Am schwersten fiel mir das Aufstehen. Ich ging notorisch zu spät ins Bett und kam am Morgen fast nicht heraus. Es war eine Qual, ein unheroischer Kampf, den ich mehr als einmal verlor – selbst wenn meine Mutter vor der Arbeit ins Zimmer trat und mich anherrschte, jetzt in die Schule zu gehen. Im Hintergrund lief der Radiowecker, das Morgenmagazin des WDR, im Rückblick scheint mir jedes zweite Stück, das gespielt wurde, Pata pata von Miriam Makeba gewesen zu sein; Musik jedenfalls, mit der ich damals nichts anfangen konnte, weder wach noch im Halbschlaf. Was ich Anfang der siebziger Jahre hörte, war ein ästhetisch völlig unsortiertes Gemisch, das von CCR (Cosmo’s Factory) bis Led Zeppelin, vom Woodstock-Sampler bis Grateful Dead, von Rory Gallagher bis Jimi Hendrix reichte. Thin Lizzy, Soft Machine, Can, kreuz und quer durcheinander. Irgendeinen dauerhaften Distinktionsgewinn zu erzielen spielte dabei (noch) keine Rolle. Zumindest nicht in der Szene, in der ich mich bewegte, als Mitglied der autonomen Basisgruppe meines Gymnasiums und eines Filmclubs, der neben diversen Klassikern die Filme zeigte, die es nie in die Kinos des linken Niederrheins geschafft hatten.

Mit fünfzehn hatte ich das Kommunistische Manifest gelesen, mit sechzehn das Buch über Summerhill, dann Gunnar Myrdal und Angela Davis, Wem die Stunde schlägt und Jugend ohne Gott. An Lyrik kannte ich nicht mehr als das, was im Deutschbuch stand. Restringierte und elaborierte Codes, eine fundamentale Unsicherheit, was Mädchen betraf (es handelte sich um eine reine Jungenschule), ein groteskes Schwanken zwischen ausgeborgten Souveränitätsgesten und hilfloser Schüchternheit, das keine Sprache für seine Ambivalenzen fand, in der sich Gefühle, bestimmte Gedanken hätten ausdrücken lassen. Genau bis zu diesem Morgen.

Nach zwei, drei Takten saß ich aufrecht im Bett, eine nölende Stimme, die einen Song von scheppernder Lässigkeit einzigartig vorantrieb, sich ineinanderschiebende Worte, die nur schwer zu verstehen waren, außer einem von hektischem Harmonikaspiel gefolgten Refrain: I want you, yes, honey, I want you so bad. Bob Dylan, sagte der Moderator am Ende ohne spürbare Regung, während ich entgeistert vor dem Radio hockte, ins Herz getroffen, berauscht. Am Nachmittag besaß ich alle Platten Dylans, die der Händler in der Fußgängerzone vorrätig gehabt hatte, darunter Blonde on Blonde, das Doppelalbum mit I want you, Visions of Johanna und der eine ganze Plattenseite dauernden, meinen beharrlichen Liebeskummer auf Wochen und Monate zugleich tröstenden und anstachelnden Sad eyed Lady of the lowlands: How could they ever have persuaded you?

Es begann eine Affäre, die sich zu schwerster Abhängigkeit steigerte. Politik und Poesie waren hier keine Gegensätze, es existierten keine Grenzen von Stil und Gattung, und ich glaube, ich verstand bei Dylan zum ersten Mal, was Dichtung sein kann außerhalb der engen Schranken, die ihr in Schulen gesetzt werden. Dass ich nach ein paar Jahren wieder von dem Mann loskam, verdanke ich den vereinten Kräften von Iggy Pop, David Bowie, Patti Smith, Fehlfarben und Suicide, aber das, das gehört in eine ganz andere Geschichte.

Bob Dylan: Blonde on Blonde (Columbia)

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin

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