Abi-Reden Sag doch mal was!

Ein ehemaliger Rektor veröffentlicht Abiturreden

Abiturreden sind wie diese kleinen Zettel, die in chinesischen Glückskeksen stecken: Mal mahnend, mal nett, und sobald man sie vorgelesen hat, hat man sie schon wieder vergessen. Schade, findet Wolfgang Heinrich. Der pensionierte Rektor einer Grundschule im rheinland-pfälzischen Etzbach hält die Abiturrede für eine unterschätzte Gattung. Denn endlich haben die Schüler das Wort, die Lehrer müssen zuhören und schweigen. »Die Abiturrede ist eine der wenigen Plattformen, wo sich Schüler deutlich äußern können«, sagt Heinrich.

Der 67-Jährige bewahrt die Reden deshalb vor dem Vergessen: 300 von ihnen hat er schon gesammelt und in seinem Weblog (www.wolfgangheinrich.de) veröffentlicht, die meisten stammen von 2007. Damals hat er Schulen in ganz Deutschland angerufen: »Morgens die Sekretariate, mittags und abends die Schüler. 6000 Telefonate!« Nicht alle Gymnasien waren kooperativ. Die Reden seien zwar öffentlich, aber nur für einen geschlossen Kreis, fabulierten die einen. Die anderen sagten: »Wir können uns nicht erinnern, wer die Rede gehalten hat.«

Wovor haben die Schulen Angst? Für Heinrich ist die Sache klar: »Lehrer können keine Kritik annehmen.« Er erzählt von einem Vater, der ihm von der Abiturfeier seines Sohnes berichtete: Als der Sprössling vor den anderen sprach, sei der Rektor empört aufgesprungen und habe die Veranstaltung abgebrochen.

Dabei poltern die Abiturienten von heute nicht einfach so drauflos. »Sie sind sehr behutsam und vorsichtig«, sagt Heinrich. Systembezogen und konstruktiv sei ihre Kritik, und sie werde nie verallgemeinert. »So wurde uns mehr als einmal klar, dass Lehrer auch nur Menschen sind und ihre Gattung sehr unterschiedliche Arten umfasst«, heißt es etwa in der Abi-Rede der Stufensprecherin eines Mädchengymnasiums. »Manche scheinen in ihrer Bürokratie gefangen zu sein, während uns andere eher fürs Leben rüsten wollen.« Die Sprecherin begründet den Hintergrund ihrer Kritik: »In unserer Schulzeit haben wir festgestellt, was für einen großen Einfluss Lehrer auf unsere Persönlichkeit haben. Ihr Verhalten entscheidet, ob wir ein Fach mögen, und lenkt je nachdem sogar unsere Berufswahl; ob als positives Vorbild oder eben abschreckendes Beispiel.«

Was sonst noch gern angesprochen wird: Die Zeit als Fünftklässler, Klassenfahrten, die Leistungskurse, dass man mit den Jahren zusammengewachsen ist. Und immer findet man in den Reden den Dank an den Hausmeister, aber nie Rechtschreibfehler. Denn die nimmt Exrektor Heinrich aus den gelieferten Manuskripten – alte Gewohnheit – beim Drüberschauen raus. Christine Böhringer

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Gymnasium | Lehrer | Berufswahl | Schüler
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service