Österreich Höhere Mathematik
Alfred Dorfer rechnet nach, was der Wähler sagen wollte
Das Schöne an der Mathematik ist ihr menschlicher Aspekt. Dieser tritt gern an Wahltagen in den Abendstunden in Erscheinung, wenn es gilt, die nackten Zahlen zu interpretieren. So sprach der FPÖ-General angesichts des Zuwachses seiner Partei von 11 auf 18 Prozent von einer Verdopplung. Gemäß dieser neuen Vilimsky-Arithmetik bedeutet das ÖVP-Ergebnis mehr als eine Halbierung, was die Niederlage erst in ihrer ganzen Tragweite erkennen lässt. Doris Bures, eine der Lichtgestalten der Innenpolitik, las aus dem marginalen Minus von etwa 14 Prozent der bisherigen Regierungsparteien die Präferenzen für eine weitere sogenannte Große Koalition ab. 10,9 Prozent entschlossen sich hingegen, eine Einzelperson ohne Partei zu wählen, und man darf gespannt sein, mit welchen Mandataren Jörg Haider diese Seifenblase namens BZÖ füllen wird. Eine Elitetruppe wird auf uns zukommen. Angesichts des rot-schwarzen Debakels als Oppositionspartei auch noch zu verlieren ist eine Ausnahmeleistung und wird dem grünen Opa namens VdB wohl den Vorsitz auf Lebenszeit sichern. Einige fantasievolle Auslegungen des Ergebnisses blieben aber unerwähnt. Sind die insgesamt 55 Prozent für Schwarz-Blau-Orange nicht eigentlich eine späte Bestätigung des Schüsselkurses von 1999? War Gusenbauers Sturz nicht ein Fehler, zumal der Sandkistenkanzler 2006 immerhin 35 Prozent errang? War Knittelfeld gar Absicht, um auf getrennten Wegen gemeinsam zu gewinnen? Und ist die an sich niedrige Wahlbeteiligung von 71 Prozent nicht ein großes Kompliment für die Bevölkerung, all das noch ernst zu nehmen?
- Datum 01.10.2008 - 14:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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