1) Luisa Müller-Möhlis, 24, studiert Gesellschaftskommunikation

Eine selbst entworfene Kampagne von »gesellschaftlicher Erheblichkeit« sollte es sein – das war alles, was ich wusste. Die Professoren aus dem Bereich Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation hatten sich mit Hinweisen an die Bewerber zurückgehalten. Die Kommission sehe »das Verstehen und Konkretisieren der Aufgabe als Teil der Aufgabe«, hieß es in der Ausschreibung der Universität der Künste in Berlin.

Zuerst war ich verwirrt, dann dachte ich an Klimapolitik oder Jugendprobleme wie »Flatrate-Partys« als Kampagnenthema. Schließlich entschied ich mich für eine Aktion, die nah an meinen eigenen Erfahrungen liegt und mir deshalb leichterfiel: eine Kampagne, die Kinder zum Tanz anregen soll. Das verhindert Bewegungsmangel und beugt Jugendkriminalität vor. Ich kenne mich in der Tanzszene aus. Nach dem Abitur habe ich an der Hamburger Stage School studiert und 2003 im Film Rhythm is it! mitgespielt. »Tanz um deine Zukunft« lautete also mein Arbeitstitel.

Fast zwei Monate habe ich für das Konzept recherchiert: Wie erreiche ich meine Zielgruppe? Könnten Sponsoren mitmachen? Ich habe in der Bravo nachgelesen, welche Popsänger gerade cool sind und als Partner für die Kampagne infrage kommen. Auch ein Logo und Plakate habe ich entworfen. Schließlich bat ich einige Freunde, die sich mit PR auskennen, mein Konzept zu lesen. Insgesamt dauerte die Arbeit an meiner Mappe vier Monate – und wurde mit einer Einladung zum Auswahltest belohnt.

Dort mussten wir wieder eine Kampagne entwerfen. Das Thema war vorgegeben: Bewerbt einen neuen Payback-Chip, der Menschen unter die Haut transplantiert wird, sodass sie schon beim Betreten eines Ladens Punkte bekommen. Ein heikles Thema, bei dem ich mich nicht wirklich wohlfühlte. Ich schrieb in mein Konzept, dass man vor allem jüngere Menschen mit Tattoos oder Piercings vom Chip überzeugen könne. »Schluss mit Karte – lieber Implantate!« war mein Slogan. Vier Wochen später erhielt ich eine Zusage von der Uni. Meine Tanzkampagne möchte ich eines Tages wirklich umsetzen, das zweite Konzept lieber nicht.

2) Marco Kugel, 28, studiert Medienkunst

Seit vier Semestern sitze ich auf der anderen Seite. Ich bin studentisches Mitglied einer Auswahlkommission an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung. Wenn wir Bewerber im Vorstellungsgespräch befragen, hören wir immer die gleichen Antworten: 90 Prozent der Kandidaten für ein Filmstudium behaupten, sie seien schon seit der Pubertät große Fans von Sergej Eisenstein oder Ernst Lubitsch. Habt doch Mut zur Ehrlichkeit! Wer nur die großen Namen auswendig lernt, provoziert detaillierte Nachfragen – auf die viele Bewerber dann keine Antworten mehr finden. Es ist auch nicht verwerflich, erst mit 20 Jahren zur Kunst gefunden zu haben. An ein Erweckungserlebnis als Vierjähriger glaubt keine Professorenrunde.