"Suche Karte!" Die Zettel sind sichtlich improvisiert, Kuli auf Knitterpapier, wer rechnet schon damit, dass hier kein Platz mehr sein sollte? Der Hangar 2 des Berliner Flughafens Tempelhof ist 4200 Quadratmeter groß, und Karlheinz Stockhausens Gruppen ist kein Stück, das man schon immer mitgepfiffen hat.

Als Raumschiff der Avantgarde ist es Legende, allein ein Blick auf den Bauplan ist schwindelerregend, und man braucht drei Piloten, um die Triebwerke zu koordinieren: drei Orchester, die rund um das Publikum gruppiert sind. Sehr oft wurde das Stück nicht riskiert seit der Uraufführung vor 50 Jahren, es ist ja immer schade, wenn die Zahl der Mitwirkenden größer ist als die der Hörer. Und nun 1600 Hörer im Hangar! Ausverkaufte Hochkomplexklänge!

Der finale Andrang beim Musikfest Berlin verdankt sich nicht nur den Eventqualitäten, die ein sterbender Flughafen mit dreigeteilten Berliner Philharmonikern verspricht. Ein normales Festival funktioniert so, dass man einen Haufen Konzerte mit beliebigen bekannten Stücken und mindestens einer Netrebko veranstaltet und das Ganze unter ein nettes Motto stellt.

Winrich Hopp macht das anders. Der Organisator des achtzehntägigen Festivals hat kein Motto, dafür aber ein durchdachtes, geradezu komponiertes Konzept. Drei große Katholiken hat er aufeinander bezogen: Anton Bruckner, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen. Diese radikalen Metaphysiker vereinten sich freilich nicht zum weihräuchernden Hochamt. Sie bildeten ein Spannungsdreieck, dem sich weitere Musiksprachen sinnreich anlagern konnten.

So geschah es, dass am Horizont von Bruckners Siebter Messiaens Oiseaux exotiques aufstiegen und Bruckners Achte mit historischen Instrumenten zu hören war, während Barenboims Staatskapelle mit einem reinen Elliott-Carter-Programm die Emanzipation der Zeitmaße erkundete, die auch für Stockhausen wichtig ist.

Das herbe Streichtrio Hoffnung aus Stockhausens Todesjahr 2007 traf in einem umgebauten Klärwerk auf Lachenmanns geradezu mozartmäßig lichten Klassiker Mouvement und ein brodelndes neues Werk von Wolfgang Rihm, auch beim Auftritt der Kölner MusikFabrik im Radialsystem an der Spree blieb kein Platz frei. Dem Publikum hat all das offenbar gefehlt, und es liebt die alternativen Spielstätten. Und die Tatsache, dass der Festivalchef nicht Marketing gelernt, sondern über Stockhausen promoviert hat, ist gut fürs Marketing: Er weiß, worum es geht.

Stockhausen hatte kaum Orchestererfahrung, als er mit 27 Jahren die Orchestermusik neu erfand und 109 Musiker auf drei Ensembles verteilte, um sie in verschiedenen Zeitmaßen spielen, auseinanderdriften, einander treffen zu lassen, von drei Seiten das Publikum umgebend. Wobei Tempi und Tonhöhen und weitere Parameter so eng verknüpft sind, dass ein kleinerer Geist sich mit diesen Vorgaben schlicht erwürgt hätte.