Medien : Wir sind Schurken

Computerspiele sind heute das größte Massenmedium. Die erfolgreichsten Neuerscheinungen kommen aus der kalifornischen Stadt Irvine. Dort entwickelt die Firma Blizzard ihre Kunstwelten: Droht ihren Spielern eine reale Gefahr?

Die Büste ist grün wie Galle. Vier Meter hoch ragt sie empor, und ganz oben, auf einem stierigen Nacken, sitzt der kleine Kopf. Die Nase wurde sicher mehrfach zerschlagen und ist krumm zusammengewachsen. Nun schmückt sie ein goldener Ring, während aus dem unterbissigen Kiefer gelbe Hauer hervorstehen. Gewalttätig, einfach nur garstig sähe dieser Ork aus, wenn er nicht aus so traurig gutmütigen Augen herabblickte – wie ein Gefangener aus seinem Käfig.

Seine Bewunderer verstehen das nur zu gut. Sie stehen in schlottrigen Jeans und T-Shirts vor ihm, und viele von ihnen wissen offenbar nicht, wohin mit ihren langen Gliedmaßen. Heranwachsend und pickelig blicken sie zum Ork auf – aus ihren jungen, gutmütigen Augen.

Das traurige Wesen und seine Fans haben sich in Paris getroffen, doch eigentlich kommt der Ork aus einer anderen Welt. In Irvine in Kalifornien wurde er erschaffen, bekam von Entwicklern der Firma Blizzard seine Gestalt und seine Rolle im Computerspiel World of Warcraft – wo er nun haust. Seinen Fans ist er deshalb in der physischen Welt nie näher gewesen als in Paris, wo sich 10.000 auf einem Fantreffen drängten, 10.000 von 10,7 Millionen Menschen, die World of Warcraft spielen.

Zunächst kaufen Spieler ein Programm für ihren Computer, dann schließen sie ein Abonnement ab, das in Deutschland monatlich um die zwölf Euro kostet. Besitzen sie auch einen schnellen Internetzugang, ist der Weg frei, um durchs Internet in die World of Warcraft zu reisen.

Diese lehnt sich in vieler Hinsicht an den Roman Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien an, und auch wer nur die gleichnamige Hollywood-Verfilmung von Peter Jackson gesehen hat, wird die Parallelen erkennen. Elfen, Menschen, Gnome, Orks und Zwerge bevölkern das Computerspiel, das ein anderes Erleben bietet als Kinofilm und Roman: Während der Leser Zeile für Zeile einer vorgegebenen Geschichte folgt und der Zuschauer sich der Bildgewalt eines Regisseurs unterordnet, greift der Computerspieler in die Handlung ein. Denn er ist der Ork. Der Elf. Der Zwerg. Er steuert seine eigene Figur und erschafft in einem vorgegebenen Rahmen seine eigene Geschichte.

Computerspiele sind das jüngste und am schnellsten wachsende Massenmedium, und als solches steht es in mal engerer, mal weiterer Verwandtschaft zu anderen Massenmedien unserer Zeit: näher an Kino, Fernsehen, Internet, entfernter von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Radio. Eine moderne Gesellschaft wäre ohne Massenmedien gar nicht vorstellbar. Denn sie wird dadurch angeregt, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Massenmedien stellen Gemeinschaft her und liefern den Stoff, über den die Menschen miteinander reden – weil sie das Gleiche gesehen, gehört oder gelesen haben. Wahrscheinlich wären moderne Gesellschaften nicht einmal entstanden, wenn es nicht mit dem Buchdruck eine erste Technik gegeben hätte, Literatur und politische Ideen industriell zu vervielfältigen. Nur so konnten sie in kurzer Zeit ein großes Publikum erreichen.

Mit dem technischen Fortschritt haben sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts weitere Massenmedien entwickelt – mit ihrer jeweiligen Mischung aus Information und Unterhaltung. Als letztes die Computerspiele mit einigen Hundert Millionen Anhängern bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Technisch verbreitet werden sie auf CD-ROMs, auf Speicherkarten und über Computernetzwerke, auf die man übers Internet oder über Mobilfunknetze zugreifen kann. Gespielt wird auf Handys, auf tragbaren Spielkonsolen und Standgeräten, die an den Fernseher angeschlossen werden. Alternativ laufen viele Computerspiele auch auf dem heimischen PC.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Cum grano salis

Das erhöhte Aggressionsniveau nach dem Computerspielen kommt übrigens nicht von deren gewaltträchtigem Inhalt, sondern vom Spieltempo und der ständig drohenden Gefahr das Spiel zu verlieren.

Wenn man zum Beispiel ein Spiel programmieren würde, in dem der Protagonist Jesus Christus ist, welcher Todkranke durch Handauflegen heilt, er dazu aber eine besondere Fingerfertigkeit benötigt, ohne die der Patient rasch stirbt (Game Over für Jesus), und die sich von Level zu Level steigert, dann - so behaupte ich - stellt sich nach dem Spiel dieselbe Aggressivität ein, wie nach dem Spiel eines Ego-Shooters.

Das habe ich jedenfalls schon an mir selbst erlebt, wenn ich quasi-aggressionsfreie Spiele gespielt hatte (z.B. der Kategorie Jump'n'Run), und sogar an einem Kind, das ein Lernspiel zur Rechtschreibung gespielt hat.

Ich behaupte nicht, dass ein Ego-Shooter keine gewaltverherrlichende Lernerfahrung auslösen würde, aber man sollte sich dennoch von dem nachfolgenden Aggressionsschub keine besondere Evidenz erwarten. Er ist einfach eine Manifestation der bereits vor Beginn des Spiels vorhandenen Suche nach spannenden oder riskanten Betätigungen.

Was ein Stuß

Nenene,
Dieser Artikel hat mich wieder einmal sauer aufstoßen lassen. Man bemühte sich offensichtlich alles neutral darzustellen und trotzdem stellte sich bei mir schon nach den ersten par Sätzen dieses Gefühl ein, dass der Autor nicht wirklich weiß worüber er redet.
Die Tonlage bei dieser Art von Artikeln ist immer die gleiche und sie wirkt zu bemüht und zu unerfahren.

Die Anspielungen auf Frauenfeindlichkeit, Machogehabe und Suchtverhalte machen es nicht besser. Entweder sie haben Argumente und Fakten und wollen damit etwas aussagen, dann bitte her damit oder nicht und dann kann man aber auch diese Anmerkungen unterlassen. Schließlich reden wir auch nicht jedesmal über Pornos, Gewaltfilme, Horrorfilme und Propaganda Produktionen wenn wir über das Medium Film sprechen.

Wieso wird nicht erwähnt, dass es dutzende Studien gab die keinerlei Zusammenhang zwischen Videospielen und Gewaltschaftbereitschaft oder Aggressionspotenzial herstellen konnten?

Wieso sind "Ego shooter" generell schlecht oder böse? Wieso ist es so lobenswert wenn Sportspiele entwickelt werden? Es hört sich ja gerade so an als müsste sich das primitive Medium Computerspiele erst noch von seiner Gewalttätigkeit befreien bis es ein vollwertiges Mitglied der Medien werden kann so wie Filme, Fernsehen und Bücher? Klingt komisch, nicht?
Was bitteschön ist falsch mit einem guten Ego shooter, was richtig mit einem guten Actionfilm ist? Versteht mich nicht falsch, es gibt Spiele die nicht ok sind aber so gibt es Filme. Die Tatsache dass sich jeder darüber wundert wie Spieler es toll finden können Massen von Gegnern umzulegen finde Ich schon verblüffend. Wie viele Statisten werden denn in einem guten Actionstreifen "umgenietet"? Da haben wir als Kinder doch auch den anderen Westernhelden gespielt und uns gegenseitig umgenietet. Ich sage nicht das es, dass gleiche wie Computerspielen ist aber die Motivation ist die gleiche, genauso wie das Motiv.

Und dann wird der Amoklauf wieder mit erwähnt und Ich dachte nur jetzt ist es vorbei. Momentan konnte noch keine mir bekannte Studie eine eindeutige Verbindung belegen (wie bereits erwähnt). Und selbst wenn es einen Einfluss hätte. Wollen sie mir ernsthaft weismachen dass dieser Einfluss bedeutender wäre als der von Familie, Erziehung, Waffenverfügbarkeit, Freunden, Gesellschaft, Fernsehen, Erfahrungen und Veranlagung? Ich glaube einfach nicht dass ein möglicher momentan noch nicht belegter Einfluss auch nur entfernt soviel Unterschied machen könnte wie Umfeld und die Verfügbarkeit von Waffen. Also wenn es keine neuen Studien gibt, sowie immer noch keine Belege und es sich außerdem um extreme Einzelfälle dreht, was soll das dann hier, vor allem in dieser Form? Sie wollen mir doch nicht jetzt erzählen, dass Amokläufer so wohlmöglich das Zielen lernen oder?

Auch dann immer diese einzelnen Ausschnitte aus den Spielen, "ein Barbar....", machen an sich doch echt nicht viel Sinn und muten doch ziemlich merkwürdig an. Das hört sich ungefähr so an als wenn jemand Matrix folgend beschreiben würde, " Ein mit Sonnenbrille und Ledermantel gekleidete Gestalt, bis an die Zähne bewaffnet schreitet gelassen in einen Raum" Was daraufhin folgt ist ein blutiges Gemetzel in dem es leere Patronen Hülsen zu regnen scheint. Dies alles wir alles äußerst stylisch und "cool", wie die Jugendlichen sagen würden, dargestellt. Es verursacht ein verlangen das gerade gesehene selbst erleben zu wollen usw.....

Auch, "Dass er von Dingen unterhalten wird, die zu einem sehr traditionellen Verständnis von Männlichkeit passen, darüber witzelt selbst seine persönliche Pressefrau." Ja und das in Filmen und im Fernsehen so etwas natürlich nicht Gang und Gebe ist, ist uns natürlich allen bewusst. Natürlich setzen Filme wie Bad Boys II auf ausgeklügelte Pädagogik und ein starkes Frauenbild.... Ich will damit nur sagen, dass das Verständnis von traditioneller Männlichkeit eher ein Gesellschaftliches Thema ist, als eins das speziell in Computerspielen auftritt.

Sowieso finde Ich, dass man die meisten Vorwürfe und Anschuldigungen alle schon mal gehört hat. Nur erst waren es Bücher und dann Filme. Bei Filmen hieß es auch das durch das intensivere Erlebnis..... Jedes neue Medium scheint sich den gleichen Vorwürfen stellen zu müssen die auf Phänomenen beruhen die hauptsächlich unsere Gesellschaft wiederspiegeln.

Wir schauen gerne Actionfilme, spielen Ego shooter und lesen Kitsch Romane. Passiert dies aufgrund der Filme, Spiele und Bücher die vorhanden sind oder liegt es vielleicht eher daran was verlangt wird.
Anstelle mit dem Finder auf ein Medium zu zeigen sollte man lieber auf die Gesellschaft deuten, da gibt es wirklich noch viel zu erledigen und das wird auch wirklich einen Einfluss haben. Daran zweifelt auch keine Studie mehr.

Ich bin enttäuscht, dass der Spiegel einen Artikel veröffentlicht der, klischeehaft, flach und vor allem mit so erschreckend wenig Wissen über das Medium verfasst wurde. Zwar noch besser als viele ZDF und ARD Beiträge, die meines Erachtens den Gipfel des Eisberges darstellen, aber nicht viel besser.
Ein erschreckendes Beispiel wie ungebührend ein so populäres Medium behandelt wird. So liest es sich mehr als der Bericht eines Analphabeten über das Medium Buch, klar er kann über generelle Trends und Bücher berichten aber irgendwie wirkt er wie ein Fremder in einem ihm unbekannten Areal, unbeholfen, verunsichert und verwundert. Wenn Kritik dann bitte richtig und wenn Berichterstattung dann bitte von jemand der eigentlich Ahnung hat wo von er redet. Sonst entsteht nämlich sowas und das haben wir schon genug, dafür brauch man nicht den Spiegel lesen.

Ich wünsche allen noch einen schönen Tag.

Cannor

Zusammenhang

"Zu viele audiovisuelle Eindrücke vermindern die Lebenschancen."

Das ist nur der halbe Wahrheit. "Verminderte Lebenschancen erhöhen audiovisuelle Eindrücke" gehört da dazu.

Wenn man ein unangenehmes Leben führt, dann versucht man dem zu entfliehen oder es zu lindern, oft durch "audiovisuelle Eindrücke". Wenn man kein Geld hat, dann bleibt einem praktisch gar nichts anderes über, als vor dem Fernseher oder Computer zu hocken, um nicht zu versauern. Weil ein Garten haben, eine Familie oder eine sinnvolle Arbeit usw., das ist heute für viele Menschen schlicht nicht erschwinglich oder aus sonstigen Gründen (psychisch) nicht erreichbar.