Abi-Forschung Bitte mit Bühnenshow!

Katrin Bauer hat für ihre Magisterarbeit Abitur-Streiche in Deutschland untersucht. Ihr Ergebnis: Klassische Gags sind schon längst nicht mehr gefragt

DIE ZEIT: Frau Bauer, Sie haben sich in Ihrer Magisterarbeit mit Abi-Streichen beschäftigt. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Katrin Bauer: Ich habe schon immer fasziniert Abi-Streiche beobachtet. Schließlich ist das ein ganz wichtiger Bestandteil des Abiturs. So bot sich das Thema für meine Abschlussarbeit in Volkskunde an.

DIE ZEIT: Welches Motto hatten Sie seinerzeit bei Ihrem Abi-Streich?

Bauer: »Ab in die Zukunft.« Da haben wir die Schule verbarrikadiert, die Schüler mit Wasserpistolen bespritzt und eine Abi-Show veranstaltet, wo wir Spielchen mit den Lehrern gemacht haben.

DIE ZEIT: Der Klassiker also.

Bauer: Ja, der aber immer seltener wird. Das Verbarrikadieren wird zwar noch gemacht, aber die Bühnenshow spielt längst eine viel größere Rolle. Die Kinder der Mediengesellschaft stellen Ansprüche, wollen was bieten und etwas geboten bekommen. Sonst gehen sie gleich nach Hause.

DIE ZEIT: Wie und wo haben Sie recherchiert?

Bauer: Ich habe Bonner Schulen befragt und Abi-Filmchen bei YouTube angeschaut. Es gibt zwar kleine regionale Unterschiede, aber der Rahmen ist überall ähnlich.

DIE ZEIT: »Ein Kessel Buntes« statt fieser Streiche – warum sind die Abiturienten heute so zahm?

Bauer: Ein gutes Abitur ist wichtig für den beruflichen Erfolg. Niemand will sich das Abschlusszeugnis versauen, indem er einen Lehrer verärgert – viele Gags finden schließlich vor den Klausuren statt. Früher war es oft so, dass die Lehrer bei der Abi-Show überraschend auf die Bühne geholt wurden. Das hat dazu geführt, dass viele Lehrer gar nicht erst erschienen sind. Heute wird alles im Voraus geplant und abgesprochen.

DIE ZEIT: Ist ein guter Abi-Gag mittlerweile eine Frage des Geldes?

Bauer: An Privatschulen sind diese Veranstaltungen deutlich aufwendiger. Bei einer Feier in Bonn etwa wurden der Direktor und der Oberstufenleiter mit dem Hubschrauber eingeflogen. Aber auch an normalen, öffentlichen Schulen werden bis zu einem Jahr im Voraus Aktionen wie Lotterien, Kuchenverkauf und Sponsoring gestartet, um Geld für den Abi-Gag einzutreiben.

DIE ZEIT: Gibt es gar keine fiesen Streiche mehr?

Bauer: So etwas wie Kaugummi im Türschloss? Das kommt vereinzelt noch vor. Aber die Regeln an den Schulen werden immer rigider. Selbst das, was wir seinerzeit gemacht haben, mit Wasserpistolen, ist an ganz vielen Schulen verboten. Weil es zu viel Dreck macht.

DIE ZEIT: Sind vielleicht auch die Lehrer einfach netter geworden?

Bauer: Dadurch, dass man keine Klassen mehr hat, sondern kleine Kurse, wird die Bindung zu den Lehrern schon enger. Und die setzen nicht mehr so auf Frontalunterricht, sondern auf gemeinsames Erarbeiten des Lehrstoffs.

DIE ZEIT: Welche Rolle spielen »Abi-Denkmäler«, diese kleinen Kunstwerke, mit denen die scheidenden Schüler ein bleibendes Andenken hinterlassen wollen?

Bauer: Die sind erst Ende der achtziger Jahre aufgekommen und haben sich dann sehr schnell verbreitet. Aber während man früher einfach ein Wandbild angefertigt hat oder einen Baum gepflanzt und mit einer Plakette versehen hat, werden heute Granitplatten verlegt, wie man sie vom »Walk of Fame« in Hollywood kennt. Mit richtig teurer Gravur. Es gibt aber auch Denkmäler, wo der ganze Jahrgang in Stein eingemeißelt wird.

Interview: Thomas Röbke.

 
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