Frühstudium Die Campus-Küken

Warum schon Zwölftklässler an der Uni studieren

Vorher denkt er: Das wird jetzt trocken, aber da muss ich durch. Es ist Freitagabend, und Djamschid Safi weiß: Für andere beginnt in diesem Moment das Wochenende. Trotzdem, er will etwas lernen, will herausgefordert werden, deshalb sitzt er hier, im großen Hörsaal der Technischen Universität Harburg. Als die Vorlesung beginnt, spricht der Professor von Vektoren und komplexen Zahlen – von Dingen, die man eigentlich in der 13. Klasse zum ersten Mal hört. Djamschid ist Zwölftklässler. Er und 30 andere Schüler sitzen an diesem Herbsttag im Hörsaal, weil sie Mathematik mögen. Sie sind Frühstudenten.

Etwa 55 Universitäten in ganz Deutschland machen es wie die TU Harburg bei Hamburg: Sie bieten Vorlesungen für Schüler an, ein sogenanntes Frühstudium. Dort wird genau der gleiche Stoff durchgenommen wie in den richtigen Vorlesungen, in genau dem gleichen Tempo. Einige Schüler besuchen die Vorlesungen sogar gemeinsam mit den Studenten, und auch Djamschid nimmt an Übungen teil, in denen Schüler und die um Jahre älteren Studenten gemeinsam Probleme lösen und besprechen.

»Am Anfang kam ich mir schon ein bisschen verloren vor«, sagt der 18-jährige Djamschid heute, knapp ein Jahr nach seiner ersten Vorlesung. »Die anderen Schüler kamen aus ganz Hamburg und Umgebung. Ich kannte niemanden, war auf mich allein gestellt.« War der Stoff denn tatsächlich so trocken, wie er vorher angenommen hatte? »Überhaupt nicht«, sagt Djamschid. »Der Professor war mit viel Feuer und Elan bei der Sache!« Zwei Scheine hat er mittlerweile gemacht: Mathematik I und II. Die kann er sich bei Beginn seines richtigen Studiums anrechnen lassen – auch wenn er nicht Mathematik studiert. Denn die Scheine sind in mehreren Studiengängen Pflicht. »Ich nutze das Frühstudium auch, um herauszufinden, was ich nach der Schule machen will«, sagt Djamschid. »Jetzt weiß ich, dass die reine Mathematik zu trocken und theoretisch für mich ist. Ich glaube, ich gehe eher in Richtung Ingenieurwesen.«

Einer, der das gewiss gern hört, ist Wolfgang Mackens. Mackens hat das Frühstudium an der TU Harburg aufgezogen, und er sagt, dass eine Exportnation wie Deutschland gute Nachwuchs-Ingenieure brauche. »Die Leute müssen früher gefördert werden. Wir müssen ihnen zeitig auf den Weg helfen, den sie gehen wollen.« Natürlich gebe es genug Schüler, die zu Hause nicht gefördert würden, die benachteiligt seien, um die man sich besonders bemühen müsse. Aber, so Mackens: »Es sind auch die benachteiligt, die besonders leistungsfähig sind. Ein Lehrer kann einfach nicht jedem in der Klasse gerecht werden. Da bleiben die Leute ohne Lernschwierigkeiten oft hintenan.«

Djamschid kennt das nur zu gut. Matheunterricht, das bedeutet für ihn meist Langeweile. Immer wieder wird der neue Stoff an ähnlichen Aufgaben geübt, immer wieder an der Tafel vorgerechnet. Djamschid ist meist der Erste, der fertig ist, arbeitet nebenher an mathematischen Problemen für die Uni. Fragt der Lehrer: »Wer weiß die Antwort?«, dann meldet er sich nicht. Klar weiß er die Antwort. Aber das ist doch unfair, findet er, die anderen sollen die Zeit haben, die sie brauchen. Wegen mangelnder mündlicher Beteiligung bekommt er deshalb im Halbjahreszeugnis einen Punkt Abzug. 14 statt 15 Punkte. Für jemanden wie Djamschid ist das schon fast eine schlechte Note.

Frühstudenten sind es gewohnt, gut zu sein. An der Uni stoßen sie zum ersten Mal an ihre Grenzen. So wie Anna-Lena Martins. Sie begann schon während der 11. Klasse ihr Frühstudium in Mathematik. Ihre erste Klausur wurde zu einer wahren Bewährungsprobe: Anna-Lena bestand geradeso, mit der Note 3,7. Und doch konnte die 17-Jährige stolz sein: Etwa die Hälfte der »richtigen« Studenten fiel bei dieser Klausur durch. »Da dachte ich: Ich hab’s geschafft, dabei bin ich noch zwei Jahre vom Abitur entfernt!«

Doch nicht nur mathebegeisterte Schüler können an Deutschlands Hochschulen studieren. An der Stuttgarter Uni beispielsweise stehen Fachrichtungen wie Luft- und Raumfahrttechnik, Technologiemanagement und Chemie besonders begabten Schülern offen. Regensburger Schüler besuchen Vorlesungen in Politik und Germanistik. Generell ist das Interesse an den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern am größten, wie eine aktuelle Studie der Deutschen Telekom-Stiftung belegt. Außer Medizin, so ein Ergebnis der Studie, würden alle Fächer angeboten. Allerdings entscheidet jede Universität für sich, welche Fachrichtungen sie tatsächlich für Frühstudenten öffnet – die Internetseiten bieten entsprechende Informationen. Auch Veranstaltungen für Eltern und Schüler an den Unis gewähren genauere Einblicke in die Angebote.

Schülerstudenten müssen keine Studiengebühren bezahlen. Da manche von ihnen nach dem Abitur mit mehreren Scheinen in der Tasche an die Uni kommen, studieren sie im Bestfall auch kürzer – zahlen also insgesamt weniger Gebühren. Einen Schein bekommt natürlich nur, wer auch die Prüfungen besteht. Und daran scheitern viele Frühstudenten. Etwa die Hälfte gibt nach einer Weile auf. Im vergangenen Semester begannen an der TU Harburg um die 80 Schüler ein Frühstudium, 40 machten die Prüfung. Bundesweit sind es rund 800 bis 1000 Schüler, die neben der Schule Vorlesungen besuchen. Während Anna-Lena und Djamschid abends an die Uni gehen, werden andere Schüler für die Zeit der Vorlesung vom Unterricht freigestellt oder legen ihren Stundenplan so, dass sich Lücken am Vormittag ergeben. Freistunden, die sie lieber an der Uni verbringen statt mit Quatschen oder Einkaufen. So hat es auch Helene Neufeld gemacht, die erste Frühstudentin an der TU Harburg. »Da wurde ich schon schräg angeguckt«, sagt sie heute. Die Idee zum Uni-Schnuppern kam ihr im Französischunterricht: Der Lehrer sprach damals mit seinen Schülern über ihre Zukunft und das Studieren, fragte, was sie denn so im Sinn hätten. Da wurde Helene klar: Wie das an der Uni eigentlich funktioniert, davon hatte sie keinen Schimmer. Also ging sie zu ihrem Studienberater. Und auch der schaute sie überrascht an, als sie fragte, ob sie das mit dem Studieren nicht mal ausprobieren könne, nebenher und freiwillig. Der Studienberater informierte sich – und stieß in Wolfgang Mackens auf einen, der nur zu gern wissbegierige junge Menschen unterrichtet. Schräge Blicke können Helene Neufeld seitdem egal sein: Nach ihrem Frühstudium studierte sie in Oxford Mathematik und Statistik und promoviert nun mit 24 Jahren an der englischen Elite-Universität. Dass sie schon bei der Aufnahmeprüfung Scheine in der Tasche hatte, ließ sie souverän auftreten. »Die Prüfer haben gemerkt, dass ich nicht nur Begabung mitbringe, sondern auch Durchhaltevermögen.« Beides braucht man für ein Mathematikstudium – und Neufeld hatte den Studienplatz sicher. In den ersten zwei Jahren hatte sie auch gegenüber den Mitstudenten einen Vorteil: Vieles war ihr schon vertraut, oft konnte sie mathematische Regeln anwenden, die sie aus ihrem Frühstudium kannte.

Alltäglich ist es noch immer nicht, Frühstudent zu sein. Djamschid jedenfalls ist der Einzige an seiner Schule, der schon Vorlesungen besucht. Zwar sind solche Schülervorlesungen mittlerweile ein fester Baustein in der Harburger Lehre, doch viele Lehrer wissen gar nicht von dieser Möglichkeit. So erfuhren auch Djamschid und Anna-Lena nur durch Zufall und über Freunde vom Frühstudium. Beide wollen unbedingt weitermachen und auch einen Schein in Mathematik III ablegen. »Für mich muss Mathe Niveau haben«, sagt Djamschid, »dass man auch mal was tun, sich geistig anstrengen muss. Das habe ich vor der Uni selten erlebt.« Und Anna-Lena sagt: »Für mich ist die Schule Pflicht – die Uni ist meine Kür, das mache ich freiwillig.« Dafür tun Frühstudenten oft mehr als jemals zuvor. Djamschid etwa verbringt an der Uni zwar nur viereinhalb Stunden pro Woche – aber zu Hause bereitet er oft stundenlang nach. Alles muss noch einmal nachvollzogen und nachgerechnet werden. Nur in die Vorlesung zu gehen reicht nicht aus, das ist ihm jetzt klar. Eigentlich hat er schon längst den Führerschein machen wollen. Und auch zum Fußballtraining seines Vereins würde er gern öfter gehen, so wie früher. Aber beides lässt er schleifen. Weil er den Führerschein ja immer noch machen kann, und Fußball-Profi wird er sowieso nicht mehr. Djamschid konzentriert sich lieber auf das, was ihm wirklich etwas bringt. Vor der Prüfung in Mathe II sitzt er deshalb tagelang bis in die Nacht hinein am Schreibtisch. Er weiß: Alle erwarten von ihm, dass er gut abschneidet, die Eltern, die Lehrer, die Mitschüler. Er ist schließlich immer der mit den guten Noten. Die Schule lässt er in dieser Zeit so nebenher laufen, in den letzten zwei Tagen vor der Klausur bekommt er sogar schulfrei. Djamschid hat Glück, seine Lehrer sind verständnisvoll. Nach der Klausur hat er kein gutes Gefühl, geht mehrmals am Tag auf die Internetseite der TU Harburg: Sind die Ergebnisse schon da? Eines Tages steht da der Link. Djamschid klickt, sucht seine Note, findet sie – und liest: 1,0.

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Leser-Kommentare
  1. Ich sehe das Frühstudium mit gemischten Gefühlen.
    1. Studium ist mehr als nur "Scheine"-machen. Schaffen die Frühstudenten auch eine soziale Integration, oder sitzen sie zwischen den Stühlen?

    2. Solange in der studentischen Lehre noch soviel im Argen liegt, sollte man sich vielleicht auf dieses Kerngeschäft konzentrieren. Aber natürlich passen solche Pilotprojekte prima in die Leuchtturmrhetorik der Rektoren.

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