Stil Ihr wurde es zu bunt

Auf Katie Grand hört die Modewelt: Die britische Stylistin erklärt, warum die Mode jetzt mit der Religion spielt

Auf Katie Grand hört die Modewelt: Die britische Stylistin erklärt, warum die Mode jetzt mit der Religion spielt

ZEITmagazin: Frau Grand, die aktuelle Mode spielt mit religiösen Motiven. Erklären Sie uns das bitte!

Katie Grand: Jeder Look hat seinen Ursprung in einer früheren Ära, dieser bezieht sich auf die Achtziger. Neulich saß ich mit Miuccia Prada bei ein paar Drinks, und wir fragten uns, warum die Leute damals so besessen von Religion waren. Wir recherchierten ein bisschen und stießen auf dieses berühmte Bild von Boy George, der sich 1980 als Nonne fotografieren ließ. Wir fanden noch viel mehr – zum Beispiel den religiösen Kitsch in den Filmen von Pedro Almodóvar und Madonnas Video Like a Prayer, in dem sie mit blutigen Kreuzigungsmalen durch eine Kirche tanzt.

ZEITmagazin: Sie haben dann mit Miuccia Prada als Kreativdirektorin für die aktuelle Ausgabe Ihres Magazins Pop eine Reihe von sehr sexy wirkenden Nonnen inszeniert.

Grand: Miuccia führte die Achtziger-Jahre-Manie für Messgewänder auf Fellinis Film Roma zurück. Darin gibt es diese Parade grotesk überzeichneter Kirchengewänder, die uns inspiriert hat: Nonnen mit Flügeln, Priester in Spitzenroben groß wie Zelte, Weihrauch schwenkende Messdiener auf Rollschuhen. Obwohl der Film bereits 1972 gedreht wurde, hatte er einen enormen Einfluss auf die Achtziger Jahre und nahm einige der absurdesten Looks vorweg.

ZEITmagazin: Schwarze Spitze in Miuccia Pradas aktueller Kollektion steht für den Trend der neuen Frömmigkeit. Auch die Mode von Designerlabels wie Givenchy, Saint Laurent und McQueen ist hochgeschlossen, düster und streng. Warum diese abrupte Abkehr von der fröhlichen Hippiemode des Frühjahrs?

Grand: Es wird mit dem Spannungsverhältnis von frivoler Weltlichkeit und Hochgeistigem gespielt. Ganz allgemein versuchen eine Reihe von Designern mit jeder Kollektion etwas radikal anderes zu zeigen als das, was sie vorher gemacht haben. Marc Jacobs zum Beispiel ist mit seiner Herbstmode auf einem harten Eighties-Trip: keine bedruckten Stoffe und eine sehr eingeschränkte Farbwahl, während er im Frühling total romantisch war und so ziemlich jede Farbe verwendet hat, die es gibt.

ZEITmagazin: Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Sex und Religion?

Grand: Es kreist alles immer um das Thema you can’t always get what you want. Es geht um den Gärtner, nach dem die Nonnen aus den Klosterfilmen der achtziger Jahre so verrückt sind.

ZEITmagazin: Was macht Kleidung sexy?

Grand: Das hängt vom Auge des Betrachters ab. Es gibt sehr unterschiedliche Ansichten. Frau Prada etwa findet Faltenröcke, Strickjacken und feste Schuhe sexy. Alle Mädchen, die bei Prada arbeiten, tragen das. Es ist die informelle Prada-Uniform. Ich habe eine traditionellere Vorstellung von einem sexy Outfit: ein Kleid von Azzedine Alaia zum Beispiel.

ZEITmagazin: Sie stehen als Stylistin immer im Schatten der Designer. Wie sieht ein typischer Einsatz aus?

Grand: Irgendwann komme ich ins Atelier und sage, das gefällt mir, das nicht, von diesen Hosen brauchen wir mehr und das hier noch in Grau, Schwarz und Hellblau. Meistens sage ich, lasst uns alles kürzer machen. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich irgendwann mal etwas länger haben wollte.

ZEITmagazin: Wann genau klinken Sie sich in den Designprozess ein?

Grand: Vielleicht zwei Wochen vor der Show. Die letzten zwei Wochen sind die intensivsten. Niemand schläft. Wir reden viel. Bei den Frühjahrsschauen von Vuitton wollte Marc Jacobs zum Beispiel diese Grace-Jones-artigen Hüte haben und ich sehr schwere Schuhe. Ich achte sehr auf die Silhouette, er achtet auf Details. Meine Bezugspunkte sind britisch, seine kommen aus New York.

ZEITmagazin: Was macht eine Stylistin herausragend?

Grand: Defilees sind extremer Stress für Designer, die sich am Ende verbeugen und die komplette Verantwortung übernehmen. Jeder verzettelt sich auf den letzten Metern und denkt viel zu kompliziert. Mein Job ist es, in dieser Situation locker zu bleiben.

ZEITmagazin: Wann wissen Sie, ob Ihre Arbeit gelungen ist oder nicht?

Grand: Erst wenn alle Mädchen aufgereiht sind, um auf den Laufsteg rauszugehen. Manchmal dreht sich Marc dann um und sagt: Wir waren gut dieses Mal.

ZEITmagazin: Und wie entwickeln Sie einen Look?

Grand: Ich habe eine vage Vorstellung von etwas, und dann spinne ich ein bisschen herum mit der Idee. Eigentlich funktioniere ich nur im Team. Wir reagieren aufeinander. Als ich neulich zum Beispiel Marc für Fotoaufnahmen gestylt habe, klatschte ihm der Visagist jede Menge Make-up ins Gesicht. So viel Make-up, dass ich gar nicht anders konnte, als mit einem extrem klassischen Anzug zu antworten.

ZEITmagazin: Wie definieren Sie guten Kleidungsstil?

Grand: Das hängt davon ab, wer etwas trägt und wie er es trägt. Es ist ziemlich einfach, sich eine teure Handtasche umzuhängen. Damit macht man nichts falsch. Ich mag Brüche allerdings lieber als dieses Gepflegtes. Ich würde die teure Handtasche lieber im Zusammenhang mit Fransen, einem zerrissenen Saum oder irgendwas hängendem Goldenen sehen. Im allgemeinen sind die Leute eher schlecht angezogen. Vor allem diesen klassischen amerikanischen Look verstehe ich nicht: beige Hosen, Schuhe mit drei Zentimeter hohen Absätzen, weißes Hemd mit hochgestelltem Kragen und Föhnfrisur.

ZEITmagazin: Es heißt immer, Stylistinnen ließen sich vor allem auf dem Flohmarkt inspirieren. Stimmt das?

Grand: Ich arbeite hauptsächlich mit meinem eigenen Archiv. Ich sammle seit 22 Jahren Kleidungsstücke. Keine Ahnung, wie viele ich inzwischen davon habe.

ZEITmagazin: Ihr Lieblingsstück?

Grand: Ein Dior-Mantel aus dem Jahr 1951. Ein simples Couture-Teil aus schwarzem Wollcrèpe mit Ballon-Ärmeln und Schleife am Hals.

ZEITmagazin: Warum ausgerechnet dieser Mantel?

Grand: Es ist ein Sammlerstück. Ich habe ihn zufällig in einem Pariser Antikladen gefunden. So etwas gibt es kaum noch, schon gar nicht für nur 500 Euro. Es ist einfach schön, ihn zu besitzen.

ZEITmagazin: Woran denken Sie, wenn Sie morgens vorm Kleiderschrank stehen?

Grand: Mein eigener Stil ist praktisch. Ich laufe sehr viel, deshalb ziehe ich meistens bequeme Schuhe an. Manchmal werden meine Alltags-Outfits in Schauen übernommen: eine Kombination aus Paillettenrock, Strickjacke und Stilettos tauchte jedenfalls mal in einer Prada-Show auf.

ZEITmagazin: Sie verwenden selten Make-up, ihre Haare wirken ungekämmt, und vor allem fällt die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen auf. Haben Sie denn jemals dran gedacht, sich die Zähne richten zu lassen? Leisten könnten Sie es sich ja inzwischen – ihr Tagessatz als Stylistin und Fashion Consultant wird auf rund 5000 Euro pro Tag geschätzt.

Grand: Ich habe extreme Angst vorm Zahnarzt. Meine Mutter hat mich zum Kieferorthopäden geschleppt, als ich elf war. Sie wollten operieren, aber ich habe mich total dagegen gewehrt. Später hatte ich diesen Arzt, der mich mit Lachgas betäubte, wenn er meine Löcher stopfte, und andauernd sagte: Ich könnte heute alle Zähne abschleifen, und wir setzen Kronen drauf. Ich weiß noch, wie mein Kopf dröhnte und sich alles in mir sträubte. Ich mag meine schiefen Zähne. Sie stören mich nicht. Ich würde heute seltsam aussehen ohne sie.

Katie Grand arbeitet als Stylistin für einflussreiche Designer wie Marc Jacobs und berät Modefirmen wie Louis Vuitton und Loewe. Die heute 37-jährige Stylistin brach 1993 ihr Studium am Londoner Central Saint Martins College ab, um erste Modechefin des Magazins Dazed and Confused zu werden. Im Jahr 2000 gründete sie das viel beachtete Magazin Pop, welches unter ihrer Leitung dreimal jährlich erscheint.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service