Kinder Falsche PanikFalsche Panik

Trotz der Unkenrufe vieler Bestsellerautoren: Unsere Kinder sind gesünder, schlauer und besser behütet denn je. Armut, Gewalt und Verwahrlosung aber finden sich am unteren Rand der Gesellschaft, etwa bei den Kindern von Einwanderern oder Arbeitslosen

Familienleben in Deutschland – ein großes Desaster? Der Eindruck drängt sich auf, denn mittlerweile ist das Katastrophenszenario die beliebteste Stilform, wenn hierzulande über Familien berichtet wird. Angst bestimmt die Sicht auf unsere Kinder. Sie sind zu dick oder zu dumm, vernachlässigt oder verhätschelt. Ein Teil dämmert willenlos vor dem Fernseher dahin, ein anderer trainiert am Computer seine Gewaltgelüste. Wer sich in der Hauptschule nicht aufgegeben hat, kämpft im Gymnasium mit Dauerstress und G8-bedingter Überforderung. Fast täglich verbreiten die Medien die Botschaft: Um den deutschen Nachwuchs steht es schlimm und um sein Verhältnis zu den Eltern auch nicht viel besser.

Die Bestseller zum Thema Kinder und Familie haben schon seit einigen Jahren denselben Tenor. Mit starken Worten und scheinbar zwingenden Beispielen beschwören sie »Erziehungskatastrophen« und warnen vor »Despoten« in Kinderzimmern und Klassenräumen. Als dröhnendster Notstandsreporter profiliert sich zurzeit Michael Winterhoff. Sein Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden steht seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Kaum eine Zeitung, in dem der Bonner Psychiater nicht seine Thesen verbreiten durfte, in der Regel unwidersprochen.

Laut Winterhoff sind die meisten Kinder in Deutschland gestört, in ihren körperlichen Fähigkeiten, ihrer sprachlichen Entwicklung, ihrem Sozialverhalten. Sie bewegten sich kaum noch, ihr schulisches Leistungsniveau sinke. Als Verursacher der Defekte macht Winterhoff Lehrer, Erzieher, aber vor allem die Eltern aus. Weil sie Konflikte scheuten und keine Grenzen mehr setzten, verhinderten sie, dass die Kinder altersgerecht heranreiften. Bei 70 Prozent entdeckt der Autor gar pathologische Züge. Wenn diese Kinder – Winterhoff nennt sie »Monster« – erwachsen würden, bedrohten sie »die Existenz unserer friedlich zusammenlebenden Gesellschaft«.

Stichhaltige Belege für seine starken Thesen sucht man in dem Buch vergeblich. Stattdessen erzählt der Kinderpsychiater »tiefenpsychologisch orientiert« Geschichten: von Niklas, der nicht still sitzen kann, oder von Philipp, der seine Hausaufgaben nicht vorzeigen will. Außerdem verweist er auf Gespräche mit dem einen oder anderen Lehrer, »Szenen aus einem Weblog« sowie die »aufmerksame Lektüre großer Zeitungen und Magazine«. Daraus destilliert er die Erkenntnis, dass selbst in einem normalen deutschen Gymnasium »ein geregeltes Unterrichtsgespräch nicht mehr möglich« sei. Noch schlimmer sieht es laut Winterhoff in den Familien aus. Selbst Fünfjährige weigerten sich heute, »jeden Auftrag der Mutter gern und gleich zu erfüllen«, zum Beispiel ohne Murren den Mittagstisch zu decken.

Michael Winterhoff ist nur der Lauteste, aber keineswegs der Einzige, der solche Einsichten verbreitet. Mittlerweile nimmt der pädagogische Pessimismus die Form einer neuen Kinderfeindlichkeit an; und der öffentliche Diskurs über Familien hat geradezu eine verhütende Wirkung. Wenn die Elternschaft zu einem Experiment wird, das nur misslingen kann, sollte sich niemand wundern, dass junge Erwachsene sich schwer damit tun, Kinder zu bekommen.

Doch ist die Familie tatsächlich eine vom Zerfall geplagte Krisenregion, eine Art failed state im Kleinen? Leben Kinder und Jugendliche heutzutage in einem permanenten Bedrohungszustand – oder bedrohen sie selbst gar die Gesellschaft? Befragt man Wissenschaftler – Gesundheitsexperten, Soziologen, Pädagogen –, dann zeigt sich ein anderes Bild. Zwar gibt es Kinder in Not, doch leben sie nur selten in unseren Reihenhaussiedlungen und Gymnasien. Viele Eltern haben gute Gründe, sich große Sorgen zu machen – nur sind das in der Regel nicht jene Mütter und Väter, die Erziehungsratgeber verschlingen und Elternschulungen besuchen. Die Verlierer finden sich am unteren Rand der Gesellschaft. Für den großen Rest gilt das Gegenteil. Zu keiner anderen Zeit ging es der Mehrzahl der Kinder in diesem Land so gut wie heute, widmeten sich Eltern so intensiv ihrem Nachwuchs, lebten die Generationen so harmonisch zusammen wie im Jahr 2008. Vergleicht man die Lebensumstände von Familien mit denen von vor zwanzig oder fünfzig Jahren, so hat sich enorm viel verbessert.

Kinder von heute sind gesünder. Auch wenn neue »Kinderkrankheiten« wie Allergien oder Neurodermitis zunehmen – 90 Prozent der Kinder haben einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand. Das ergab die KIGGS-Untersuchung des Robert-Koch-Instituts, die größte Erhebung zur Gesundheit des deutschen Nachwuchses. Dank Impfungen, regelmäßiger Voruntersuchungen und des allgemeinen medizinischen Fortschritts lassen sich typische Kinderkrankheiten vermeiden oder besser behandeln. Die Kindersterblichkeit ist stetig gesunken. Ob psychische Krankheiten tatsächlich zugenommen haben, ist ungewiss. Zwar sind die Praxen von Ergotherapeuten oder Logopäden voll; das könnte jedoch vor allem daran liegen, dass Sprachdefizite oder Wahrnehmungsstörungen heute besser diagnostiziert und früher behandelt werden. »Der öffentliche Diskurs macht unsere Kinder kränker, als sie sind«, sagt Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth.

Als unhaltbar erweist sich der Vorwurf, der deutsche Nachwuchs bewege sich kaum noch. Laut KIGGS-Daten sind 58 Prozent der Kinder zwischen 4 und 17 Jahren in einem Sportverein. 77 Prozent der unter Zehnjährigen spielen fast täglich im Freien. Viele Kita-Kinder können heute, was früher erst Grundschüler lernten: Fahrrad fahren und schwimmen.

Kinder sind schlauer als früher. Zu keiner Zeit war das Bildungsniveau so hoch, gab es so viele Abiturienten und so wenige Schulabbrecher in Deutschland wie heute. Seit den fünfziger Jahren hat sich die Zahl der Realschüler verfünffacht, die der Gymnasiasten mehr als verdreifacht. Die enorme Bildungsexpansion begünstigte vor allem Mädchen, und sie wurde keinesfalls dadurch erkauft, dass die Schulen das »Anspruchsniveau über Jahre stetig abgesenkt« haben, wie Untergangspropheten wie Autor Winterhoff behaupten. Deutsche Schüler mögen heute schlechter in Kopfrechnen und Orthografie sein. Insgesamt jedoch verfügen sie über mehr Kompetenzen. Drittklässler halten Referate und lernen Naturwissenschaften auf Gymnasialniveau; Ausbildungsberufe haben sich verwissenschaftlicht. Und was viele Schüler in der Oberstufe lernen, gehörte einst zum Universitätsstoff. Jemand, der vor fünfzig Jahren in einem Intelligenztest noch als hochbegabt gegolten hätte, erreicht heute nur Durchschnittsniveau.

Kinder leben heute sicherer.Gab es 1980 noch 1159 Verkehrstote unter 15 Jahren, so starben 2006 nur noch 136 Kinder; die Zahl der Verletzten halbierte sich. Das Gleiche gilt für die Schule. Der Bundesverband der Unfallkassen verzeichnet heute weniger Vorfälle in den Schulen als noch vor einem Jahrzehnt. Zwar steigt die Jugendgewalt in der Kriminalstatistik. Das bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich immer mehr junge Menschen prügeln oder mit Messern und Baseballschlägern traktiert werden. Was man in früheren Zeiten als altersnormale Rauferei auf dem Pausenhof hinnahm, wird heute als Gewaltdelikt sofort unterbunden, bei Hänseleien – heute Mobbing genannt – gehen Konfliktlotsen dazwischen.

Michelle, Mitja, Maddie – auch wenn die spektakulären Fälle ermordeter oder verschwundener Kinder suggerieren, dass die Gefahr drastisch gewachsen sei, Opfer eines Gewalt- oder Sexualverbrechens zu werden: Die Kriminalstatistik belegt das nicht. Vielmehr sinkt die Zahl der Kindstötungen seit Jahren. Zurzeit liegt sie bei 200 Opfern im Jahr. Ebenso wenig gibt es heute mehr Fälle von Vernachlässigung oder Misshandlung als früher, sagt Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Niemals wurden Kinder so gewaltfrei erzogen wie heute. Die Ohrfeige, vor dreißig Jahren in vielen Familien eine gängige Bestrafung, ist heute weitgehend tabu.

Die Kleinfamilie ist nicht totzureden.Trotz steigender Scheidungsraten und stagnierender Kinderzahl lebt die Mehrheit der Kinder – immerhin fast 75 Prozent – in der klassischen Kleinfamilie mit Mutter, Vater und einem Geschwisterkind. Da die Familien kleiner sind und sich die Arbeit im Haushalt dank moderner Technik enorm reduziert hat, bleibt auch berufstätigen Müttern für das einzelne Kind mehr Zeit übrig, sagt der Familienforscher Hans Bertram: »Die jetzige Elterngeneration leistet heute mehr als alle vorangegangenen.« Gerade Väter widmeten ihrem Nachwuchs mehr Zeit und Wärme als in früheren Zeiten. Der distanzierte Vater habe als Rollenmodell ausgedient. Und auch den Jugendlichen ist die Familie als Lebensform enorm wichtig. 78 Prozent von ihnen befürworten laut Allensbach die Gemeinschaft von Eltern und Kindern.

Eltern erziehen – aber anders.Rund die Hälfte der Mütter und Väter haben eine klare Vorstellung von der Erziehung ihrer Kinder und setzen diese meist problemlos um. Weitere 40 Prozent werden ab und zu von Zweifeln geplagt, suchen dann aber Rat. Diese Selbsteinschätzung aus einer vor Kurzem erschienenen Umfrage der Zeitschrift Eltern wird gestützt von den wissenschaftlichen Erhebungen zum Thema. Rund 80 bis 90 Prozent der Eltern setzten sehr wohl Grenzen, sagt Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut (DJI). Wo diese Linien verlaufen, darüber müssen sich Eltern heutzutage jedoch immer wieder neu vergewissern. Es ist schwieriger, zugleich liebevoll und konsequent zu sein, statt wie einst vom Küchentisch aus zu regieren, ohne Widerspruch zu dulden.

Die Kinder und Jugendlichen sind mit dem liberalen Stil zufrieden. Niemals zuvor gab es so viele Heranwachsende, nämlich 70 Prozent, die ihre eigenen Kinder so erziehen möchten, wie sie erzogen wurden (Shell-Studie).

Die Renaissance der Jugend-Tugend.Fleiß, Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Pünktlichkeit stehen bei den Jugendlichen ganz hoch im Kurs. Das weiß man aus dem 3. Jugendsurvey des DJI. Auch die Autoren der jüngsten Shell-Studie bilanzieren: »Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt.« Man kann den Jugendlichen Überanpassung vorwerfen (ZEIT Nr. 38/08, Die neuen Streber), tyrannische Verzogenheit aber ganz sicher nicht. Über die Hälfte der Jungen und Mädchen akzeptieren ein erwachsenes Vorbild. Das hat es seit Beginn der Jugendforschung in den fünfziger Jahren nicht gegeben.

Gleichzeitig sei die Spannung zwischen den Generationen fast verschwunden, sagt Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld. Ob man diese Harmonie im Elternhaus nun beklagt (da Heranwachsende Ältere brauchen, an denen sie sich reiben können, wie Hurrelmann meint) oder begrüßt, fest steht jedenfalls: Kinder, die sich mit ihren Eltern verstehen, finden auch als Erwachsene leichter einen guten Draht zu ihnen.

Die historischen Vergleiche ließen sich fortsetzen. Zu keiner Zeit stand Heranwachsenden mehr Geld zur Verfügung als heute, waren die Spielplätze zahlreicher und anregender, die Freizeitangebote vielfältiger, nahmen Gesetzgeber und Finanzminister, Städteplaner und Produktdesigner mehr Rücksicht auf Kinder als im Jahr 2008.

Kann man sich noch mehr wünschen? Unbedingt. Unsere Bildungskurve zeigt zwar nach oben, in anderen Ländern indes steigt sie noch weit steiler. Die staatlichen Hilfen für Eltern wachsen, aber Kinder sind weiterhin eine große finanzielle Belastung.

Vor allem jedoch gilt: Eine Gruppe profitiert kaum von den Fortschritten bei Bildung und Gesundheit, dem Zugewinn an Sicherheit und Lebenschancen – die Kinder am unteren Rand der Gesellschaft, die Familien, in denen sich Armut, Arbeitslosigkeit und Vernachlässigung ballen. Dort gibt es tatsächlich Neuntklässler, die laut Pisa-Test gerade einmal auf Grundschulniveau lesen und rechnen können; Jugendliche, die morgens nicht aus dem Bett zur Schule kommen, weil der arbeitslose Vater bis mittags schläft; Migrantenkinder, deren Eltern versuchen, ihre bröckelnde Autorität mit Schlägen wiederherzustellen. Ein Viertel bis ein Fünftel aller Kinder gehört zu dieser Risikogruppe, bei denen die herkömmlichen Instrumente von Schule und Sozialarbeit immer häufiger versagen.

Ob Fehlernährung oder Alkoholismus, mangelnde körperliche Bewegung oder exzessiver Fernsehkonsum: In den »Multiproblem-Familien«, wie sie Soziologen nennen, findet man all dies unter einem Dach. Kinder aus armen Verhältnissen sind doppelt so häufig psychisch auffällig wie ihre Altersgenossen aus den oberen Etagen der Gesellschaft. Die Zahl der besonders Dicken unter ihnen hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren verfünffacht. Schon Grundschüler aus sozial schwachen Familien spüren, dass sie kaum Chancen haben, wie eine Kinderstudie des christlichen Hilfswerks World Vision im vergangenen Jahr ergab. Hartz IV hat schlimmere Folgen für ein Kind als G8. Bei diesen Kellerkindern sollten deshalb Bund und Länder auch beim Bildungsgipfel ihr Hauptbetätigungsfeld sehen.

Mehr Aufmerksamkeit für die Kinder am unteren Rand und dafür größere Gelassenheit gegenüber der großen normalen Mehrheit. Das würde unseren Kindern und Familien besser helfen als die gängige schlagzeilenträchtige Panikmache.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein großes Danke für diesen Artikel!
    Das war mal nötig.

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    Kommentarfunktionen werden zwar nur seltenst für ein Lob an den Autor benutzt, aber ich finde auch, dass dieser Artikel gut und zur richtigen Zeit gekommen ist.
    Ich würde sogar behaupten, dass sich das Phänomen der Schwarzmalerei nicht nur auf Kinder bezieht, sondern fast alle Gesellschaftsbereiche betrifft. Ich bin zwar zu jung, um andere Zeiten miterlebt zu haben, aber ich bezweifel stark, dass "früher alles besser war" und wir in einer nicht-lebenswerten Gesellschaft leben (was die meisten negativen Artikel im Prinzip implizieren)! Unser Gesellschaft und den Menschen geht es in echt ziemlich gut! Nur das Gefühl, dass es irgendwie besser sein sollte, scheint manche Zeitgenossen glauben zu lassen, morgen ginge die Welt unter. Ich lasse mich zwar gerne belehren, aber zu welchem Zeitpunkt der Geschichte ging es unserer Gesellschaft (und damit den Kindern) besser als heute?

    Ich schließe mich Ihrer Meinung an: ein großes Danke dem Autor. Endlich tut ein Journalist auch in diesem Themenfeld, was seine Säche ist: nachfragen, und nicht nur nachbeten. Allerdings scheint ihm noch der Mut noch zu fehlen, dies auch bei "anerkannten Autoritäten" wie Hurrelman nach Belegen für dessen Behauptung zuu fragen, dass "Heranwachsende Ältere brauchen, an denen sie sich reiben können", eine Aussage ähnlich der, "Die Erde ist eine Scheibe, sieht doch jeder".

    Es fehlt dafür jede Spur eines Beweises, im Gegenteil. Wenn Eltern und Kinder sich gegenseitig zerfleischen - und darauf läuft es schließlich hinaus - , gibt es auf beiden Seiten nur sinnlosen Kräfteverschleiß und Verlierer; harmonieren Eltern und Kinder dagegen und arbeiten zusammen, ist das die Ur-win-win-Situation schlechthin. Ein nachprüpfbares Beispiel lieferten Marco Börries, der den StarWirter (OpenOffice) entwickelte, und seine Eltern in den 1980ern: der 16jährige verließ die Schule, gründete eine Firma, stellte seine Eltern bei sich ein und startete ein Erfolgsgeschichte vergleichbar Bill Gates.

    In dieser Form sicher ein Ausnahme-, aber beileibe kein Einzelfall.

    Kommentarfunktionen werden zwar nur seltenst für ein Lob an den Autor benutzt, aber ich finde auch, dass dieser Artikel gut und zur richtigen Zeit gekommen ist.
    Ich würde sogar behaupten, dass sich das Phänomen der Schwarzmalerei nicht nur auf Kinder bezieht, sondern fast alle Gesellschaftsbereiche betrifft. Ich bin zwar zu jung, um andere Zeiten miterlebt zu haben, aber ich bezweifel stark, dass "früher alles besser war" und wir in einer nicht-lebenswerten Gesellschaft leben (was die meisten negativen Artikel im Prinzip implizieren)! Unser Gesellschaft und den Menschen geht es in echt ziemlich gut! Nur das Gefühl, dass es irgendwie besser sein sollte, scheint manche Zeitgenossen glauben zu lassen, morgen ginge die Welt unter. Ich lasse mich zwar gerne belehren, aber zu welchem Zeitpunkt der Geschichte ging es unserer Gesellschaft (und damit den Kindern) besser als heute?

    Ich schließe mich Ihrer Meinung an: ein großes Danke dem Autor. Endlich tut ein Journalist auch in diesem Themenfeld, was seine Säche ist: nachfragen, und nicht nur nachbeten. Allerdings scheint ihm noch der Mut noch zu fehlen, dies auch bei "anerkannten Autoritäten" wie Hurrelman nach Belegen für dessen Behauptung zuu fragen, dass "Heranwachsende Ältere brauchen, an denen sie sich reiben können", eine Aussage ähnlich der, "Die Erde ist eine Scheibe, sieht doch jeder".

    Es fehlt dafür jede Spur eines Beweises, im Gegenteil. Wenn Eltern und Kinder sich gegenseitig zerfleischen - und darauf läuft es schließlich hinaus - , gibt es auf beiden Seiten nur sinnlosen Kräfteverschleiß und Verlierer; harmonieren Eltern und Kinder dagegen und arbeiten zusammen, ist das die Ur-win-win-Situation schlechthin. Ein nachprüpfbares Beispiel lieferten Marco Börries, der den StarWirter (OpenOffice) entwickelte, und seine Eltern in den 1980ern: der 16jährige verließ die Schule, gründete eine Firma, stellte seine Eltern bei sich ein und startete ein Erfolgsgeschichte vergleichbar Bill Gates.

    In dieser Form sicher ein Ausnahme-, aber beileibe kein Einzelfall.

  2. hier die funktionierende heile Welt, in der es den Kindern an kaum etwas mangelt. Dort die böse Unterschicht, die alles falsch macht. So ist es nicht! Die Grenzen sind fließend, das Vorkommen und die Verteilung von Problemen in Familien vielfältig. Fakt ist: vielen Familien fällt es immer schwerer, ihren Kindern noch gerecht zu werden. Obwohl viele Eltern es besser wissen und auch wollen, ihre Möglichkeiten werden nicht selten immer mehr eingeschränkt.
    Dies liegt eindeutig daran, dass Familien über keine wirksame Lobby verfügen und nicht selten Fehler der Politk ausbaden dürfen (z.B. Experimente in der Schulpolitik, im Steuersystem und im Gesundheitssystem).
    Die Belastung von Familien sollte verringert und überforderte Eltern sollten angemessen systematisch unterstützt werden.

  3. Eine 5-köpfige Familie erhält ca. 2000 Euro an SGB II Leistung, ohne das die Eltern auch nur einen Tag gearbeitet haben. Zudem verursachen diese enorme Kosten in der Helferindustrie, weil sie ganze Heere an Soziologen auf Trab halten. Ein Alleinstehender muß hierfür ein Bruttoentgelt in Höhe von 3.500 Euro erwirtschaften, um diese Summe netto zu haben. Jeder, der die Privatwirtschaft etwas kennt, weiß welche Leistung hierfür erbracht werden muss.

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    werden sich aber mit diesem Artikel keinen Beifall erheischen denn solche Meinung ist heute P I Life is complicated, think small.

    ...z.B. eine Familie Vater (33) und Mutter zusammenlebend, nicht verheiratet, ein gemeinsames Kind, beide Eltern in der Arbeiterklasse aufgewachsen (somit kein dickes Polster in der Familie), schön für Ihren Lebensunterhalt, vater und Mutter, aufkommen dürfen, während beide noch studieren um im Beruf voranzukommen. Da gibt es nur Kindergeld und Zuschuß zur KiTa, der gleich gekürzt, wenn ein Familieneinkommen von ca 13.000 € pro Jahr überschritten wird. 45 € die gestrichen werden sind da schon viel bei den Mieten und Energiekosten. Dazu zieht sich das Studium hin, weil trotz allem, mit der Kinderbetreuung und den Ausbeuter-Dumpinglohnjobs genug zu tun ist. Ach ja, und nur weil die Eltern nicht verheiratet sind, dürfen schön beide Krankenkassenbeiträge bezahlen.

    ...aber klar: Sind ja ausschließlich selbst schuld, hätten ja kein Kind bekommen müssen und dann auch studieren und unverheiratet. Genau.
    Man sollte heiraten und keine Kinder haben, da steht man natürlich besser da...

    werden sich aber mit diesem Artikel keinen Beifall erheischen denn solche Meinung ist heute P I Life is complicated, think small.

    ...z.B. eine Familie Vater (33) und Mutter zusammenlebend, nicht verheiratet, ein gemeinsames Kind, beide Eltern in der Arbeiterklasse aufgewachsen (somit kein dickes Polster in der Familie), schön für Ihren Lebensunterhalt, vater und Mutter, aufkommen dürfen, während beide noch studieren um im Beruf voranzukommen. Da gibt es nur Kindergeld und Zuschuß zur KiTa, der gleich gekürzt, wenn ein Familieneinkommen von ca 13.000 € pro Jahr überschritten wird. 45 € die gestrichen werden sind da schon viel bei den Mieten und Energiekosten. Dazu zieht sich das Studium hin, weil trotz allem, mit der Kinderbetreuung und den Ausbeuter-Dumpinglohnjobs genug zu tun ist. Ach ja, und nur weil die Eltern nicht verheiratet sind, dürfen schön beide Krankenkassenbeiträge bezahlen.

    ...aber klar: Sind ja ausschließlich selbst schuld, hätten ja kein Kind bekommen müssen und dann auch studieren und unverheiratet. Genau.
    Man sollte heiraten und keine Kinder haben, da steht man natürlich besser da...

  4. Der Autor hat recht - und verkennt doch die Probleme.

    Richtig: die Probleme kumulieren am "unteren Rand", während die Mittelschicht sich für ihre Kinder mehr oder weniger zerreißt. Doch gerade deshalb sind die Probleme gewachsen und wachsen weiterhin. Weil der "untere" Rand selbst wächst.

    Wie heißt es im Artikel? "Dort gibt es tatsächlich Neuntklässler, die laut Pisa-Test gerade einmal auf Grundschulniveau lesen und rechnen können". Tatsächlich, die gibt es fast ausschließlich "dort". Aber nicht etwa vereinzelt - laut PISA gehört jeder vierte männliche Jugendliche dazu. Ein weiteres kleines Schlaglicht: heute haben 20% der Kinder 80% der Karies. Schlechte Angewohnheiten wie etwa das Rauchen mutieren zum fast reinen Hauptschulphänomen. Und so weiter.

    Irreführend ist es auch, wenn es heißt, daß heute "nicht mehr" Kinder in solchen Verhältnissen leben als vor 20 oder 30 Jahren. Jede Jugendhilfestelle weiß, daß nicht die Zahl der Klienten zugenommen hat, desto mehr aber die Intensität ihrer Probleme. Es ist heute weitaus anstrengender, 100 Familien zu betreuen, als noch vor 30 Jahren.

    Und was die Zahl anbelangt: eine gleichbleibende Zahl an Kindern aus schlechten sozialen Verhältnissen ist in Wahrheit ein Alarmzeichen. Denn die Kinderzahlen insgesamt sind um ca. 40% gesunken. Wenn die Zahl der Problemkandidaten dennoch gleichbleibt, dann heißt das nichts anderes, als daß ein immer größerer Teil eines Jahrganges aus Familien des "unteren Randes" stammt. Die Geburtenrate ist dort deutlich höher als in der oberen Mittelschicht, und die Mütter sind viel jünger - dh. die Reproduktion geht deutlich schneller.

    Mit anderen Worten: wir haben dramatisch zu wenig Nachwuchs in den Mittelschichten. Dieser Nachwuchs wird fehlen, wenn es gilt, den wachsenden Berg an Transferbedürftigen - neben der wachsenden Unterschicht auch die wachsende Zahl von Alten - zu versorgen.

    Der Kindermangel in den Mittelschichten ist nicht naturgegeben, sondern die logische Folge eines extrem elternfeindlichen Abgabensystems. Denn dieses bestraft Elternschaft gerade dort, wo die Gesellschaft Kinder bräuchte, im brutaler Art und Weise, während sie Kinderarmut nach Kräften von den Folgen ihrer Kinderarmut abschirmt. Daß gerade am "unteren Rand" umgekehrt starke Anreize gesetzt werden, Kinder in die Welt zu setzen - etwa beim Elterngeld-Sockelbetrag oder bei der gesamten HartzIV-KOnstruktion, von Alleinerziehendenzuschlag bis Bargeldleistungen - sei nur am Rande vermerkt.

  5. Der Autor Martin Spiewak leidet offenbar an Wahrnehmungsstörungen.Ihm ist wohl entgangen, das hier in der reichen BRD jedes sechste Kind von Armut betroffen ist. Da kann man ja wohl kaum von einer kleinen Minderheit sprechen. In der Tat geht es den wenigen Oberschichtkindern heutzutage blendend.Aber die Probleme sind für eine immer größer werdende Zahl von Familien -und dazu gehört auch die große Zahl Alleinerziehender- viel größer als es in dem m.E. beschönigenden Artikel zum Ausdruck kommt.

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    "Der Autor Martin Spiewak leidet offenbar an Wahrnehmungsstörungen.Ihm ist wohl entgangen, das hier in der reichen BRD jedes sechste Kind von Armut betroffen ist."
    Haben sie den Artikel eigentlich gelesen? Bis zum Ende? Oder nur nicht verstanden?

    "Der Autor Martin Spiewak leidet offenbar an Wahrnehmungsstörungen.Ihm ist wohl entgangen, das hier in der reichen BRD jedes sechste Kind von Armut betroffen ist."
    Haben sie den Artikel eigentlich gelesen? Bis zum Ende? Oder nur nicht verstanden?

  6. "Der Autor Martin Spiewak leidet offenbar an Wahrnehmungsstörungen.Ihm ist wohl entgangen, das hier in der reichen BRD jedes sechste Kind von Armut betroffen ist."
    Haben sie den Artikel eigentlich gelesen? Bis zum Ende? Oder nur nicht verstanden?

    Antwort auf "Wahrnehmungsstörung"
  7. Kommentarfunktionen werden zwar nur seltenst für ein Lob an den Autor benutzt, aber ich finde auch, dass dieser Artikel gut und zur richtigen Zeit gekommen ist.
    Ich würde sogar behaupten, dass sich das Phänomen der Schwarzmalerei nicht nur auf Kinder bezieht, sondern fast alle Gesellschaftsbereiche betrifft. Ich bin zwar zu jung, um andere Zeiten miterlebt zu haben, aber ich bezweifel stark, dass "früher alles besser war" und wir in einer nicht-lebenswerten Gesellschaft leben (was die meisten negativen Artikel im Prinzip implizieren)! Unser Gesellschaft und den Menschen geht es in echt ziemlich gut! Nur das Gefühl, dass es irgendwie besser sein sollte, scheint manche Zeitgenossen glauben zu lassen, morgen ginge die Welt unter. Ich lasse mich zwar gerne belehren, aber zu welchem Zeitpunkt der Geschichte ging es unserer Gesellschaft (und damit den Kindern) besser als heute?

    Antwort auf "Ein großes Danke für"
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    "Gut gehen" ist ein Stück weit Definitionsfrage. Heute gibt es Dinge, die es vor 15 Jahren noch nicht gab - Internet etwa, oder Mobilfunk. Geht es uns dadurch besser? Wer diese Dinge nutzt und auf sie nicht mehr verzichten möchte, muß eigentlich sagen: ja:

    Bei anderen Dingen allerdings - denen, die es schon gab - muß man möglicherweise einen Stillstand, evtl. sogar Rückschritte verzeichnen gegenüber dem Stand, sagen wir, Anfang der 90er. Insbesondere zurückgegangen ist aber das Gefühl der Sicherheit. Geht es uns morgen auch noch so gut? Und leider gibt es gute Gründe,daran zu zweifeln.

    Den augenfälligsten liefern die sozialen Sicherungssystem verbunden mit demographischen Beobachtungen. Derzeit leben wir noch in der "besten aller Welten": wenig Rentner, Babyboomjahrgänge auf der Höhe ihrer beruflichen Laufbahn. Aber schon bald wird sich das Verhältnis umdrehen. Es ist ein Treppfenwitz, daß das schon in den 80ern jeder wissen konnte - aber niemand wollte genauer hinschauen (wer es doch tat, wurde nicht ernstgenommen). Möglicherweise würden wir heute noch dieser Illusion frönen, wenn den Systemen nicht aus anderen Gründen - Wiedervereinigung, zunehmende Arbeitslosigkeit und unsteter werdende Lebelsläufe mit weniger Beitragseinnahmen etc - das Geld ausgegangen wäre. Einer davon, die hohe Arbeitslosigkeit gerade unter Geringqualifizierten, ist ein Stück weit wieder demographisch bedingt - eben durch den Geburten- und Nachfragemangel speziell in den Mittelschichten, der zugleich ein hohes Arbeitskräfteangebot (Frauenarbeit) ermöglichte. Aber es ist noch kein Alterungsphänomen.

    Dennoch hat die Explosion der Sozialkosten (der Bundeszuschuß zur Rente wurde seit 1990 von ca. 10 auf heute 80 Milliarden € erhöht!) den Blick für die Zukunft dieser Systeme geschärft, ja es möglich gemacht, systematische Defizite überhaupt erst mal anzusprechen. Nun fällt die Illusion der Nachhaltigkeit dieser Systeme, und das bedingt einen tiefgreifenden Wandel.

    In Wirklichkeit haben die Mittelschichten seit ca. 1970 zu wenig in Humankapital, sprich in Kinder investiert - wie ein Unternehmen, daß an den Entwicklungsausgaben spart. Und genau wie ein solches Unternehmen haben wir hohe Gewinne verbuchen können - die laufenden Einnahmen (aus unserer Arbeits-und Wirtschaftsleistung) blieben ja zunächst unberührt. Wir konnten mehr konsumieren, als wenn wir uns hinreichend Kinder geleistet hätten.

    Seit ca. 1990 erreichen nun die ersten, unter diesen Nachkriegsbedingungen geborenen (oder eben nicht geborenen) Jahrgänge das arbeitsfähige Alter. Ausscheidende Jahrgänge (als Rentner zu versorgen) werden seither nicht mehr adäquat ersetzt. Die zu wenigen Nachrücker erwirtschaften weniger und konsumieren auch weniger - was alle anderen zu spüren bekommen.

    Wem es gut geht, und wer nicht wahrhaben will, was um ihn herum passiert, der kann eine solche Meinung vertreten.Nein, die sechziger, siebziger und achziger Jahre waren gold gegenüber dem, was wir heute erleben.Die Politik des Staates richtet sich seit etlichen Jahren gegen die Interessen seiner Bürger und ist bis heute dem Wahn der Steuer senkung undDeregulierung erlegen. Die bitteren Früchte ernten wir jetzt.Schönredner hatten wir schon genug.Nein, die Situation ist viel ernster als viele glauben mögen.

    "Gut gehen" ist ein Stück weit Definitionsfrage. Heute gibt es Dinge, die es vor 15 Jahren noch nicht gab - Internet etwa, oder Mobilfunk. Geht es uns dadurch besser? Wer diese Dinge nutzt und auf sie nicht mehr verzichten möchte, muß eigentlich sagen: ja:

    Bei anderen Dingen allerdings - denen, die es schon gab - muß man möglicherweise einen Stillstand, evtl. sogar Rückschritte verzeichnen gegenüber dem Stand, sagen wir, Anfang der 90er. Insbesondere zurückgegangen ist aber das Gefühl der Sicherheit. Geht es uns morgen auch noch so gut? Und leider gibt es gute Gründe,daran zu zweifeln.

    Den augenfälligsten liefern die sozialen Sicherungssystem verbunden mit demographischen Beobachtungen. Derzeit leben wir noch in der "besten aller Welten": wenig Rentner, Babyboomjahrgänge auf der Höhe ihrer beruflichen Laufbahn. Aber schon bald wird sich das Verhältnis umdrehen. Es ist ein Treppfenwitz, daß das schon in den 80ern jeder wissen konnte - aber niemand wollte genauer hinschauen (wer es doch tat, wurde nicht ernstgenommen). Möglicherweise würden wir heute noch dieser Illusion frönen, wenn den Systemen nicht aus anderen Gründen - Wiedervereinigung, zunehmende Arbeitslosigkeit und unsteter werdende Lebelsläufe mit weniger Beitragseinnahmen etc - das Geld ausgegangen wäre. Einer davon, die hohe Arbeitslosigkeit gerade unter Geringqualifizierten, ist ein Stück weit wieder demographisch bedingt - eben durch den Geburten- und Nachfragemangel speziell in den Mittelschichten, der zugleich ein hohes Arbeitskräfteangebot (Frauenarbeit) ermöglichte. Aber es ist noch kein Alterungsphänomen.

    Dennoch hat die Explosion der Sozialkosten (der Bundeszuschuß zur Rente wurde seit 1990 von ca. 10 auf heute 80 Milliarden € erhöht!) den Blick für die Zukunft dieser Systeme geschärft, ja es möglich gemacht, systematische Defizite überhaupt erst mal anzusprechen. Nun fällt die Illusion der Nachhaltigkeit dieser Systeme, und das bedingt einen tiefgreifenden Wandel.

    In Wirklichkeit haben die Mittelschichten seit ca. 1970 zu wenig in Humankapital, sprich in Kinder investiert - wie ein Unternehmen, daß an den Entwicklungsausgaben spart. Und genau wie ein solches Unternehmen haben wir hohe Gewinne verbuchen können - die laufenden Einnahmen (aus unserer Arbeits-und Wirtschaftsleistung) blieben ja zunächst unberührt. Wir konnten mehr konsumieren, als wenn wir uns hinreichend Kinder geleistet hätten.

    Seit ca. 1990 erreichen nun die ersten, unter diesen Nachkriegsbedingungen geborenen (oder eben nicht geborenen) Jahrgänge das arbeitsfähige Alter. Ausscheidende Jahrgänge (als Rentner zu versorgen) werden seither nicht mehr adäquat ersetzt. Die zu wenigen Nachrücker erwirtschaften weniger und konsumieren auch weniger - was alle anderen zu spüren bekommen.

    Wem es gut geht, und wer nicht wahrhaben will, was um ihn herum passiert, der kann eine solche Meinung vertreten.Nein, die sechziger, siebziger und achziger Jahre waren gold gegenüber dem, was wir heute erleben.Die Politik des Staates richtet sich seit etlichen Jahren gegen die Interessen seiner Bürger und ist bis heute dem Wahn der Steuer senkung undDeregulierung erlegen. Die bitteren Früchte ernten wir jetzt.Schönredner hatten wir schon genug.Nein, die Situation ist viel ernster als viele glauben mögen.

  8. "Gut gehen" ist ein Stück weit Definitionsfrage. Heute gibt es Dinge, die es vor 15 Jahren noch nicht gab - Internet etwa, oder Mobilfunk. Geht es uns dadurch besser? Wer diese Dinge nutzt und auf sie nicht mehr verzichten möchte, muß eigentlich sagen: ja:

    Bei anderen Dingen allerdings - denen, die es schon gab - muß man möglicherweise einen Stillstand, evtl. sogar Rückschritte verzeichnen gegenüber dem Stand, sagen wir, Anfang der 90er. Insbesondere zurückgegangen ist aber das Gefühl der Sicherheit. Geht es uns morgen auch noch so gut? Und leider gibt es gute Gründe,daran zu zweifeln.

    Den augenfälligsten liefern die sozialen Sicherungssystem verbunden mit demographischen Beobachtungen. Derzeit leben wir noch in der "besten aller Welten": wenig Rentner, Babyboomjahrgänge auf der Höhe ihrer beruflichen Laufbahn. Aber schon bald wird sich das Verhältnis umdrehen. Es ist ein Treppfenwitz, daß das schon in den 80ern jeder wissen konnte - aber niemand wollte genauer hinschauen (wer es doch tat, wurde nicht ernstgenommen). Möglicherweise würden wir heute noch dieser Illusion frönen, wenn den Systemen nicht aus anderen Gründen - Wiedervereinigung, zunehmende Arbeitslosigkeit und unsteter werdende Lebelsläufe mit weniger Beitragseinnahmen etc - das Geld ausgegangen wäre. Einer davon, die hohe Arbeitslosigkeit gerade unter Geringqualifizierten, ist ein Stück weit wieder demographisch bedingt - eben durch den Geburten- und Nachfragemangel speziell in den Mittelschichten, der zugleich ein hohes Arbeitskräfteangebot (Frauenarbeit) ermöglichte. Aber es ist noch kein Alterungsphänomen.

    Dennoch hat die Explosion der Sozialkosten (der Bundeszuschuß zur Rente wurde seit 1990 von ca. 10 auf heute 80 Milliarden € erhöht!) den Blick für die Zukunft dieser Systeme geschärft, ja es möglich gemacht, systematische Defizite überhaupt erst mal anzusprechen. Nun fällt die Illusion der Nachhaltigkeit dieser Systeme, und das bedingt einen tiefgreifenden Wandel.

    In Wirklichkeit haben die Mittelschichten seit ca. 1970 zu wenig in Humankapital, sprich in Kinder investiert - wie ein Unternehmen, daß an den Entwicklungsausgaben spart. Und genau wie ein solches Unternehmen haben wir hohe Gewinne verbuchen können - die laufenden Einnahmen (aus unserer Arbeits-und Wirtschaftsleistung) blieben ja zunächst unberührt. Wir konnten mehr konsumieren, als wenn wir uns hinreichend Kinder geleistet hätten.

    Seit ca. 1990 erreichen nun die ersten, unter diesen Nachkriegsbedingungen geborenen (oder eben nicht geborenen) Jahrgänge das arbeitsfähige Alter. Ausscheidende Jahrgänge (als Rentner zu versorgen) werden seither nicht mehr adäquat ersetzt. Die zu wenigen Nachrücker erwirtschaften weniger und konsumieren auch weniger - was alle anderen zu spüren bekommen.

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