Berufsausbildung Nach Schweizer Vorbild

Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist im internationalen Vergleich mangelhaft. Eine neue Studie empfiehlt, sie künftig zentral zu steuern

Fast zwei Jahre Arbeit, mehr als 350 Seiten Papier und ein Ergebnis, das Experten bereits befürchtet hatten: Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist längst nicht mehr zeitgemäß. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die der ZEIT vorliegt. Alle drei Vergleichsländer der Untersuchung – Österreich, Dänemark und vor allem die Schweiz – schnitten deutlich besser ab als die Bundesrepublik. »Wir wussten seit langem, dass das deutsche System eklatante Mängel aufweist. Nun haben wir erstmals wissenschaftlich nachweisen können, was andere Länder besser machen und was wir daraus lernen können«, sagt Studienleiter Felix Rauner, Professor an der Universität Bremen und langjähriger Experte für die duale Berufsausbildung.

Insgesamt 25 Handlungsempfehlungen haben Rauner und seine Mitautoren erarbeitet, die weit über das hinausgehen, was als »Lehrstellenpakt« oder »Ausbildungsoffensive« sporadisch auf der politischen Agenda auftaucht. Und zwar immer dann, wenn Experten und Medien auf die sichtbarsten Schwächen der Berufsausbildung hinweisen: Zum Beispiel fehlende Lehrstellen in Ballungsgebieten und fehlende Bewerber im Osten. Oder die zunehmende Überalterung der deutschen Bewerber, die inzwischen erst mit rund 20 Jahren ihre Ausbildung beginnen. Doch während Politiker die Ausbildungsmisere bislang oft mit kurzfristigen Finanzspritzen zu beheben versuchten, steckt für Rauner der Fehler bereits im System: »Für die deutsche Berufsausbildung gilt ganz eindeutig das bekannte Bild: Zu viele Köche verderben den Brei. Vor allem dann, wenn alle in unterschiedlichen Küchen arbeiten und keiner weiß, was der andere gerade macht.«

Das duale Ausbildungssystem ist in Deutschland so fragmentiert, dass auch Experten manchmal nur schwer überschauen können, wer nun wofür zuständig ist. Ähnlich geht es den beteiligten Akteuren. Schon Deutschlands konföderale Verfassung bedingt die Aufsplittung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern; für den betrieblichen Teil der Ausbildung ist die Wirtschaftspolitik zuständig; die Berufsschulen fallen in den Aufgabenbereich der Bildungspolitik; die Agentur für Arbeit übernimmt die Berufsberatung – und für etliche der rund 350 zugelassenen Ausbildungsberufe gelten noch mal ganz eigene Gesetze. Allein die Zulassung eines neuen Ausbildungsberufes dauert so weit mehr als zwei Jahre. Aber auch die Kompetenzen seien nicht immer sinnvoll verteilt, sagt Felix Rauner. Zum Beispiel sei es wenig sinnvoll, dass sich die verschiedenen Kammern um formale Prüfungsangelegenheiten kümmerten. Vielmehr seien sie als lokale und regionale Ansprechpartner gefragt, wenn es etwa darum geht, Ausbildungspartnerschaften zwischen verschiedenen Unternehmen zu organisieren.

Rauner will aber weder die Dualität zwischen den ausbildenden Betrieben und der Berufsschule abschaffen noch die Bundesrepublik zum Zentralstaat erklären. »Das Problem ist nicht, dass die Aufgaben verteilt werden, sondern dass wir keinen kompetenten Dirigenten haben, der das Gesamtorchester leitet.« Diesen haben er und seine Kollegen nun in der ebenfalls föderal verfassten Schweiz ausgemacht. 1999 wurde dort die Verfassung geändert, sodass seit 2004 ein einziges Rahmengesetz alle Belange der beruflichen Bildung regelt. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie gibt nun zentral die Richtung vor, während die regionalen und lokalen Stellen für die Ausführungen, wie zum Beispiel konkrete Prüfungsinhalte oder die Bildung von Ausbildungskooperativen, zuständig sind. »In der Schweiz gibt es 26 verschiedene Kantone und drei verschiedene Sprachregionen. Wenn sie es schafft, auch die Berufsausbildung zentral zu regeln, bin ich auch optimistisch für unsere Zukunft«, sagt Rauner.

Dass man dafür zunächst die Verfassung ändern muss, um – wie die Autoren empfehlen – das Schweizer Modell zu imitieren, hält Rauner für einigermaßen realistisch und die Gelegenheit für günstig. Erst in den vergangenen Wochen tourte Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen ihrer »Bildungsreise« durch das Land, um neben Kindergärten und Gymnasien auch Berufsschulen und Lehrbetriebe zu besuchen. Und nach dem Pisa-Schub für die Schulen und der Elite-Offensive für die Universitäten könnte nun, so die Hoffnung der Studienautoren, auch das Berufsausbildungssystem ins Blickfeld von Politik und Öffentlichkeit gelangen.

Und falls der große Wurf nicht gleich gelingt, sind auch schon einzelne Schritte in die Richtung einer koordinierten Steuerung hilfreich, um die Auszubildenden besser für die Zukunft zu rüsten, so Rauner. Zum Beispiel die Einführung eines Berufsschulabschlusszeugnisses zum Ende der Berufsschule, das auch Teil der Abschlussprüfung wird. »Wie wollen Sie die jungen Leute motivieren zu lernen, wenn das Ergebnis am Ende egal ist?«, fragt Rauner.

Ebenso sinnvoll sei die Einrichtung sogenannter Kernberufe: Statt ständig neue Berufsbilder mit eigenen Ausbildungsordnungen zu etablieren, sollten nur noch Grundzüge zentral festgelegt werden, die dann, je nach den aktuellen Anforderungen, vor Ort ergänzt werden. Gerade auch im Zuge der europäischen Einigung ein sinnvolles Modell, um regionale Besonderheiten aufzufangen, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

Ob im Großen oder zunächst im Kleinen – Reformen sind nach Ansicht der Studienautoren nicht nur notwendig, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll: Auch heute arbeiten zwei Drittel der Arbeitnehmer im sogenannten intermediären Sektor. Und vor allem innovative und technisierte Branchen, die die wirtschaftliche Zukunft sichern sollen, sind weiter auf qualifizierte Facharbeiter angewiesen.

 
Leser-Kommentare
    • ttob
    • 05.10.2008 um 16:19 Uhr

    ... noch einiges ein, was wir von der Schweiz lernen könnten und was bei uns nur absolut unzureichend funktioniert...

    Hat aber jetzt nicht primär mit Bildung zu tun. Vielleicht macht die Bertelsmann-Stiftung oder, vielleicht passender, die Friedrich Ebert Stiftung mal eine Studie zum Thema "Demokratie im internationalen Vergleich". Ich bin sicher Deutschland wäre mal wieder GANZ VORNE (von hinten aus betrachtet :-)

  1. Bestimmt gibt es Verbesserungsbedarf, den gibt es immer. Aber vielleicht ist den Autoren entgangen, dass Schweiz, Österreich und Dänemark dann doch ein wenig kleiner sind? Erstaunlich finde ich, dass die Damen und Herren der "Zeit" (die ja mehr und mehr zur offiziellen Publikation der Bertelsmänner wird) auf der einen Seite immer nach Markt, nach Konkurrenz usw usf schreien, aber bei solchen Problemen soll nicht nur mal eben die Verfasssung geändert werden, da soll zentral gesteuert werden.
    Ich erinnere mich dunkel, am Ende meiner Lehrzeit auch ein Abschlusszeugnis der Berufsschule bekommen zu haben: Die Berufsschule machte die theoretische Prüfung, die Handwerkskammer die praktische. Das ist also nicht unbedingt eine bahnbrechende Idee.

  2. Die berufliche Bildung in Deutschland mag nicht optimal sein, aber sie ist auch nicht gänzlich verkehrt. Einer der wirklich großen Vorteile der dualen Berufsausbildung sind die Prüfungen, die eben NICHT durch die berufsbildenden Schulen, sondern durch die Kammern abgenommen werden. Im besten Fall bundesweit einheitlich. So wird eine Vergleichbarkeit überhaupt erst ermöglicht. Die Probleme in den berufsbildenden Schulen sind primär in den Rahmenbedingungen zu suchen. Bildungsreformen in den letzten Jahren, bedeuteten primär das man den Lehrern unausgegorene dogmatische Konzepte an den Kopf geknallt hat, ohne vernünftige Mittel zur Umsetzung zu liefern. Das trifft auch auf das von Herrn Rauner präferierte Lernfeldkonzept zu. Wobei man sagen muss, dass dieses Konzept durchaus sinnvoll ist - es wird sehr hoher Wert auf das Arbeiten mit exemplarischen Problemstellungen gelegt - nur setzt dies Vorraus, dass die Grundlagen sitzen. Und deren Vermittlung kann sehr wohl fachsystematisch erfolgen. Mut zur Lücke ist bei beruflichem Grundwissen schlicht und ergreifend verkehrt. Es ist zu vermuten, dass dies nicht die Intention der Bildungswissenschaftler ist - aber es ist die Folge in der beruflischen Bildung, da für die Umsetzung eines Lernfeldes - dank der von der Industrie eingeforderten Blockform - meist pro Halbjahr nur 3x2 Wochen zur Verfügung stehen. Dazu kommt, dass die notwendigen Ressourcen in vielen Schulen gar nicht vorhanden sind um einen vernünftigen exemplarischen Unterricht an praktischen Problemstellungen zu realisieren. Insbesondere Laborausstattungen wären hier zu nennen. Denn für den Träger der Bildungseinrichtungen sind Tafel und Kreide doch sehr viel kostengünstiger zu beschaffen. Viele Schulen schaffen es aber trotz dieser Situation einen sehr guten Beitrag zur beruflichen Ausbildung zu leisten. Letzten Endes muss man ehrlich sein - Dogmen und neue Paradigmen helfen in der Frage (beruflicher) Bildung gar nichts - sondern es muss Geld in die Hand genommen werden. Aber wo die Kohle hinfliesst, sieht man ja gerade bei der IKB, KfW, Real Estate usw...

  3. Die deutschen Medien lieben es, alles schlecht zu reden.
    Pisastudie : Deutschland liegt im OECD-Vergleich weit abgeschlagen im hinteren Drittel.
    Dreigliedriges Schulsystem : real existierendes Mittelalter
    Duale Ausbildung a la Deutschland : nicht zukunftsfähig

    Drei Fragen :
    Wer ist Exportweltmeister (seit ein paar Jahren) ?
    Welche Bundesländer sind besonders leistungsfähig ? (bzw. welche Bundesländer sind die größten Nettozahler beim Länderausgleich ?)
    Deutschland wird weltweit beneidet für seine duale Berufsausbildung, für seinen Mittelstand der ca. 98 % aller Arbeitsplätze in Deutschland bietet und garantiert .

    Unabhängig davon : "Wieviele Kantone und Halbkantone gibt es in der Schweiz ?"
    "Wieviele Sprachen werden in der Schweiz gesprochen ?"
    Da kann man nur noch hinzufügen : " Wer hat´s erfunden ???? "

    Gruß Jack

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    Aber im in Frage stellen der schlechten Studienergebnisse ist Deutschland an erster Stelle.

    Aber im in Frage stellen der schlechten Studienergebnisse ist Deutschland an erster Stelle.

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    Antwort auf "Schwarzmalerei"

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