Jetzt ist die Wahrheit raus. Österreich ist in Wirklichkeit Brigadoon, jenes verwunschene Dorf im schottischen Hochland, wo die Zeit stillsteht; der Ort erscheint alle hundert Jahre für einen einzigen, perfekten Tag. Es gibt keinen Ärger hier in der Alpenrepublik, in diesem sorgenfreien Land voller Überfluss und Frieden, wo alle Beziehungen persönlich sind und jeder flüchtige Moment ein Grund zum Feiern ist.

Woher ich das weiß? Werner Faymann und Wilhelm Molterer haben es mir erzählt. »Kein Grund zur Panik«, lautete Faymanns Reaktion auf den Kollaps von Lehman Brothers, der viertgrößten US-Investmentbank, die als Folge der Immobilienkrise kürzlich Insolvenz anmelden musste. Das sei »ein amerikanisches Problem« mit nur beschränkten Auswirkungen auf unser Leben hier. Auf diesem Standpunkt beharrte der SPÖ-Spitzenkandidat.

Offenbar ist ihm die Meldung entgangen, dass die Raiffeisenbank 252 Millionen »Risikopositionen« mit Anleihen bei Lehman Brothers hält. Und ebenso verpasste er den Kommentar der Bank, dass nur »sehr wenig große Finanzinstitute von der Krise nicht betroffen sind« – in Zahlen sind das landesweit insgesamt 600 Millionen Euro.

Wilhelm Molterer sollte es besser als jeder andere wissen. Schließlich ist er nicht nur ÖVP-Obmann, sondern auch Finanzminister. Als solcher bekommt er exklusive Meldungen, von den Wahrsagern der Nationalbank, von den Aufpassern der Finanzmarktaufsicht und von einigen anderen hohen Tieren.

Doch auch er scheint in Brigadoon zu leben: Österreichs Banken und Versicherungsgesellschaften würden von der Lehman-Krise »kaum betroffen sein, wenn überhaupt«, beteuerte Molterer vergangene Woche. Daher riet er den Österreichern auch, ihr Geld sogleich in Anlagekonten und Lebensversicherungen zu investieren. Vielleicht dachte er dabei an all die Witwen und Waisen, die zurückbleiben, wenn die Anleger erst einmal damit beginnen, aus den Fenstern zu springen.

Natürlich ist es kein Geheimnis, woher er das alles hat. Ein Finanzsystem hängt ebenso sehr vom Vertauen ab wie von der Liquidität. Solange wir glauben, dass unser Geld am Kassenschalter auf uns wartet, ist die Chance größer, dass es tatsächlich immer noch dort ist.

Aber Politiker, die vorgeben, Führungsqualitäten zu besitzen, sollten die Öffentlichkeit nicht belügen oder annehmen, die Wähler wären zu dumm, um eine echte Krise zu erkennen, wenn sie ihnen ins Gesicht starrt. Diese Art von Arroganz führt in ein Desaster; als Amerikanerin weiß ich das. Die Umfragen – sowohl SPÖ als auch ÖVP liegen unter 30 Prozent – deuten darauf hin, den Österreicher dürfte nicht entgangen sein, dass sie belogen werden. Angesichts einer wirklichen Krise ist es dumm, zu heucheln.