Immer gibt es Ärger. Zum Beispiel im pommerschen Städtchen Pasewalk, wenn der gewissenhafte Herr Brose wieder mal ein Kapitel Stadtgeschichte dokumentieren möchte, mal geht es um die Historie von Firmen, mal um Architektur, mal um Pasewalk als Garnisonsstadt. Und oft, sagt Brose, laute die Reaktion der Stadtoffiziellen, ach nee, alles, was DDR-Geschichte betreffe, sei uninteressant und außerdem schädlich für das frische Image der Stadt. Aber so gehe das doch nicht, empört sich Hobbyforscher Brose, er könne doch diese 40 Jahre nicht einfach immer weglassen, »die DDR hat es doch gegeben«. Stattdessen finanziere die Stadt Arbeiten von chinesischen Künstlern, die kein Mensch verstehe. »Was, bitte, sollen Chinesen in Pasewalk?« Diese Tabuisierung der DDR-Jahrzehnte, das Nichts-mehr-davon-wissen-Wollen, sei sehr schädlich, »auch deshalb«, sagt Brose, »ist die Stimmung in Pasewalk sehr, sehr schlecht«.

Ärger gab es auch, als der Sozialforscher Klaus Schröder von der Freien Universität in Berlin beklagte, dass die heutigen Schüler in den neuen Bundesländern erschreckende Wissenslücken aufwiesen: Nur jeder Zweite wisse noch, dass die DDR eine Diktatur war. Schröder hatte in einer Untersuchung west- und ostdeutsche Schüler ausschließlich nach den verschiedenen Ausformungen des Unrechtsstaates gefragt. Wie bitte? Nichts als ein Unrechtsstaat? Ein Sturm der Entrüstung kam aus den neuen Bundesländern, zornige Briefe und Anrufe. Schröder druckte in seinem Buch Soziales Paradies oder Stasi-Staat einen der Briefe ab: Darin stand, Schröder habe nichts verstanden, die DDR sei »wertemäßig« der jetzigen bundesdeutschen Gesellschaft in allen Bereichen überlegen. Schröder titelte über dieses Schreiben: Post aus Ostdeutschland. Klingt denunzierend, und so war es sicher auch gemeint.

Oder Ingo Schulze. In seinem aktuellen Roman Adam und Evelyn blendet er zurück in den Sommer 1989, erzählt eine verwickelte Liebesgeschichte in der DDR. Hochgelobt wurde dieses Buch, vor allem die Leichtigkeit, mit der Schulze die vergangene Alltäglichkeit und die Würde seiner Figuren schildert. »Adam und Evelyn« steht auf der sogenannten Shortlist des diesjährigen Buchpreises, gehört zu den großen Erfolgen dieses Buchherbstes. Schulze sagt, er könne sich also wahrlich nicht beschweren über die Anerkennung, aber es habe eben auch Stimmen gegeben, die meinten, na, da habe der Schulze die DDR aber arg nett und schnuckelig dargestellt, Stimmen, die ihn ärgern. Schnuckelig? In dem Roman würde einer an der Grenze erschossen, Studier- und Berufsverbote würden ausdrücklich thematisiert. Nett? Er frage sich, wie man zu solch einer Einschätzung kommen könne. Und Ingo Schulze, geboren in Dresden ein Jahr nach dem Mauerbau, stellt als Antwort eine Frage: Finden viele Menschen eine normale DDR-Alltagsbeschreibung vielleicht deshalb schon warm und lieblich, weil sie ihre momentanen Lebensumstände, den wirtschaftlichen Druck beispielsweise, als zunehmend beklemmend empfinden?

Die DDR hatte mehr als 16 Millionen Einwohner und eine Größe von rund 108000 Quadratkilometern. Verschwunden ist das Land vor genau 18 Jahren. Übrig geblieben sind die Erinnerungen. Es ist wie eine Art Dunkelkammer, in der die unterschiedlichsten Menschen hineingehen, um mit ganz unterschiedlichen Bildern wieder herauszukommen. Menschen, die die DDR gut kannten, gehen da hinein, Menschen, die die DDR hassten, Menschen aus dem Osten, Menschen aus dem Westen, die nie in der DDR waren und trotzdem Bescheid wissen. Es ist ganz schön was los in dieser Dunkelkammer. Auch Politiker stürmen besonders gerne rein, um Bilder für ihr Tagesgeschäft passend zu machen. All diese Leute haben eine exakte Vorstellung, wie diese Bilder auszusehen haben, die sie nur aus ihrer Vorstellung entwickeln. Die Bilder sehen manchmal böse aus und manchmal nett, aber eines haben sie alle gemeinsam: Es gibt in der Regel höllische Aufregung, wenn sie andere anschauen. Es ist wie bei einem tief zerstrittenen Ehepaar: Deine Erinnerung ist falsch, meine ist richtig. Du siehst es so, aber ich habe recht.

Ingo Schulze ist ein sympathischer Mann. Seine Freundlichkeit lädt zum Unterschätzen ein. Es dauert in dem Gespräch auch ein bisschen, bis man erkennt, dass dahinter ein gewisser Zorn zu spüren ist. Das hat damit zu tun, dass er es allmählich leid ist, beim Thema DDR immer am Anfang sagen zu müssen, also, die DDR sei eine Diktatur gewesen, klar, und noch klarer sei, man möchte sie auf keinen Fall zurückhaben. Sagen tut er es aber dann doch noch mal, zur Sicherheit. Wir fahren in seinem Auto vom schönen Literarischen Colloquium am Wannsee in die Berliner Innenstadt. Schulze fährt seinen Škoda Kombi auf die Stadtautobahn und erzählt von vielen Dörfern in den neuen Bundesländern, längst verlassen von sämtlichen jungen Menschen, »regelrechte Potemkinsche Dörfer«. Er erzählt von der Art und Weise, wie seine Heimat Dresden renoviert wurde, die Frauenkirche, die Innenstadt, und er neulich bei einem Spaziergang feststellen musste, wie fremd er sich fühlte und wie ihn plötzlich eines dieser an sich schrecklichen Wandgemälde auf einer Hausfassade berührte. Vietnamesische Arbeiter sind darauf zu sehen, echter DDR-Kitsch, »aber ich habe mich erinnern können, es war fast das Einzige, was noch da ist aus meiner Kindheit«. Grauenhaft finde er das, dieses städteplanerische Auslöschen der Geschichte, »am liebsten direkt von der Kaiserzeit zu den heutigen Fassaden, die nur noch Disneyland sind. Und Kommerz total«.

Schulze möchte nicht jammern, er möchte so gerne eine ganz andere Debatte führen, fast 20 Jahre nach der Einheit, und zwar eine über die verschiedenen Abhängigkeiten in den jeweiligen Systemen. Diktatur, Eingesperrtsein, Stasi – auf der DDR-Seite, er wisse selbst noch sehr genau, wie tief die Angst saß, als ihn Anfang der achtziger Jahre plötzlich Stasi-Leute kontaktierten und er viel Glück hatte, als er sie wieder loswurde. Aber dennoch werde man doch mal sagen dürfen, dass es eben in der DDR eine andere Abhängigkeit nicht gegeben habe, die Abhängigkeit vom Geld, »es gab eh nicht viel zu kaufen, es gab keine sensationellen Unterschiede bei den Löhnen. Niemand hat etwas des Geldes wegen getan. So war das.«

Ingo Schulze erhielt im vergangenen Jahr den Thüringer Literaturpreis in Höhe von 6000 Euro, gestiftet von dem Energieriesen E.on. In seiner Dankesrede berichtete er von Goethes ewigem Kampf, künstlerisch unabhängig zu sein, und von seinem grundsätzlichen Problem, dass ein öffentlicher Preis von einem Konzern finanziert werde. Natürlich wisse er, dass E.on jetzt keine Erzählung von ihm verlange, in der E.on einen Erfrierenden rette. Aber ein Unbehagen bleibe, und deshalb schlug er vor, dies in Zukunft zu trennen, Thüringen soll einen eigenen Preis haben und E.on eben auch. Für den Landespreis werde er sein Preisgeld stiften. Die Abhängigkeit von Kunst und Kommerz – man wird es doch mal sagen dürfen. Auch wenn sich die Reaktionen, vor allem der Künstlerkollegen, sehr in Grenzen hielten.