Bildung Leistung lohnt sich!

Die Idee der zweckfreien Bildung kann Kindern schaden

Warum gelingt es Schulen in Deutschland, wie die Pisa-Studie zeigt, schlechter als Schulen in anderen Ländern, Nachteile der Schüler aufgrund ihrer sozialen Herkunft auszugleichen?

Zwei Gründe dafür sind in der bisherigen Debatte zu kurz gekommen: das gestörte Verhältnis in vielen Schulen zur Leistungsorientierung und ein antiökonomischer Reflex des Bildungsbürgertums.

Wenn man zum Beispiel den kanadischen und den deutschen Schulalltag vergleicht, so fällt auf, wie unterschiedlich mit Leistung umgegangen wird. Während kanadische Schüler selbstverständlich in Umfragen äußern, in der Schule ihr Bestes geben zu wollen, in Klassenzimmern the best of the week ausgezeichnet und Lernfortschritte an der Wand für alle sichtbar dokumentiert werden, sind fleißige deutsche Schüler häufig dem Strebervorwurf ausgesetzt. Auch bei Lehrkräften wird Leistungsorientierung schnell mit Ausgrenzung verbunden und der Sorge, dass schwächere Schüler verlieren könnten.

Wenn man Pädagogen danach fragt, ob sie sich als Leistungsträger der Gesellschaft verstehen, stößt man in der Regel auf Abwehr. Eine eindeutig positive Orientierung an Leistungskriterien könnte aber leistungssteigernd wirken und sozial weniger selektiv. Denn wo die Leistung nicht gefordert und gefördert wird, da schlägt die Herkunft durch. Der zurückhaltende Umgang mit Leistungsforderungen kann durchaus jenen den Ansporn verweigern, die ihn am meisten benötigen. Schülerleistungen hängen wesentlich von der Leistungsorientierung der Lehrkräfte, der Eltern, des schulischen Umfelds und der Politik ab. Konsistente hohe Leistungsanforderungen, verbunden mit einem lernfreundlichen Klima, sind die besten Voraussetzungen für hohe Schülerleistungen. Diese banale Erkenntnis wird in deutschen Schulen nicht ausreichend umgesetzt.

Wie wichtig das Leistungsklima für die Schulleistungen ist, zeigt sich nicht zuletzt am deutschen Nord-Süd-Gefälle hinsichtlich der Leistungsbereitschaft in den Schulen. Dies könnte mit historischen Traditionen zusammenhängen, die in den südlichen Regionen das individuelle Verantwortungsbewusstsein für die Gestaltung der eigenen Geschäfte, des eigenen Lebens und des eigenen Umfeldes durch eigene Leistung stärker gefördert haben. In den norddeutschen Regionen haben Pächtersysteme und später großagrarische Landwirtschaftsstrukturen die eigene Leistungsbereitschaft wenig unterstützt. Es spricht viel dafür, dass solche Traditionen noch heute nachwirken. Und dass man im Norden unverkrampft prüft, was man sich von den südlichen Bundesländern in diesem Punkt abschauen kann.

Der vorherrschende Bildungsbegriff und -kanon trägt ebenfalls zur Misere bei. Bildung wird in der Tradition des 19. Jahrhunderts ausdrücklich als zweckfrei, als Abgrenzung zur ökonomischen Massenproduktion reklamiert. Damit ist auch der Anspruch, alle Menschen an dieser Bildung teilhaben zu lassen und sich darum zu mühen, suspendiert. Dieser antiökonomische Reflex des Bildungsbürgertums befördert die Selektivität unserer Schulen erheblich. In der bildungspolitischen Diskussion lässt sich links wie rechts beobachten, wie lange sich der Grundsatz gehalten hat, Bildung dürfe keinen Verwertungsinteressen unterworfen werden.

Diesem Generalverdacht wird auch die OECD ausgesetzt. Ihr Ausgangspunkt bei den Pisa-Studien ist gegenüber unserem gängigen Bildungskanon ein Kompetenzansatz: Über welche Kompetenzen sollten 15-Jährige in den Bereichen Textverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften verfügen? Wer nach der Fähigkeit fragt, in der Welt zurechtzukommen, macht sich immer schon ökonomischen Nützlichkeitsdenkens schuldig.

Auch Kompetenzen werden nicht ohne Gegenstände erworben, insofern erledigt sich die Frage nach den Inhalten nicht. Aber Kompetenzen sind das notwendige Fundament für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die individuelle Handlungsfähigkeit, und die Auswahl der schulischen Lerngegenstände muss sich daraus legitimieren, dass sie zum Kompetenzerwerb motivieren. Unsere derzeitigen schulischen Curricula sind häufig eher dazu geeignet, zu definieren, wer nicht gebildet ist, als dass sie für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern ausreichende Anreize bieten.

Die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien lassen sehr wohl den Schluss zu, dass gerade benachteiligte Jugendliche in ihren Kompetenzpotenzialen unterfordert werden, weil die Lerngegenstände hierzulande für sie ungeeignet sind.

 
Leser-Kommentare
  1. "Konsistente hohe Leistungsanforderungen, verbunden mit einem lernfreundlichen Klima, sind die besten Voraussetzungen für hohe Schülerleistungen. Diese banale Erkenntnis wird in deutschen Schulen nicht ausreichend umgesetzt."
    Diese Erkenntnis mag banal erscheinen, deswegen muss sie aber noch lange nicht stimmen. Ich zumindest halt es für fraglich, ob Kinder in einem Klima zwischen Konkurenzkampf, Leistungsdruck und Versagensängsten besser lernen. Oder ob so ein Klima nicht eher dazu dient, den Schülern den Spaß am Lernen abzugewöhnen. Wer sich nicht vorstellen kann, dass es auch anders geht, möge sich mal eine Montessori-Schule anschauen.

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    • eluutz
    • 04.10.2008 um 14:13 Uhr

    Konkurrenzkampf, Leistungsdruck und Versagensängste gibt es auch im bestehenden System. Es ist ja nicht die Frage bearbeitet worden, wie Leistung gefördert wird, sondern der Autor hat sich damit beschäftigt, dass es eine negative Bewertung von Leistung und der ökonomischer Verwertbarkeit der Bildung gibt.

    Die Monessori-Schule ist eine Frage der Schulorganisation. Die Pädagogen sollen sich stärker auf das Individuum konzentrieren, die Methoden (Gruppenarbeiten, selbstständiges Erarbeiten, etc.) sind andere. Die Monessori-Schule ist aber nicht leistungsfeindlich, Erfolge werden nicht als 'Strebertum' wahrgenommen, die Schüler werden nicht mit der Frage 'Wozu mache ich das?' allein gelassen.

    Ich denke, ein Lehrer, der seine Schüler fördern will, muss Engangement bringen und verlangen. Das können Sie jetzt organisieren wie sie möchten. In Ihrem Beispiel (Monessori-Schule) kann man neben größeren organisatorischen Freiheiten des Lernstoffs auch von engagierten Lehrkräften und Schülern (auch deren Eltern, Umfeld) ausgehen. Das ist kein leistungsfreundliches Schulklima?

    Die Beispiele des Autors, 'Best of the week'-Plakette, Ergebnisbögen an der Klassenzimmerwand, ... sind aber auch unglücklich gewählt. Man bekommt den Eindruck eines vereinheitlichendes Leistungssystems. Über Förderung der Schwächeren, Eingehen auf Individuen, ... verliert der Autor kein Wort.

    Denn wenn man sich das Nord-Süd-Gefälle der deutschen Schullandschaft anschaut, fällt auf, dass Schülern im Süden (in der Breite, nicht in der Spitze) mehr abverlangt wird, das Belohnungen für Anstrengungen auch erteilt werden.

    Jeder Schüler (und auch alle anderen) wollen anerkannt werden, wenn man für starke Schulleistungen innerhalb der Schule negative Behandlung erfährt, ist das genauso unpädagogisch (auch wenn es von Klassenkameraden kommt) wie das einseitig herumreiten auf persönlichen Schwächen, ohne dass Hilfestellung angeboten wird.

    • eluutz
    • 04.10.2008 um 14:13 Uhr

    Konkurrenzkampf, Leistungsdruck und Versagensängste gibt es auch im bestehenden System. Es ist ja nicht die Frage bearbeitet worden, wie Leistung gefördert wird, sondern der Autor hat sich damit beschäftigt, dass es eine negative Bewertung von Leistung und der ökonomischer Verwertbarkeit der Bildung gibt.

    Die Monessori-Schule ist eine Frage der Schulorganisation. Die Pädagogen sollen sich stärker auf das Individuum konzentrieren, die Methoden (Gruppenarbeiten, selbstständiges Erarbeiten, etc.) sind andere. Die Monessori-Schule ist aber nicht leistungsfeindlich, Erfolge werden nicht als 'Strebertum' wahrgenommen, die Schüler werden nicht mit der Frage 'Wozu mache ich das?' allein gelassen.

    Ich denke, ein Lehrer, der seine Schüler fördern will, muss Engangement bringen und verlangen. Das können Sie jetzt organisieren wie sie möchten. In Ihrem Beispiel (Monessori-Schule) kann man neben größeren organisatorischen Freiheiten des Lernstoffs auch von engagierten Lehrkräften und Schülern (auch deren Eltern, Umfeld) ausgehen. Das ist kein leistungsfreundliches Schulklima?

    Die Beispiele des Autors, 'Best of the week'-Plakette, Ergebnisbögen an der Klassenzimmerwand, ... sind aber auch unglücklich gewählt. Man bekommt den Eindruck eines vereinheitlichendes Leistungssystems. Über Förderung der Schwächeren, Eingehen auf Individuen, ... verliert der Autor kein Wort.

    Denn wenn man sich das Nord-Süd-Gefälle der deutschen Schullandschaft anschaut, fällt auf, dass Schülern im Süden (in der Breite, nicht in der Spitze) mehr abverlangt wird, das Belohnungen für Anstrengungen auch erteilt werden.

    Jeder Schüler (und auch alle anderen) wollen anerkannt werden, wenn man für starke Schulleistungen innerhalb der Schule negative Behandlung erfährt, ist das genauso unpädagogisch (auch wenn es von Klassenkameraden kommt) wie das einseitig herumreiten auf persönlichen Schwächen, ohne dass Hilfestellung angeboten wird.

    • eluutz
    • 04.10.2008 um 14:13 Uhr

    Konkurrenzkampf, Leistungsdruck und Versagensängste gibt es auch im bestehenden System. Es ist ja nicht die Frage bearbeitet worden, wie Leistung gefördert wird, sondern der Autor hat sich damit beschäftigt, dass es eine negative Bewertung von Leistung und der ökonomischer Verwertbarkeit der Bildung gibt.

    Die Monessori-Schule ist eine Frage der Schulorganisation. Die Pädagogen sollen sich stärker auf das Individuum konzentrieren, die Methoden (Gruppenarbeiten, selbstständiges Erarbeiten, etc.) sind andere. Die Monessori-Schule ist aber nicht leistungsfeindlich, Erfolge werden nicht als 'Strebertum' wahrgenommen, die Schüler werden nicht mit der Frage 'Wozu mache ich das?' allein gelassen.

    Ich denke, ein Lehrer, der seine Schüler fördern will, muss Engangement bringen und verlangen. Das können Sie jetzt organisieren wie sie möchten. In Ihrem Beispiel (Monessori-Schule) kann man neben größeren organisatorischen Freiheiten des Lernstoffs auch von engagierten Lehrkräften und Schülern (auch deren Eltern, Umfeld) ausgehen. Das ist kein leistungsfreundliches Schulklima?

    Die Beispiele des Autors, 'Best of the week'-Plakette, Ergebnisbögen an der Klassenzimmerwand, ... sind aber auch unglücklich gewählt. Man bekommt den Eindruck eines vereinheitlichendes Leistungssystems. Über Förderung der Schwächeren, Eingehen auf Individuen, ... verliert der Autor kein Wort.

    Denn wenn man sich das Nord-Süd-Gefälle der deutschen Schullandschaft anschaut, fällt auf, dass Schülern im Süden (in der Breite, nicht in der Spitze) mehr abverlangt wird, das Belohnungen für Anstrengungen auch erteilt werden.

    Jeder Schüler (und auch alle anderen) wollen anerkannt werden, wenn man für starke Schulleistungen innerhalb der Schule negative Behandlung erfährt, ist das genauso unpädagogisch (auch wenn es von Klassenkameraden kommt) wie das einseitig herumreiten auf persönlichen Schwächen, ohne dass Hilfestellung angeboten wird.

    Antwort auf "Leistungsdruck"
  2. Ich kann es nur wiederholen. In Deutschland erreichen etwa 30% der Schüler eines Jahrgangs die Hochschulreife und wirklich ein Studium schließen vielleicht 20% eines Jahrgangs ab. In Ländern wie Frankreich, England, Finland etc. sind es deutlich(!) mehr. Allerdings werden bei dieser Statistik, so weit ich es verstanden habe, Äpfel mit Birnen verglichen. Wer in England Krankenschwester werden möchte, muss dafür studieren. In Deutschland macht man eine Ausbildung. Wer in England Versicherungskaufmann werden möchte, studiert BWL auf Bachelor. In Deutschland macht man eine Ausbildung. usw. usw. Wer in Oxford Medizin studiert hat genau den gleichen sozialen Hintergrund, wie jemand, der in Heidelberg Medizin studiert. Die Eltern werden in 90% der Fälle zum Bildungsbürgertum gehören.

    Der Besuch eines Gymnasiums und einer Hochschule sind von der Idee her keine Berufsausbildungen, wenn es auch in einigen Fällen am Ende darauf hinausläuft. Am Gymnasium lernt man in Informatik wie ein Computer funktioniert, in der Realschule lernt man, wie Excel bedient wird. Am Gymnasium bekommt man Bildung vermittelt (Geschichte, Latein, ...), die im Berufsleben nicht ohne Transferleistung nützlich ist.

    Jede Schulreform, die staatliche Gymnasien in bessere Realschulen verwandelt, provoziert nur eine noch stärkere Abwanderung des Bürgertums auf Privatschulen.

    In England schicken 10% der Eltern ihre Kinder auf Privatschulen! Eben weil die "equal opportunity"-Fraktion das Niveau so lange nach unten geschraubt hat, bis jeder Depp das "Abitur" schafft und irgendeinen Quatsch studiert. In Frankreich läuft es auch nicht besser. Wer dort an einer Universität war wird sofort als Nichtskönner eingestuft, weil dort ja jeder einen Abschluss bekommt. "Gute Absolventen" findet man angeblich nur auf den "grandes ecoles", eben weil diese Studenten stark selektioniert wurden.

    Es wäre schön, wenn die Bildungsdebatte ehrlich geführt wurde und nicht ständig jeder die Rosinen aus einem bestimmten Bildungssystem herauspickt und die negativen Seiten verschweigt. Wer möchte, dass in Deutschland 40% der Schüler eines Jahrgangs einen Bachelorabschluss erreichen, muss auch sagen, dass dies nur realisierbar ist, wenn das Niveau stark nach unten geschraubt wird.

    Grüße
    Trench

  3. ist mir sofort aufgefallen, dass der Autor eine Frau ist.
    Die sind z. Z. eher die Bildungsgewinner, da "fleißiger und angepasster".

    Es wird hier die Ungerechtigkeit beschrieben, dass die "leistungswilligen" Schüler als Streber diffamiert wurden/werden und so Probleme bei der Leistungsorientierung entstehen.
    Naja, ich kenne das so nicht. Meiner Erfahrung nach gab es Schüler, die ein passendes Sozialverhalten hatten und welche die sich bewusst oder unbewusst abgegrenzt haben. Schüler mit einem guten Standing konnten ruhig gute Noten haben, das war unproblematisch. Bei Schülern mit schlechtem Standing war es egal womit sie sich angreifbar machten.

    Jungen und Mädchen ticken nach nicht ganz so neuen Erkenntnissen anders. Man könnte eventuell darüber nachdenken wieder nach Geschlechtern zu trennen. Vielleicht bekommt man dann bei "geschlechtsgerechterem" Lernen auch wieder "leistungsstärkere" Jungen.

    Und nein, meiner Meinung nach bringt es keinen Vorteil eine Art Mitarbeiter des Monats schon in der Schule einzuführen.
    Auch wenn in den meisten MC Donalds Filialen der Mitarbeiter des Monats ein Ausländer ist, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Ausländer und Mitarbeiter des Monats besteht, sondern eher zwischen dem Anzahl der ausländischen Arbeitskräfte und dem Titel.
    Das bedeutet also nicht, dass bei Einführung die ausländischen Kinder plötzlich besser abschneiden.

    Und ja, eine Leistungssteigerung in deutschen Schulen wäre zu begrüßen aber doch bitte nicht unter dem Preis der Stresssteigerung der betreffenden Schüler.
    Es ist im Übrigen nachgewiesen, dass sich Stress negativ auf den Lernerfolg auswirkt.
    Unter diesen Gesichtspunkten sollte man nochmal das G8 und die steigende Zahl der Nachhilfestunden (war damit der "antiökonomischer Reflex des Bildungsbürgertums" gemeint?) überdenken.

    P.S.: Wenn ich auf meinen weiteren Bekanntenkreis schaue, kann ich ab einem bestimmten Bildungsgrad wenig Zusammenhang zwischen Abschlussnote und späteres Einkommen sehen.

  4. Das Nord-Süd-Gefälle aus Geschäftstüchtigkeit und historischen Prozessen herleiten zu wollen, ist besonders angesichts der "herausragenden" Leistungen der beiden Hansestädte Hamburg und Bremen, die ja nun mit kaufmännischer Tradition gleichgesetzt werden, einfach nur putzig.

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    "Es spricht sehr viel dafür" - ja, seeehr, seeehr viel! Haufenweise spricht da dafür! Argumente noch und nöcher! Es hört gar nicht mehr auf, dafür zu sprechen!

    (Wenn ich die Augen schloß, hörte ich meine schwäbischen Ahnen raunen: Leiste! Spalanzani! Leiste! Lern Latein! Was soll sonst aus dem Hof werden! Und meine Lehrer erschreckt, ich erinnere mich genau: Die Macht ist stark im jungen Spalanzani!)

    "Es spricht sehr viel dafür" - ja, seeehr, seeehr viel! Haufenweise spricht da dafür! Argumente noch und nöcher! Es hört gar nicht mehr auf, dafür zu sprechen!

    (Wenn ich die Augen schloß, hörte ich meine schwäbischen Ahnen raunen: Leiste! Spalanzani! Leiste! Lern Latein! Was soll sonst aus dem Hof werden! Und meine Lehrer erschreckt, ich erinnere mich genau: Die Macht ist stark im jungen Spalanzani!)

    • Anonym
    • 04.10.2008 um 15:05 Uhr

    Ich unterstelle dem Artikel, dass er ein abstraktes Denkobjekt im Blick hat, und noch gar nicht soweit gekommen ist, Vielfalt denken zu können.... -
    Welchen Lebenshorizont wollen wir unsere Kindern angedeihen lassen?

    Erklären sie einem Schüler, der keinen Halt im Leben findet, weil sich die Eltern scheiden ließen, weil die Heimat verlassen werden mußte, weil er zum ersten mal Liebe entdeckt aber eines Handicap wegen keine Möglichkeit sieht diese zum Blühen zu bringen, erklären sie jemandem, dessen Kumpel verunglückt ist, dessen Mutter Depression hat, dessen Oma im Krankenhaus liegt, dessen Freund fremdgeht, oder sich abweisend verhält, erklären sie diesen Menschen, wie sie mit Leistung die Anforderung des Lebens, welche ja auch die Erwachsenen zum Straucheln bringen, bewältigen können. Das ist Leben und der Arbeitsmarkt ist ein Teil davon.

    Dann die Kehrseite, diejenigen die diese Probleme nicht haben, glauben sie wirklich die arbeiten der Leisutung wegen? Leistung ist ein Nebenprodukt sinnvoller Beschäftigung, aber doch nicht Ziel. Zumindest finde ich keine Befriedigung fremder Bewertung von eigenen Leistung, wenn nicht mein Herz gut über meine Taten denkt.

    Ich möchte meinen Kindern einen anderen Sinnhorizont mitgeben, weil ich überhaupt einen geben möchte. Dieser Artikel scheint nur eine Gerade zu haben, die es im Leben als solche gar nicht gibt. Und ich will meine Kinder darauf vorbereitet wissen, keine Gerade zu erwarten, sondern ständig im Einklang mit dem gegebenen inneren und äußeren Anforderungen des Lebens, worunter auch Wünsche, Ideale, Pflichten und andere Notwendigkeiten fallen, ein wirkliches Leben zu versuchen.

    Im ganzen denke ich, der Artikel hat sein Fundament noch gar nicht ausgehoben.

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    Lernen, Lesen, sich auf etwas klares wie eine Mathematikaufgabe zu konzentrieren kann durchaus ein Weg sein, aktuelle Sorgen ein wenig nach hinten zu draengen. Jedenfalls hilft man Schuelerinnen und Schuelern mehr wenn man ihnen sie darin unterstuetzt, sich zu konzentrieren, wenn man ihnen ruhige Raeume zum Arbeiten anbietet (weil sie sie vielleicht zu hause keine Ruhe finden, weil die Eltern sich ununterbrochen streiten), als wenn man schulterzuckend den Streit der Eltern fuer nicht gemachte Hausaufgaben annimmt. Die sozialen Probleme der Kinder oder persoenliche Schicksalsschlaege kann man als Lehrerin oder Lehrer kaum beeinflussen. Die Art des "Krisenmanagements" aber schon.
    Natuerlich befreit man ein Kind von einer Klassenarbeit, wenn erst vor ein paar Tagen ein Elternteil gestorben ist. Was aber nuetzt es, ein Kind, dessen Mutter alkoholkrank ist, oder dessen Vater durcvh Arbeitslosigkeit in eine Depression gerutscht ist, wenn man von einem solchen Kind keine Leistung mehr einfordert - das heisst am Ende doch, es aufzugeben.
    Vielmehr muss man sich dahinterklemmen und ihm zeigen, dass es es dennoch schaffen kann, selbst voranzukommen, auch wenn die Eltern gestrauchelt sind.
    Und eine solche Kultur haben wir an deutschen Schulen nicht.

    Lernen, Lesen, sich auf etwas klares wie eine Mathematikaufgabe zu konzentrieren kann durchaus ein Weg sein, aktuelle Sorgen ein wenig nach hinten zu draengen. Jedenfalls hilft man Schuelerinnen und Schuelern mehr wenn man ihnen sie darin unterstuetzt, sich zu konzentrieren, wenn man ihnen ruhige Raeume zum Arbeiten anbietet (weil sie sie vielleicht zu hause keine Ruhe finden, weil die Eltern sich ununterbrochen streiten), als wenn man schulterzuckend den Streit der Eltern fuer nicht gemachte Hausaufgaben annimmt. Die sozialen Probleme der Kinder oder persoenliche Schicksalsschlaege kann man als Lehrerin oder Lehrer kaum beeinflussen. Die Art des "Krisenmanagements" aber schon.
    Natuerlich befreit man ein Kind von einer Klassenarbeit, wenn erst vor ein paar Tagen ein Elternteil gestorben ist. Was aber nuetzt es, ein Kind, dessen Mutter alkoholkrank ist, oder dessen Vater durcvh Arbeitslosigkeit in eine Depression gerutscht ist, wenn man von einem solchen Kind keine Leistung mehr einfordert - das heisst am Ende doch, es aufzugeben.
    Vielmehr muss man sich dahinterklemmen und ihm zeigen, dass es es dennoch schaffen kann, selbst voranzukommen, auch wenn die Eltern gestrauchelt sind.
    Und eine solche Kultur haben wir an deutschen Schulen nicht.

    • gauss
    • 04.10.2008 um 19:51 Uhr
    7. Nutzen

    Ein Artikel, der sehr zielgerichtet die wahren Probleme in unserem Bildungssystem und auch in unserer Gesellschaft benennt:

    Diesem Generalverdacht wird auch die OECD ausgesetzt. Ihr Ausgangspunkt bei den Pisa-Studien ist gegenüber unserem gängigen Bildungskanon ein Kompetenzansatz: Über welche Kompetenzen sollten 15-Jährige in den Bereichen Textverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften verfügen? Wer nach der Fähigkeit fragt, in der Welt zurechtzukommen, macht sich immer schon ökonomischen Nützlichkeitsdenkens schuldig.

    Bildung dient ja nun einmal nicht ausschließlich dem Selbstweck, oder das man Goethe, Schiller und Stifter versteht. Nein, es dient auch junge Menschen ausbildungs- und studienfähig zu machen. Daher bedarf es auch einer Frage der Verwertung. Wer nicht weiß wohin die Reise gehen soll, kann auch nicht bewerten, ob er/sie auf dem richtigen Weg ist.
    Nur wenn die Bildungsleistung wieder in den Vordergrund gerückt wird, wird sich unsere Gesellschaft auch in Zukunft positiv entwickeln können. Trotzdem kann man ja ein angenehmes Lernklima schaffen, dies schließt sich ja nicht aus, im Gegenteil.

    --
    "that book is dead sexy" -- Xach on #lisp about "Practical Common Lisp"

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    Es gibt in Europa meinem Empfinden nach zwei unterschiedliche "Bildungsansätze":

    Einige Staaten (England, Finnland, Frankreich (universitäten), ...) möchten aus "equal opportunities"-Gründen möglichst viele Akademiker haben. Erreicht wird dies durch die Umwandlung von "Ausbildungsberufen" (sowas gab es in einigen dieser Länder früher tatsächlich) in Hochschulstudiengänge. Da nun deutlich mehr Schüler ein Studium aufnehmen müssen, wurde das Abiturniveau nach und nach gesenkt. Die Schüler gehen häufig auf Gesamtschulen und bis zu 80/90% erreichen die Hochschulzugangsberechtigung. Nur ein Teil der Studenten in diesen Ländern erreicht ein Ausbildungsniveau, welches mit einem deutschen Diplom oder Master vergleichbar ist.

    Andere Staaten (Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich (grandes ecoles), ...) sehen eine Hochschulausbildung aus historischen Gründen als etwas ganz besonderes an. (Das Führen eines akademischen Titels konnte in einigen Ländern früher das Fehlen eines Adelstitels zumindest teilweise wettmachen...) Solche Länder bieten keine Studiengänge in Krankenpflege o.ä. an. Nur ein Bruchteil der Schüler erreicht überhaupt die Hochschulreife und der Unterrichtskanon der an Universitäten führenden Schulen unterscheidet sich deutlich von dem der anderen Schulformen.

    Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Wenn diese Systeme verglichen werden, so muss den Unterschieden fairerweise Rechnung getragen werden! Am Deutschen Schulsystem lässt sich so einiges Verbessern (Ganztagsschulen mit besserem Betreuungs- und Sportangebot, Verbesserungen in der Didaktik, Anzahl der Lehrer pro Schüler usw.) aber ohne eine Senkung des Niveaus werden wir niemals die Studentenzahlen von Ländern wie Frankreich, England, USA, ... erreichen.

    Wollen wir das? Ja oder nein? Genau das ist die Frage, die beantwortet werden muss! Im System "Hochschule für Alle" kann ich soziale Unterschiede besser verstecken, da die Bastionen des Bildungsbürgertums (Oxfort, Cambridge, Ivy-League, ...) technisch keine anderen Titel ausstellen, als die University of Phenix oder Essex. Wir können in Deutschland nochmal dreißig neue Hochschulen aufmachen, einige Berufsausbildungen einstampfen und eine Gesamtschule einführen, um den anderen nachzueifern. Das Bildungsbürgertum wird seine Brut vor diesem Quark zu schützen wissen, so wie es in anderen Ländern auch läuft (Ivy-League, grandes ecoles, Oxford, grammar schools, Internate, Gymnasien in kirchlicher Trägerschaft, ...)

    Das System in Deutschland ist sozial gerechter, da es jedem zu vergleichsweise geringen Kosten möglich ist, einen Abschluss zu bekommen, der in den equal opportunities Ländern für untere Schichten kaum zugänglich ist. Wer in Deutschland studiert hat gute Karten in einem internationalen Großkonzern gut einzusteigen und sehr weit zu kommen. In den USA kann er sich mit einem Titel der Schrottuniversity of something zwar Akademiker nennen, jedoch hilft ihm das nicht viel weiter, weil er an der "falschen" Universität war.

    Wir haben in Deutschland die einzigartige Situation, dass die oberen zehn Prozent (damit meine ich nicht unbedingt Vermögen sondern auch Bildung) ihre Kinder an staatliche Schulen schicken! Je mehr "Chaotenkinder" jedoch in die Gymnasien gesetzt werden bzw. je mehr die Grundschule verlängert wird, desto stärker wird der Druck auf das Bürgertum die Kinder aus den staatlichen Schulen rauszunehmen. Wer in Deutschland wirklich über Bildung "hochkommen" möchte, kann sich neben die Kinder setzen, die aus dem gemachten Nest kommen und hat hinterher den gleichen Abschluss. Das ist doch besser, als mit einem Pseudostudium abgespeist zu werden und später das Nachsehen zu haben.

    Grüße
    Trench

    Es gibt in Europa meinem Empfinden nach zwei unterschiedliche "Bildungsansätze":

    Einige Staaten (England, Finnland, Frankreich (universitäten), ...) möchten aus "equal opportunities"-Gründen möglichst viele Akademiker haben. Erreicht wird dies durch die Umwandlung von "Ausbildungsberufen" (sowas gab es in einigen dieser Länder früher tatsächlich) in Hochschulstudiengänge. Da nun deutlich mehr Schüler ein Studium aufnehmen müssen, wurde das Abiturniveau nach und nach gesenkt. Die Schüler gehen häufig auf Gesamtschulen und bis zu 80/90% erreichen die Hochschulzugangsberechtigung. Nur ein Teil der Studenten in diesen Ländern erreicht ein Ausbildungsniveau, welches mit einem deutschen Diplom oder Master vergleichbar ist.

    Andere Staaten (Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich (grandes ecoles), ...) sehen eine Hochschulausbildung aus historischen Gründen als etwas ganz besonderes an. (Das Führen eines akademischen Titels konnte in einigen Ländern früher das Fehlen eines Adelstitels zumindest teilweise wettmachen...) Solche Länder bieten keine Studiengänge in Krankenpflege o.ä. an. Nur ein Bruchteil der Schüler erreicht überhaupt die Hochschulreife und der Unterrichtskanon der an Universitäten führenden Schulen unterscheidet sich deutlich von dem der anderen Schulformen.

    Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Wenn diese Systeme verglichen werden, so muss den Unterschieden fairerweise Rechnung getragen werden! Am Deutschen Schulsystem lässt sich so einiges Verbessern (Ganztagsschulen mit besserem Betreuungs- und Sportangebot, Verbesserungen in der Didaktik, Anzahl der Lehrer pro Schüler usw.) aber ohne eine Senkung des Niveaus werden wir niemals die Studentenzahlen von Ländern wie Frankreich, England, USA, ... erreichen.

    Wollen wir das? Ja oder nein? Genau das ist die Frage, die beantwortet werden muss! Im System "Hochschule für Alle" kann ich soziale Unterschiede besser verstecken, da die Bastionen des Bildungsbürgertums (Oxfort, Cambridge, Ivy-League, ...) technisch keine anderen Titel ausstellen, als die University of Phenix oder Essex. Wir können in Deutschland nochmal dreißig neue Hochschulen aufmachen, einige Berufsausbildungen einstampfen und eine Gesamtschule einführen, um den anderen nachzueifern. Das Bildungsbürgertum wird seine Brut vor diesem Quark zu schützen wissen, so wie es in anderen Ländern auch läuft (Ivy-League, grandes ecoles, Oxford, grammar schools, Internate, Gymnasien in kirchlicher Trägerschaft, ...)

    Das System in Deutschland ist sozial gerechter, da es jedem zu vergleichsweise geringen Kosten möglich ist, einen Abschluss zu bekommen, der in den equal opportunities Ländern für untere Schichten kaum zugänglich ist. Wer in Deutschland studiert hat gute Karten in einem internationalen Großkonzern gut einzusteigen und sehr weit zu kommen. In den USA kann er sich mit einem Titel der Schrottuniversity of something zwar Akademiker nennen, jedoch hilft ihm das nicht viel weiter, weil er an der "falschen" Universität war.

    Wir haben in Deutschland die einzigartige Situation, dass die oberen zehn Prozent (damit meine ich nicht unbedingt Vermögen sondern auch Bildung) ihre Kinder an staatliche Schulen schicken! Je mehr "Chaotenkinder" jedoch in die Gymnasien gesetzt werden bzw. je mehr die Grundschule verlängert wird, desto stärker wird der Druck auf das Bürgertum die Kinder aus den staatlichen Schulen rauszunehmen. Wer in Deutschland wirklich über Bildung "hochkommen" möchte, kann sich neben die Kinder setzen, die aus dem gemachten Nest kommen und hat hinterher den gleichen Abschluss. Das ist doch besser, als mit einem Pseudostudium abgespeist zu werden und später das Nachsehen zu haben.

    Grüße
    Trench

  5. Das Problem liegt in Deutschland nicht auf Schülerseite. Lehrer sind bei uns als Unterrichtsvollzugsbeamte auf eine Planstelle gesetzt; sie sind ihrem Dienstherrn über den Lehrnachweis und weitere Nachweise rechenschaftspflichtig über den Vollzug der Lehr- und Unterrichtspläne. Es ist doch gar nicht zu übersehen, dass sie - dermaßen auf perfekte Schablonen fixiert - vollkommen abgelenkt sind von den tatsächlichen Verhältnissen ihrer Schüler. Wir sehen immer noch nicht, dass wir in einer Du-musst-Schule die Kräfte binden, die wir in einer Ich-kann-Schule befreien und entwickeln sollten. Für Problemlösung müssten wir erst einmal nach innen schauen, alle Alibigeschäftigkeiten im Außen gehen sonst daneben. Ich grüße herzlich.
    Franz Josef Neffe

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  • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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