Ivanna Stadler, 19, Schülerin einer 13. Klasse an einem Münchner Gymnasium, wusste eigentlich genau, was sie nach dem Abi machen wollte. Aber ein Studium der Kriminalistik lehnte die Mutter ab, von der Idee, bei der Bundeswehr zu studieren, riet ihr der Schwager ab. Jetzt testete Ivanna für die ZEIT drei Beratungsangebote, die ihr helfen sollten, den richtigen Weg zu finden. Die Noten, die Ivanna danach vergeben hat, drücken aus, wie viel ihr die Angebote gebracht haben

Für Ivanna war immer klar: Nach dem Abi geht’s zur Bundeswehr. Dort wollte sie studieren – denn Bundeswehr, das verbindet sie mit Disziplin und Autorität. Dann machte ihr Schwager, der selbst bei der Bundeswehr war, ein paar typische Einstellungstests mit ihr, zum Spaß. Da merkte Ivanna: Die Bundeswehr würde sie körperlich überfordern. Dann kam sie auf die Idee, Kriminalistik zu studieren. Sie liebt Krimis, sie liebt es, Leute zu beobachten und ihr Verhalten zu deuten. Aber Kriminalistik lehnte Ivannas Mutter ab. Das sei »zu männlich«. Und ein Berufsziel um jeden Preis gegen den Willen ihrer Eltern durchsetzen – das wollte Ivanna nicht. Was dann? Ein Job sollte es sein, der ihr »ein Leben lang« Spaß macht. Ivanna ging auf Beratungstour – und lernte dabei eine Menge über sich selbst.

Test 1: Agentur für Arbeit

Vorwissen der Beraterin über Ivanna: Ivannas letztes Schulzeugnis

Der Ablauf/das Gespräch: Ivanna und Beraterin Susanne Grüny sitzen sich an einem kleinen Tisch gegenüber, sie sprechen über Ivannas sehr gute Noten und Zeugnisse, und Frau Grüny will wissen, was Ivanna sich von ihrem Beruf erwartet. Abwechslungsreich soll er sein, denn »ich muss es ja mein ganzes Leben machen«, er soll sicher sein und angesehen. »Das wäre optimal.« – »Sie haben einen hohen Anspruch an sich«, kommentiert Grüny und stellt klar, dass Ivanna nach diesem ersten Gespräch nicht wissen wird, was sie werden will. Denn: »Eine Berufswahl ist ein langer Prozess, und ich kann Sie nur begleiten und Ihnen helfen, dass Sie den richtigen Weg finden. Das ist wie eine Bergtour, und ich bin die, die hinter Ihnen herläuft und sagt: ›Du hast nicht die richtigen Schuhe‹, oder ›bieg doch mal hier ab‹.« Und dann stellt Grüny noch etwas Grundsätzliches klar: Wer sich für ein Studium entscheidet, entscheidet sich damit noch lange nicht für den Beruf, den er einmal ausübt: Wer weiß schon, ob ein Maschinenbaustudent einmal in der Konstruktion landet oder im Management, ob er Journalist wird oder Abiturientenberater wie Grünys Kollege?

»Also«, sagt sie, »nehmen Sie sich den Druck raus, das einzig Optimale zu finden – sonst werden Sie an allem etwas auszusetzen haben.« Klar, dass man so etwas nicht gern hört. Später sagt Ivanna: »Mir war nicht klar, dass ich solche Ansprüche an mich habe.« Der Rat der »Beraterin akademische Berufe«: Sich informieren, so gut wie möglich, und dann auf den Bauch hören. Für Ivanna heißt das konkret: Erstens Freunde und Verwandte fragen, was sie deren Meinung nach besonders gut kann. Zweitens sich strukturiert informieren: Sie soll den dicken grünen Wälzer Studien- und Berufswahl 2007/08 durchgehen und Beruf aktuell: Lexikon der Ausbildungsberufe. Systematisch das Inhaltsverzeichnis lesen, jeden Beruf, jedes Studienfach notieren, das ihr interessant erscheint. Dann vergleichen und Gemeinsamkeiten herausfinden. Hat sie sich Wege notiert, die Kreativität erfordern? Die sie ins Ausland bringen? Die viel mit Lernen zu tun haben oder mit Natur und frischer Luft? Das soll Ivanna helfen, mehr über sich selbst herauszufinden. »Ich bin gespannt, was da herauskommt«, sagt sie.

Für Schüler wie Ivanna, die in allen Fächern gut sind und keine besonderen Schwerpunkte oder Vorlieben nennen, bietet die Agentur für Arbeit in einem zweiten Schritt einen Eignungs- und Interessentest an. Nach dem Test könnte Ivanna noch einmal zu Frau Grüny gehen, um über konkrete Studien- und Berufsinhalte zu sprechen. Und wenn sie ganz genau wissen will, ob sie zum Beispiel für ein Jurastudium geeignet ist und juristisches Denken beherrscht, dann kann sie noch einmal einen Test machen: Einen sogenannten studienfeldbezogenen Beratungstest. Diese wurden zusammen mit den Fachbereichen der Universitäten entwickelt und sollen die Denk- und Arbeitsweisen der verschiedenen Studienfächer abklären.

Kosten: keine
Dauer: Erstgespräch ca. 1 Stunde
Ivannas Urteil: »Entspannt habe ich mich nicht gefühlt. Das Gespräch hat mir nicht viel weitergeholfen.«
Note: 3–
Kontakt: Für jedes Gymnasium in Deutschland ist ein sogenannter akademischer Betreuer der Arbeitsagentur zuständig. Er soll den Schülern auf dem Weg der Berufswahl helfen. An der Schule nach dem jeweiligen »akademischen Betreuer« fragen, oder die kostenpflichtige Servicenummer 01801/55 51 11 der Arbeitsagentur anrufen.
PS: Inzwischen hat Ivanna den Eignungs- und Interessentest absolviert: Einen Vormittag lang saß sie über Block und Papierbögen, kreuzte an und füllte aus, und wenn die Uhr piepste, blätterte sie zur nächsten Aufgabe. Jeder Testteilnehmer wurde von einem Diplom-Psychologen betreut – in Ivannas Fall Angelika Schöntag. Nach einer kurzen Mittagspause besprach Schöntag mit der 19-Jährigen die Testergebnisse, empfahl ihr Studiengänge aus den Bereichen Wirtschaft oder International Business. Als Nächstes wird Frau Schöntag ein Gutachten schreiben und dieses zusammen mit den Testergebnissen an Frau Grüny leiten. Dann werden sich Ivanna und Frau Grüny noch einmal treffen und über konkrete Studienfächer und Studienorte sprechen. Ivannas Urteil über die Arbeitsagentur hat sich geändert. Jetzt vergibt sie
Note: 1. Denn: »Das ist alles kostenlos und sehr informativ. Gerade die Psychologin hat sich intensiv auf meine Wünsche und Bedürfnisse eingelassen.«

Test 2: Institut für Berufsprofiling

Vorwissen über Ivanna: Ivanna hat vorab einen 14-seitigen Fragebogen ausgefüllt. Für den Test ist der nicht nötig, nur wenn man anschließend noch ein Beratungsgespräch wünscht.

Der Ablauf: Ivanna bekommt von der Psychologin Nadine Kespe eine kurze Einführung in den Test, den sie am PC machen wird. Sie muss Aufgaben aus 13 Bereichen bearbeiten: Es geht um praktisches Verständnis und räumliches Vorstellungsvermögen ebenso wie um Kreativität und Verhalten in bestimmten Situationen. Manchmal geht es um Zeit, manchmal ist einfach nur Ivannas Meinung gefragt. Jede Aufgabe wird vorher an einem Beispiel erklärt und geübt. Ivanna nickt, gibt ihren Zugangscode ein und legt los. Interessiert es Sie, Marketingkonzepte zu erstellen? Menschen in Krisensituationen zu beraten? Klicken Sie auf einer Liste in 50 Sekunden alle Männernamen an. Welches Wort passt nicht in die Reihe: akkurat, übertrieben, exakt, genau, passend? 15 Wortreihen, zwei Minuten Zeit. Gesichter mit Namen erscheinen, später muss sie die passenden Namen zu den Gesichtern wiederfinden. Mit einem Kunden gibt es Konflikte – welche der vorgegebenen Lösungen ist die optimale? Ivanna klickt, ist hoch konzentriert. Als die drei Stunden um sind, könnte sie noch ewig weitermachen. »Da waren viele interessante Aufgaben dabei, die ich aus gängigen Tests nicht kannte. Zum Beispiel eine Urlaubsplanung durchgehen.«

Den Machern des Tests, einem Team der HR Diagnostics AG unter der wissenschaftlichen Leitung von Heinz Schuler, Professor an der Uni Hohenheim, geht es aber nicht nur um Stärken und Schwächen der Kandidaten. Am Ende kann der exakte Ausbildungsberuf für den einzelnen Bewerber herausgefunden werden. Dazu wird mit dem Test ein möglichst umfangreiches Profil erstellt. Jeder Teilnehmer bekommt schließlich ein ausführliches Gutachten, darin eine achtseitige Liste mit 325 Berufen, geordnet nach Prozentangaben, die Auskunft geben sollen, wie gut die Berufe zu seinem Profil passen.

Um es gleich zu sagen: Die Ergebnisse sind perfekt. Egal, ob es um Eigenschaften geht wie Extraversion, soziale Kompetenz oder Verhalten in Kundensituationen – Ivanna schneidet in nahezu allen Bereichen überdurchschnittlich ab, nur was ihre Belastbarkeit und Motivation betrifft, könnte sie noch besser werden. Unterdurchschnittlich ist auch ihr Vertrauen in das, was sie kann. »Eigene Leistungsfähigkeit« nennt man das. Als berufliche Interessensgebiete kristallisieren sich der praktisch-technische und der künstlerisch-gestalterische Bereich heraus.

Aber Frau Kespe sagt etwas Erstaunliches: »Den künstlerischen Bereich würde ich Ihnen nicht ans Herz legen – und zwar deshalb, weil er nicht von Ihnen selbst gekommen ist. Denn für Tätigkeiten in diesem Bereich muss man sehr viel Engagement mitbringen.«

Sie empfiehlt Ivanna ein Studium statt einer Ausbildung – denn da würde sie sich irgendwann langweilen. Dennoch stellt sie ihr einige Ausbildungsberufe vor. Kespe spricht von Studiengängen wie Internationales Marketing oder Internationale Betriebswirtschaftslehre und weist, ähnlich wie Frau Grüny von der Agentur für Arbeit, darauf hin, dass ein Studium selten das widerspiegle, was man später im Beruf mache.

Am Ende sagt Ivanna: »Einerseits reizen mich internationale Beziehungen, andererseits lasse ich mich immer mehr für den Bereich Design und Architektur begeistern.« Jetzt wird sie sich mit Bekannten unterhalten, die in diesen Berufen arbeiten, sie vielleicht mal bei der Arbeit begleiten oder eine Vorlesung hören. Die gleichen Schritte hatte man auch in der Arbeitsagentur besprochen. Das Gutachten empfiehlt außerdem, sich bei der Agentur für Arbeit über bestimmte Berufe zu informieren.

Warum man fast 300 Euro zahlt, wenn es Tests und Gespräche auch umsonst gibt? »Kostenlose Angebote sind oft nicht so umfangreich und wissenschaftlich fundiert. Auch kommen bei uns ausschließlich Verfahren zum Einsatz, die sich im Rahmen der Personalauswahl bei Unternehmen bewährt haben. Zudem bekommt der Teilnehmer ein umfangreiches Gutachten und ganz konkrete Berufsempfehlungen und im Fall des »Azubi-Profils« sogar ein Zertifikat, mit dem man die Eignung schon bei der Bewerbung belegen kann«, heißt es vom Institut für Berufsprofiling. Nebenbei: Die Wartezeiten für Testtermine sind auch kürzer – maximal drei bis vier Wochen.

Kosten: 78 Euro für den Test plus 220 Euro für das Gespräch. Seit 15. September gibt es eine abgespeckte Onlineversion des Tests für Zuhause (unter www.berufsprofiling.de), hier geht es nicht nur um Ausbildungsberufe, sondern auch um Studienrichtungen. Dieser Test kostet für Schüler 15 Euro (bis 31.12.2008 nur 10 Euro).
Dauer: Test ca. 3 bis 4 Stunden, Gespräch ca. 1 Stunde
Ivannas Urteil: »Durch den Test bin ich sicherer geworden – ich wusste gar nicht, was ich alles kann.«
Note: 1
Kontakt: Institut für Berufsprofiling, eine Marke der HR Diagnostics AG, Hacklaenderstr. 17, 70184 Stuttgart, info@berufsprofiling.de

Test 3: Internettest Borakel

Vorwissen über Ivanna: Der PC weiß gar nichts.

Der Ablauf: Ivanna verbarrikadiert sich nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer. Um sie herum ist totale Stille. Sie gibt www.ruhr-uni-bochum.de/borakel in ihr Laptop ein, Testsieger unter den Onlineberatungstests bei Finanztest. Dafür mussten die Stadlers erst einmal technisch aufrüsten und einen DSL-Anschluss einrichten. Auf dem Bildschirm erscheinen hellblau unterlegte Texte, die darauf hinweisen, dass man beim »innovativen Online-Beratungstool« der Ruhr-Universität Bochum gelandet ist. Man kann wählen, ob man einen Test zur Berufswahl machen will, klären möchte, ob ein bestimmter Studiengang zu einem passt oder ob man nur ein Filmchen über die Ruhr-Uni sehen möchte. Ivanna interessiert sich für Modul A, den Test zur Berufswahl. Entwickelt wurde der Test unter der Leitung von Professor Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum.

Unter Zeitdruck muss Ivanna Zahlenreihen absteigender Folge sortieren: »Der Einstieg fiel mir ziemlich schwer. Irgendwie war das etwas wirr.« Es folgen Aufgaben zum Testen der Kreativität und Intelligenz. Was kann man mit einer Vase machen, was mit einer Kartoffel? Ivanna moniert: »Schlecht finde ich, dass die Zeit erst von dem Moment an läuft, von dem an man tippt. Da könnte man ja vorher ewig nachdenken – spontan ist das nicht.« Abgefragt wird auch Verhalten im Umgang mit Kunden, dann kommen Rechenaufgaben. Ivanna fragt sich, ob sie dabei den Taschenrechner benutzen darf oder nicht. Erkennen kann sie das nicht. Kann sie eine Aufgabe nicht lösen, klickt sie auf »abschicken«, dann erscheint der Lösungsweg. »Das fand ich sehr gut, die Erklärungen sind nachvollziehbar.« Dann wird sie noch gefragt, was ihr wichtiger ist: Beruf oder Freizeit? Will sie Familie, ja oder nein? Fragen zur Motivation und Selbsteinschätzung.

Das Onlineangebot der Ruhr-Universität richtet sich vor allem an Abiturienten. Professor Wottawa empfiehlt, die Tests einige Monate vor Schulabschluss zu machen. Und zwar beide. Modul A und Modul B. Der erste Test, so Wottawa, erstellt auf Basis der Vorlieben und Fähigkeiten des Kandidaten Aussagen, wie gut jemand zu zwölf wichtigen »beruflichen Entwicklungsrichtungen« passt: Ist jemand besser für den Innendienst geeignet oder den Vertrieb? Soll es Lehramt sein oder die Verwaltung? Lieber selbstständig oder angestellt? In Modul B werden dann konkrete Studiengänge empfohlen: »Modul B sagt, welche Fächer sich freuen würden, wenn genau Du sie studierst«, erläutert Wottawa. Aber er warnt: »Wer für seine Studienwahl nur fünf Minuten Zeit aufwenden will, sollte die Finger von den Tests lassen. Man muss schon bereit sein, etwas Aufwand in Kauf zu nehmen.« Konkret etwa zweieinhalb Stunden, für beide Tests.

Ivanna schickt nach knapp zwei Stunden die letzte Antwort im Test A ab, zwei, drei Minuten später sind die Ergebnisse da. Ivanna braucht zwei Nachmittage, um sie in Ruhe zu lesen. Nicht weil sie so verwirrend wären. Im Gegenteil: Die Analyse ist sehr umfangreich, 36 Seiten, jede einzelne Skala ist genau erklärt. Das Fazit: Die Ergebnisse ähneln denen vom Institut für Berufsprofiling. Hohe Kontaktfreudigkeit und Extraversion, wenig Selbstvertrauen und niedrige Stressresistenz zum Beispiel. Neigt eher zum Angestelltendasein als zum freiberuflichen Arbeiten, arbeitet lieber im Sachbereich als mit Menschen. »Wer Geld sparen möchte«, sagt Ivanna, »für den ist der Internettest richtig. Aber ich würde trotzdem das Berufsprofiling empfehlen. Einfach weil da noch eine Beraterin da ist, die Hinweise und Tipps gibt und Fragen beantwortet.«

Doch auch das Onlineberatungstool gibt konkrete Tipps, was jetzt schon zu tun ist: Allerdings sind das Standardbauteile, und jeder Testteilnehmer kann sich herauspicken, was auf ihn zutrifft. Neigt jemand zu Führungspositionen, wird ihm unter anderem geraten, doch schon mal Sport- oder Reisegruppen zu leiten. Zieht es jemanden in die Verwaltung, erfährt er, dass er sich in »sorgfältigem Arbeiten üben« solle. Oder Ivanna, die es zum Angestelltendasein zieht, könnte beginnen, Kontakte zu knüpfen und viele Praktika zu machen.

Immerhin weiß Ivanna jetzt, wo es hingehen soll: in den Bereich internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Kosten: keine. Nur die Internetgebühren, wenn man keine Flatrate hat
Dauer: Modul A ca. 1,5 bis 2 Stunden, Modul B ca. 40 Minuten
Ivannas Urteil: »Mir wäre es lieber, ich hätte einen festen Termin gehabt, an dem ich den Test machen muss. Es war interessant zu wissen, ob sich die Ergebnisse aus den verschiedenen Tests decken.«
Note: 2+
Kontakt: www.ruhr-uni-bochum.de/borakel/

Übrigens: Beim Durchblättern des grünen Buches vom Arbeitsamt hatte sich Ivanna überdurchschnittlich häufig Berufe aus dem Bereich internationale Wirtschaft und solche mit Schwerpunkt Design oder Architektur markiert. Na bitte, so schließt sich der Kreis.

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