Lothar Matthäus
"Vielleicht überlege ich heute mehr"
Lothar Matthäus über begangene Fehler, seinen Trainerjob bei Maccabi Netanya in Israel und eine mögliche Rückkehr in die Bundesliga. Ein Interview
DIE ZEIT: Herr Matthäus, nun sind Sie in Ihrer Trainerlaufbahn bei Maccabi Netanya gelandet. Nicht gerade eine internationale Spitzenmannschaft.
Lothar Matthäus: Aber eine interessante Aufgabe, wie alle anderen zuvor: Ungarns Nationalmannschaft, Partizan Belgrad, Rapid Wien, beide mit großer Tradition, dann Salzburg, die Nummer eins in Österreich. Also, ich kann keinen Makel entdecken.
ZEIT: Der israelische Fußball zählt nicht zu den ersten Adressen, nicht mal zu den zweiten. Haben Sie keine besseren Angebote?
Matthäus: Ich hatte Anfragen, die sportlich interessanter waren. Wie ernsthaft das war, weiß ich nicht, ich habe sie nicht weiter verfolgt, sondern das israelische Angebot angenommen.
ZEIT: Warum? Geld wird bei einem so kleinen Verein nicht im Überfluss fließen.
Matthäus: Den Ausschlag hat meine Beziehung zu dem Land gegeben. Ich habe seit einigen Jahren eine Menge Freunde hier, mir gefällt das Land, mir gefallen die Menschen hier. Ich bin hier auch vor meiner Zeit bei Maccabi immer offen, herzlich und voller Wärme aufgenommen worden.
ZEIT: Sie sind der erste deutsche Trainer hier.
Matthäus: Ich verbessere mal. Uwe Klimaschewski soll hier Mitte der achtziger Jahre kurz gearbeitet haben. Ich weiß, das ist ungewöhnlich. Aber der Fußball ist weltoffen.
ZEIT: Sie sagen, Sie kennen Land und Leute. Wie oft waren Sie hier, was kennen Sie von Israel?
Matthäus: Das ist jetzt ein Test, nicht wahr, der Lothar Matthäus plappert ja gerne mal etwas dahin. Ich war in Jerusalem das erste Mal vor 30 Jahren während eines Trainingslagers von Borussia Mönchengladbach, ich war auch einmal in Tel Aviv. Kennen kann man dazu nicht sagen, aber das habe ich inzwischen durch meine Freunde gründlich nachgeholt. In den vergangenen fünf Jahren bin ich jährlich drei-, viermal nach Israel gereist. Soll ich Ihnen das Land zeigen? In Jerusalem war ich jetzt achtmal, am Toten Meer, in Nazareth, Jericho. Als ich nach meiner Verpflichtung sagte, dass mir Israel schon lange gefällt, war das eben nicht dahergeplappert.
ZEIT: Haben Sie sich in irgendeiner Weise speziell auf dieses Engagement vorbereitet?
Matthäus: Wir kennen alle die deutsche Vergangenheit, ich brauchte keine Auffrischung. Was aber erstaunlich ist und was mir in den vergangenen vier Monaten, in denen ich jetzt da bin, wieder auffällt, es spricht hier niemand über den Holocaust, zumindest nicht mit mir.
ZEIT: Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern München, hat hämisch angemerkt, dass die Kanzlerin sicherheitshalber schon mal den diplomatischen Dienst alarmieren solle. Ernsthaft: Hat sich das Auswärtige Amt mal gemeldet, um Sie zu sensibilisieren für Ihren Aufenthalt?
Matthäus: Ich bin jetzt 47 Jahre alt, ich weiß inzwischen, wie ich mich zu benehmen habe. Ich weiß auch, dass ich in der Vergangenheit nicht viele Fettnäpfe ausgelassen habe. Und ich will gar nicht an alle erinnert werden.
ZEIT: Spielte die politisch instabile Situation in Israel eine Rolle bei Ihren Überlegungen, herzukommen?
Matthäus: Das Leben in Israel dürfte im Moment nicht wesentlich gefährlicher sein als in vielen anderen Teilen der Welt. Schauen Sie, ich liebe den Fußball. Ich bin auch seinerzeit, drei Jahre nach dem Krieg, nach Serbien gegangen und habe dort die Kriegswunden noch gesehen.
ZEIT: Eine Selbsteinschätzung: Fühlen Sie sich als Botschafter, als Brückenbauer zwischen Deutschland und Israel?
Matthäus: Ach was. Ich bin Fußballtrainer, der mit dieser Mannschaft Erfolg haben will, der mithelfen will, ein Jugendprogramm aufzubauen. Mehr nicht, und dabei geht es mir sehr gut hier.
ZEIT: Wie leben Sie hier? Im Hotel, wie viele Trainer gerne, weil sie auf dem Absprung sind?
Matthäus: Trainer haben immer Engagements auf Zeit. Ich bin aber nicht auf dem Absprung, ich habe sechs Wochen im Hotel gewohnt und dann eine sehr schöne Wohnung in Herzliya unmittelbar am Meer gefunden, eine Viertelstunde von Tel Aviv entfernt, eine Viertelstunde vom Trainingsplatz in Netanya, ich habe Strand, Meer, Sonne eine hohe Lebensqualität. Ich habe gute, nein herausragende Restaurants in der Nähe und beste Einkaufsmöglichkeiten.
ZEIT: Sie gehen einkaufen?
Matthäus: Natürlich, täglich, habe ich immer gemacht, ich kenne auch die Preise.
ZEIT: Kennt man Sie denn inzwischen in Israel?
Matthäus: Der Fußball hat hier nicht den Stellenwert wie etwa in Deutschland. Aber trotzdem, ja, man erkennt mich, was ich besonders bei Reisen ins Ausland spüre. Die Prozedur am Flughafen ist zwar generell nicht mehr so schlimm wie vor ein paar Jahren, aber diese kleine Bevorzugung genieße ich schon.
ZEIT: Spielen ansonsten die israelischen Lebensumstände für Sie eine Rolle?
Matthäus: Ich nehme natürlich Rücksicht auf den Sabbat, auf die Feiertage, an denen nicht gearbeitet und nicht einmal das Auto bewegt werden darf. Am Sabbat etwa trainieren wir so, dass die Spieler rechtzeitig vor Sonnenuntergang bei ihren Familien sind. Ich weiß, wo ich bin, ich weiß, was hier zum Leben dazugehört.
ZEIT: Sie wirken auch sehr viel entspannter und abgeklärter als in all den Jahren zuvor.
Matthäus: Ob das immer alles so richtig war, wie ich in der Öffentlichkeit dastand, sei mal dahingestellt. Sagen wir so, ich gehe auf die fünfzig zu, da wird man vielleicht etwas ruhiger.
ZEIT: Und dann könnte der Weg doch einmal in die Bundesliga führen?
Matthäus: Ich habe zweimal mit Bundesligisten verhandelt. Das waren der 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt. Beide Male scheiterte es, so wurde mir gesagt, an negativen Äußerungen von Fans, die in mir den Bösen vom FC Bayern München sahen. Beide Male fühlten sich die Vereine nicht stark genug, mich durchzusetzen.
ZEIT: Was glauben Sie selbst, woran das liegt?
Matthäus: Ich weiß es nicht, vielleicht war ich mitunter zu offen, vielleicht habe ich auch Fehler gemacht, ich überlege heute vielleicht erst einmal mehr, bevor ich meinen Mund aufmache.
ZEIT: Und Sie sind, was für alle Beteiligten erfreulich ist, nicht mehr so omnipräsent in der Boulevardpresse.
Matthäus: Aber das bin ich doch schon seit sechs, sieben Jahren nicht mehr. Ich habe noch eine sportliche Kolumne, ich glaube nicht, dass ich mit der jemandem wehtue, aber, und das meinen Sie ja, zur Bild habe ich gar kein besonderes Verhältnis. Und ob ich wieder geschieden bin, ob ich eine junge Freundin habe – das ist mein Privatleben. Ich auf jeden Fall würde mir die Aufgabe in der Bundesliga durchaus zutrauen.
ZEIT: Und die in der Nationalmannschaft?
Matthäus: Das stand kurz zur Diskussion, als Rudi Völler aufhörte, das hing auch mit meinem sehr guten Kontakt zu Franz Beckenbauer zusammen. Die Frage stellt sich heute nicht.
Das Gespräch führte Helmut Schümann
- Datum 10.12.2008 - 14:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
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als ob ein Engagement in Israel "nur" im Zusammenhang mit der Deutsch-Jüdischen Geschichte eine Bedeutung hat, aber solche Verdrängung offenbart eine wenig rühmliche Gleichgültigkeit gegenüber den "Idealen", die man als Anspruch präsentieren möchte. Beispielsweise war die Empörung gegenüber fragwürdiger chinesischer Unterdrückung in Tibet Anlass, Olympia boykottieren zu sollen. In Tibet werden Menschen, ob Chinesen oder Tibeter gleichermaßen unterdrückt, während in Israel die Palästinenser unter einer völkerrechtlich illegalen Besatzung fortwährend mit Freiheits- und Rechteentzug unter permanent seit 40 Jahren stattfindenen Landraub unterdrücken.
Es ist zwar im Persönlichen schön für den Interviewer und Matthäus, dass beide sich so wie die große Mehrheit der hiesigen Bevölkerung gegenüber von Israel begangenem und noch begangenen Unrecht mit Wahrnehmungsverweigerung befreien können, doch gegenüber der Situation in Israel wird dies alles andere als gerecht. Ja klar, Matthäus ist nur ein Fussballer, der dort bestimmt sehr gute Arbeit abliefert, und den Sportlern und deren Fans sei es gegönnt, aber in politischen Belangen ist er sicher sehr unbeholfen. Umso mehr trägt der Interviewer Verantwortung für das Ausblenden der politischen Situation, ja gar der vorsätzlichen Täuschung gegenüber Lesern dieses Interviews, dass Israel so dargestellt wird, als ob es völlig natürlich wäre, die Palästinenser derart ihrer Grundrechte zu berauben und zu quälen. Dies indem man kein EINZIGES Wort darüber verliert.
Man kann meinen Kommentar natürlich so einstufen, dass der nichts mit dem Artikelhema zu tun haben soll, was die Verantwortlichen für diesen Kommentarbereich bestimmt sich einzureden versuchen werden, doch eine Zensur (auch das Abschalten aller Kommentare ist oft eine Zensur in diesem Sinne) wäre nur die logische Fortsetzung der Wahrnehmungsverweigerung. Doch viele sind allzu bereit diese Wahrnehmungsverweigerung zu leben, um an anderer Stelle scheinheiligen Humanismus als sein Eigen zu wähnen, wie beispielsweise gegen China.
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