DeutschpopWühlen in Gefühlen

Wie seidenmatt glänzender Rockbrei: Die Jungstruppe Tomte hat ein braves Berlin-Album aufgenommen von Frank Sawatzki

Komisch soll das nicht sein. Thees Uhlmann aber, Sänger und Gitarrist der Band Tomte, hinterlässt in seinen Liedern immer noch seltsame Momente der Komik. Das passiert dann, wenn er die Vokale an den unmöglichsten Stellen ganz ungelenk dehnt, als hätte man ihn mit einer parodistischen Überzeichnung seines Vorbildes Dirk von Lowtzow beauftragt – komm, mach mal den Dirk! Vor ein paar Jahren noch begleitete Uhlmann Lowtzow und seine Band Tocotronic auf Tournee und verfasste über diese Zeit ein beachtliches Tagebuch. Später avancierten er und seine Band Tomte zum guten Gewissen der Hamburger Szene, eine Jungstruppe, die auf dem engen Korridor zwischen Poesie und Pathos geradeaus in jene Marktlücke rockte, nach der Deutschland noch suchte.

Inzwischen sind Tomte dem Pop-Treck nach Berlin gefolgt und haben brav ein Hauptstadt-Album produziert. Heureka nimmt erst mal Fahrt auf, das Piano dreht sich meditierend im Kreise, Klatschrhythmen tragen Uhlmann und Co. plötzlich weit in die Popmusik. Doch dann kriegen Tomte Angst vor der eigenen Courage, die Gitarren klingeln im Britrock-Argot, der Sänger nölt sich wie schon auf den vier vorangegangenen Alben durch Songs, die nur mühsam über die Ebene ziehen. Dass zur neuen CD ein Aufnäher in bestem Hardrock-Design gereicht wird, den sich die Anhänger der Band nun an die Jeansjacke pappen sollen, ist noch die auffälligste Maßnahme im Tomte-Auftritt 2008.

Für eine Band, die so erfolgreich wie Coldplay werden will, haben Tomte mit Heureka dennoch das richtige Album gemacht. Thees Uhlmann holt die Fans bei den Sorgen und Nöten ab, die er aus der eigenen Peergroup kennt, er kann die großen Themen auf zwei, drei Zeilen herunterbrechen. Die neuen Tomte-Songs wühlen in tieferen Gefühlsschichten, erzählen vom Teilen der Freude und von der romantischen Idee der Liebe. Einmal singt Uhlmann davon, wie er durch die warme Nacht wandert und Wacht hält, im Arm das Kind, das ruht.

Das Tomte-Gefühlskino ist an ein Publikum adressiert, das zu jung ist, um mit Grönemeyer in den Vorruhestand zu gehen, aber auch schon wieder zu alt, um die 100-Quadratmeter-Wohnung am Prenzlauer Berg, zwei Kinder und den unterbezahlten Kreativjob als Lebensentwurf noch einmal infrage zu stellen. Thees Uhlmann ist der Mann für die breite Schicht dazwischen. Auf seinen Alben verabreicht der 34-Jährige größere Dosen Stimmungsmusik, als der Indie-Rock-Liebhaber für gewöhnlich vertragen kann: Lieder, die um das Miteinander buhlen in einer unappetitlich auseinandergefädelten Gesellschaft. Im Abendlicht der Berliner Lyrik, das ist die Leistung der Band, beginnt selbst sämiger Rockbrei noch seidenmatt zu glänzen.

Wenn Tomte noch einmal zurückschauen nach Hamburg, hört sich das nur lakonisch an: »Wie sieht’s aus in Hamburg / Ist das Wetter noch intensiv / Sind die Bars noch laut wie Kriege / Weißt du, mit wem du gestern schliefst?« Ein deutlicherer Abschiedsgruß ist nur auf der Homepage der Band zu lesen: »Arbeiten Sie an Wikipedia mit und zweifeln Sie den Begriff Hamburger Schule an.«

Tomte: Heureka, Grand Hotel Van Cleef

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    • Schlagworte Wikipedia | Album | Band | Coldplay | Courage | Gitarre
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