Wohl alle Menschen, die im christlichen Glauben erzogen sind, machen sich im Laufe ihres Lebens Gedanken über die Seele. Was soll man sich darunter um Himmels willen vorstellen? Wo wäre sie zu verorten? Und ist sie wirklich unsterblich?

Auch Duncan MacDougall wird Anfang des 20. Jahrhunderts von solchen Fragen umgetrieben. Der Mediziner aus dem kleinen Städtchen Haverhill im US-Bundesstaat Massachusetts belässt es allerdings nicht bei Spekulationen. Er ist überzeugt: Wenn es die Seele gibt, muss es möglich sein, sie mit wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen. Und so unternimmt MacDougall den wohl aufwendigsten Versuch der Wissenschaftsgeschichte, die Frage nach der Seele empirisch zu lösen.

Er geht dabei von der Überlegung aus, dass die Seele beim Tod eines Menschen dessen Körper verlässt. Folglich sollte dieser beim Sterben leichter werden. Gedacht, getan. Auf eine große Balkenwaage, wie sie auch Gemüsehändler benutzen, montiert der Arzt im Krankenhaus von Haverhill ein Holzgestell, auf das er ein komplettes Gitterbett stellen kann. Am 10. April des Jahres 1901 schließlich schlägt seine Stunde. Denn an diesem Tag liegt in Haverhill ein Tuberkulosekranker, der zugestimmt hat, der Wissenschaft zu dienen, im Sterben. Um 17.30 Uhr wird er in das Bett gelegt, und MacDougall beginnt, penibel jede Veränderung zu protokollieren. Schließlich, um 21.10 Uhr, tritt der Tod ein. »Genau mit der letzten Bewegung seiner Atemmuskeln und im selben Moment mit der letzten Bewegung seiner Gesichtsmuskeln fiel das Ende des Waagebalkens auf die untere Begrenzungsmarke und blieb dort, ohne zurückzuschnellen, wie wenn ein Gewicht vom Bett weggenommen worden wäre«, notiert der Arzt. »Um die Waage wieder auszugleichen, war später das Gewicht von zwei Silberdollar nötig, die zusammen ¾ Unzen wogen.«

Die Balkenwaage zeigte: Der Mensch hat eine Seele, der Hund nicht

¾ Unzen, das entspricht ziemlich genau 21 Gramm, etwa dem Gewicht von einer Scheibe Brot. Duncan MacDougall triumphiert. Er ist davon überzeugt, mit seiner Wiegevorrichtung den »Stoff der Seele« entdeckt zu haben. Innerhalb eines Jahres kann er fünf weitere Sterbende auf seine Seelenwaage legen – erhält allerdings jedes Mal unterschiedliche Resultate. Mal sinkt das Gewicht um 31 Gramm, mal nur um 10 Gramm, mal scheint das Gewicht zunächst zu sinken und dann wieder zu steigen. Dennoch fühlt sich der Seelenforscher auf der richtigen Spur. Als er denselben Versuch mit 15 Hunden durchführt, bewegt sich die Waage kein Stück! Damit scheint klar: Der Mensch hat eine gewichtige Seele, der Hund nicht. 1907 schließlich veröffentlicht MacDougall seine Resultate in den Zeitschriften American Medicine und Journal of the American Society for Psychical Research.

Wie zu erwarten, gehen die Meinungen der Fachwelt auseinander. Manche halten die Experimente für kompletten Unsinn, andere glauben, MacDougall habe »die wichtigste wissenschaftliche Entdeckung aller Zeiten« gemacht. Doch niemand findet sich, der das Experiment wiederholt. Erst in den dreißiger Jahren stellt der Lehrer Harry LaVerne Twining in Los Angeles ähnliche Versuche mit Mäusen an – und beweist, dass MacDougall einem Trugschluss aufgesessen ist.

Dabei scheinen Twinings Experimente zunächst zu zeigen, dass Mäuse ebenfalls eine Seele haben. Auf eine Balkenwaage stellt er ein Becherglas mit einer lebenden Maus und einem Stück Zyankali, tariert die Waage aus und hebt das Gift dann vorsichtig in das Becherglas. Als nach 30 Sekunden die unglückliche Maus verendet, schlägt der Waagebalken – wie bei MacDougalls Patienten – nach oben aus. Doch dann ersinnt Twining ein alternatives Verfahren: Er schließt die Maus in eine Glasröhre ein und versiegelt diese, sodass das Tier qualvoll verendet. Und bei diesem Experiment – das heute von keiner Ethikkommission gebilligt würde – zeigt die Waage keine Gewichtsveränderung. Daraus schließt Twining, dass eine sterbende Maus ebenso wie ein Mensch im Moment des Todes auf einen Schlag eine größere Flüssigkeitsmenge verliert und dass dies die Gewichtsänderung erklärt. Ein hermetischer Glaszylinder (oder ein Hundefell) verhindert diesen Effekt, weil die Flüssigkeit nicht entweichen kann.