sein, dass ein Vatikanum irgendwelche Brüche schafft. Der Papst hat die Kontinuität der Kirche zu wahren und nicht zu brechen. Nein, Papst Benedikt ist sich selbst treu geblieben."

Aber hat nicht auch die katholische Kirche, wenn auch in geringerer Dosis, das "protestantische Problem" der Formvergessenheit? Noch am Morgen dieses Tages war es zu besichtigen, mitten im Vatikan, bei Benedikts Generalaudienz. Die Audienzhalle könnte man auch für die Stadthalle von Sindelfingen halten: kein Kreuz, kein Bild, zwei abstrakte Glasfenster und hinter dem Papst eine Riesenskulptur, die an psychedelische Plattencover der siebziger Jahre erinnert.

Gänswein vermeidet es, auf die Bemerkung zur päpstlichen Audienzhalle einzugehen, aber es ist ihm anzusehen, dass er nicht gerade ihr glühender Fan ist. "Die Halle war als Zweckbau für Audienzen gedacht. Fünf- bis zehntausend Menschen konnte man vorher nicht unterbringen."

Im Übrigen seien die Pläne zum Abriss traditionsreicher Vatikanbauten zugunsten der neuen Halle noch weiter gegangen. "Man wollte auch den Palazzo del Sant’Offizio abreißen", erzählt Gänswein – einen der kostbarsten Palazzi dort und Sitz der Glaubenskongregation, die sein Papst als Kardinal so lange leitete. "Den Abriss verhinderte nur der Respekt des damaligen Papstes Paul VI. vor Kardinal Ottaviani, dem seinerzeitigen Präfekten der Glaubenskongregation."

"Dass es falsche Entwicklungen inner- und außerhalb der Liturgie, in der kirchlichen Kunst gegeben hat", fährt Gänswein fort, "ist für jeden klar, der gesunde Sinne hat. Aber Papst Benedikt ist kein Bilderstürmer, vom ganzen Typus her nicht. Er geht nicht mit der Planierraupe vor. Er sieht sich die Dinge an und agiert sanft, aber entschieden." Wer etwa erwartet habe, es werde unter Benedikt in der Personalpolitik einen Schnitt geben, der sehe sich getäuscht.

Wie aber wird es weitergehen – wird Benedikt XVI., der stets die Kontinuität der Kirche und ihrer Formen betont, bei seinen bisherigen Korrekturen stehen bleiben, oder werden weitere folgen?

"Wo die Kontinuität noch nicht zu ihrem Ziel gefunden hat, wird es weitergehen. Im Klerus sind natürlich einige, die das nicht gern sehen. Viele, die jünger sind als ich, sind da viel konsequenter." Er meint: was Korrekturen an den Sechziger-Jahre-Reformen angeht. Wenn schon katholisch, wenn schon Priester, dann richtig.

Wie war eigentlich Georg Gänswein, als er selbst jung war; lief sein Leben gradlinig dorthin, wo er heute steht, oder gab es Brüche? In seinem Theologiestudium, sagt er, habe es all die Auseinandersetzungen gegeben, über die wir gerade redeten.

"Ich hatte als Theologiestudent in Freiburg das Glück, mit einem Mann befreundet zu sein, einem Spätberufenen, zwanzig Jahre älter als ich. Ihm verdanke ich viel."
Nämlich? "Dass ich nicht Irrlichtern nachrannte."
Weil der ältere Freund die selbst gut kannte?
"Offensichtlich. Es gab einige solcher älteren Mitstudenten, die kamen aus Berufen ins Studium, die waren resistent gegen manchen Fußpilz."
Also doch ein Weg ohne Brüche?
"Ich wollte nie Weltpriester werden. Ich wollte in einen strengen Orden eintreten. Die Kartäuser haben mich angezogen."

Die Kartäuser – der strengste Orden überhaupt! Der Schweigeorden. Mönche, die mitten in der Nacht aufstehen, um miteinander wunderschöne Lobgesänge zu singen, und sonst kein Wort untereinander wechseln. Einer von ihnen zu sein, das also wollte der junge Mann aus dem Schwarzwald, der ehemalige Skilehrer und nunmehrige Privatsekretär des Papstes. Ein größerer Gegensatz zwischen dem medialen Bild von ihm ("George Clooney") und seinem Innersten ist nicht denkbar.

"In einem Kartäuserkloster habe ich einmal bei einem alten Mönch gebeichtet. Ich fragte ihn: 'Vater, was soll ich tun?' Er sagte mir: 'Erst mal mach dein Studium zu Ende. Wenn dann noch Fragen offen sind, komm wieder.' Später wollte ich eine Zeit lang Benediktinermönch werden. Es ist dann mehr und mehr darauf hinausgelaufen, das zu werden, was ich nie sein wollte und jetzt bin: Weltpriester." Einer, der in der Welt lebt und nicht hinter Klostermauern.

Dass er bei all seiner Sehnsucht nach einem so radikal meditativen Dasein noch andere Interessen hatte, verrät ein anderer unerfüllter Plan aus jungen Jahren. "Eigentlich wollte ich zusätzlich Geschichte und Kunstgeschichte studieren."

Diese Leidenschaft jedenfalls scheint nicht erloschen. Sie regt sich beim Rundgang durch den päpstlichen Palast, zu dem Georg Gänswein nun einlädt. Es gibt viel zu zeigen, und er zeigt es gern. Hier draußen in Castelgandolfo herrscht nicht der vatikantypische Mix aus kunstgeschichtlicher Wunderkammer und mitunter kärglichster Siebziger-Jahre-Möblierung. Der Sommerpalast ist stilbewusst restauriert, möbliert und bebildert.

Makellos die Intarsien der Marmorböden, mattglänzend die Seidentapeten blauer, grüner, roter Audienzräume, zu Fluchten gereiht. Erst geht es durch die von Pius XI. restaurierte Hauskapelle der Päpste. Sein Name ist in die Türstürze gemeißelt, nach den Lateranverträgen von 1929 hatte er den in den Jahrzehnten nach Italiens Erhebung zum Nationalstaat verlotterten Palast wieder herrichten lassen. Schließlich der große Audienzsaal. Georg Gänswein deutet auf eine Tür am Ende der Längswand. "Dahinter liegen die Privaträume des Heiligen Vaters."

Und den vielleicht allzu interessierten Blick seines Gastes parierend: "Es ist eine Doppeltür." Arbeitet er gerade? "Ja, dort schreibt er gerade. Hier in Castelgandolfo findet er ab und zu ein bisschen Zeit für sein neues Buch."

Wir treten auf einen Balkon hinaus. Das Licht ist abendlich weich, es lässt die Dinge hervortreten, der Ausblick ist wie gemalt. Unter uns tiefblau der Albaner See, in den Hügeln am andern Ufer Dörfer, Paläste. In der Ferne schimmert etwas bläulich-silbern, das ist das Meer. "Dort unten", sagt Gänswein, "gehen wir mittags auf und ab, und abends noch einmal in einem anderen Teil des Parks."

Wir, das sind er und Benedikt XVI. Nie hat ein päpstlicher Privatsekretär so sehr im öffentlichen Interesse gestanden wie dieser. Manchen im Vatikan stört das. Manchen regt es sogar furchtbar auf. Sie sollen sich abregen. Es ist unvermeidlich, und nicht nur weil dieser Don Giorgio so ausnehmend gut aussieht. Es sind die Kameras, es ist die Allgegenwart der Bilder, es sind unser aller gefräßige Augen. Die Kameras sind sehr hungrig, und die Augen auch. Johannes Paul II. bot sich selbst diesem Hunger dar. Er beherrschte das, und er mochte das. Georg Gänsweins Herr ist von anderem Naturell. Da fügt es sich doch gut, dass er in seinem Privatsekretär einen Blitzableiter hat, der die Lichtgewitter auf sich zieht, wenn ihm selbst nach Denken, Beten, Schreiben ist. So wie in dieser blauen Stunde, dort hinter der Doppeltür.