Großbritannien Trübsal in der City

Die Finanz- und Immobilienkrise hat auch Großbritannien schwer getroffen. Doch die Pragmatiker auf der Insel glauben, dass ihre Wirtschaft die Krise besser verkraftet als die amerikanische

Händler beim Bier in der Londoner City

Händler beim Bier in der Londoner City

Die Gänge des Supermarktes in der Londoner City sind eng. Eine Flasche Balsamico-Essig fällt zu Boden, die Scherben klirren, braune Flüssigkeit rinnt unter ein Regal. Josef Mbassi eilt heran, um sauber zu machen. Eine Kundin im schneidigen Businesskostüm entschuldigt sich aufgeregt für ihr Missgeschick. »Kein Problem«, murmelt der Regalpacker und räumt auf. Kurz danach faltet er schon wieder große Pappkameraden auseinander und stellt sie am Eingang auf. »Ihr bester Discounter« steht auf den Schildern.

Ein Zeichen der Zeit. Eine Woche ist es her, seit die Weltherrschaft des angelsächsischen Finanzkapitalismus ihr spektakuläres Ende fand. Und in seinem Geburtsort, der City of London, lockt ein Supermarkt seine Kundschaft mit Ramsch und Schnäppchen. Josef Mbassi hat seinen Scherbenhaufen schnell beseitigt. Aber gleich gegenüber, in der Bank of England, sitzen die Zentralbanker vor den Ruinen ihres Systems. Die Ära von möglichst viel Liberalisierung, wenig Aufsicht und noch weniger staatlicher Einmischung ist vorüber. Die Hypothekenschulden der Bausparkasse Bradford & Bingley, fünf Milliarden Pfund, wurden am Wochenende so zügig und routiniert vom Staat übernommen, als gehörte es selbstverständlich in das Repertoire der Zentralbank, die Fehler von Bankenbossen mit Steuergeldern auszubügeln. Und tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass die Regierung ein strauchelndes Geldinstitut auffängt. Im Januar wurde schon die ins Taumeln geratene Hypothekenbank Northern Rock verstaatlicht. Das erste offenkundige Indiz für den ganzen Ärger.

Ein verlorener Job in der City kostet sieben Stellen bei Dienstleistern

Mit dem Tod des Londoner und New Yorker Finanzkapitalismus hat sich zu der platzenden Immobilienblase nun auch noch die Systemkrise gesellt. Entsprechend trübe schauen viele Briten in die nahe Zukunft. Spürbar vor allem rund um das Immobiliengeschäft. Etwa bei Maklerin Natasha Hamilton. Bis vor Kurzem las sie nur in Zeitungen von einem Abschwung auf dem Immobilienmarkt. Dann bekam sie ihre Telefonrechnung. »Sie war fast doppelt so hoch wie sonst«, schimpft die forsche 58-Jährige und schiebt die Papierstapel auf ihrem Schreibtisch entrüstet zur Seite. »Früher haben die Leute mich angerufen, jetzt muss ich ihnen hinterhertelefonieren.« Draußen, in den Straßen von Eccles, einem beschaulichen Vorort von Manchester, reihen sich in den Vorgärten die Verkaufsschilder, mit denen Hamilton und andere Makler Käufer anlocken wollen. Zu Beginn des Sommers sah es so aus, als würde die Luft aus der Immobilienblase nur langsam entweichen. Doch seither hat sich die Bewegung beschleunigt. Allein im August sanken die Preise um knapp zwei Prozent. »Die Banken vergeben einfach keine Hypotheken mehr«, erklärt Hamilton. »Vielleicht sollte ich den Kram einfach lassen und in Rente gehen.« Die Vereinigung der Hypothekenvermittler schätzt, dass 2008 nur noch halb so viel Geld in die Finanzierung von Immobilien gesteckt wird wie im Vorjahr. »Es könnte sein, dass wir das Jahr 2011 schreiben, bevor wir eine Trendwende erleben«, sagt Verbandschef Chris Cummings.

Nach fünfzehn Jahren, in denen die Zentralbank billiges Geld zur Verfügung gestellt hat und Banken und Bausparkassen die mangelnde Kreditwürdigkeit vieler Kunden großzügig übersahen, erlebt die Branche nun den Schock – mit entsprechenden Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft. Denn nichts beeinflusst den Konsum der Briten so unmittelbar wie der Immobilienmarkt. Die Rezession scheint gewiss. Wie schwer sie wird, hängt davon ab, »wie schnell wir die Banken in den Griff bekommen«, sagt Ray Burell, der Chefökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts NIESR. »Je schneller sich ein neues Modell von Aufsicht und Verantwortung etablieren kann, desto schneller kommen wir hier wieder raus.«

Wie eng Bankenkrise, Baukrise und die Lage der übrigen Wirtschaft miteinander verflochten sind, zeigt sich bei Nigel Fecks. »Ich kann’s nicht glauben, dass die einfach aufgehört haben«, sagt er und deutet auf den Bauzaun, auf dem ein lichtdurchflutetes Atrium zu sehen ist, über dem sich 48 Stockwerke Stahl und Glas in den Himmel strecken. Hier, in Leadenhall in der City, sollte eigentlich noch einer von diesen prächtigen Geldpalästen entstehen. Und mit seiner Imbissbude gleich daneben hatte der 38-jährige Glatzkopf sich auf ein paar fette Jahre gefreut. Im April war Baubeginn für den 286 Millionen teuren »Käsehobel«, wie die Zeitungen den Turm getauft hatten – vor zwei Wochen stockte die Finanzierung, die Bauarbeiten wurden über Nacht eingestellt. »Nun läuft bei mir gar nichts mehr«, klagt Fecks, der seit Jahren mit seiner Imbisskarre durch die City von Baustelle zu Baustelle zieht.

Es ist der sogenannte ripple effect, Schockwellen rund um das Epizentrum. Für jeden Job, der in der Finanzwelt verloren geht, verschwinden weitere sieben Jobs im Dienstleistungssektor, der die City bedient. So haben es Ökonomen von der London School of Economics errechnet. Bis die Kette der Implosionen der internationalen Investmentbanken, britischen Hedgefonds und Private-Equity-Firmen abreißt, wird es in London Hunderttausende Entlassungen geben. Auch die einheimischen Banken haben schon mit dem Abbau begonnen. Die Großbank HSBC kündigte letzte Woche den Abbau von 1.100 Stellen an. Tröstlich ist nur, dass die vier großen Institute HSBC, Royal Bank of Scotland, Barclays und Lloyds TSB allem Anschein nach mit atemberaubenden Abschreibungen und Arbeitsplatzkürzungen auskommen, aber wenigstens nicht auf der Kippe stehen.

Die britische Immobilienkrise unterscheidet sich von der amerikanischen in zweierlei Hinsicht: Zum einen wurden die faulen Hypothekenkredite nicht in Subprime-Pakete verpackt und weiterverkauft. Deshalb gibt es zwar auch im Königreich Abschreibungen in Milliardenhöhe, aber faule Kredite wurden hier nicht auch noch potenziert. »Die Summe ist groß, aber vergleichsweise übersichtlich«, sagt Chris Cummings. Der andere zarte Silberstreif ergibt sich aus der Tatsache, dass Wohnraum knapp bleibt auf der Insel. Selbst die Regierung spricht von einem »chronischen Wohnungsmangel«. Solange Knappheit herrscht, besteht die Aussicht auf ein Ende der Talfahrt.

Auch der Umgang mit der Krise ist in Großbritannien daher etwas nüchterner als anderswo. Auf dem Labour-Parteitag vergangene Woche verkündete Premierminister Gordon Brown zwar vollmundig: »Wir wollen einen Kapitalismus schaffen, der dem Volk dient, nicht sein Meister ist.« Gewerkschafter und die alte Linke riss das von den Stühlen. Doch nur ein paar Minuten später beteuerte Brown: »Labour ist die Partei für alle Unternehmen«, was auch eher seiner Linie entspricht. Sieht man von Parteitagsreden ab, kennzeichnet die britische Reaktion meist Sachlichkeit. Weder herrscht auf der Insel Panik wie in den USA, noch ertönt die Grundsatzdebatte über die Legitimationskrise des Kapitalismus, wie sie etwa in Deutschland aufwallt. Der angelsächsische Finanzkapitalismus mag einen Crash erlitten haben, aber sein Pragmatismus hat überlebt, und die Totenklage blieb aus.

Das neue System soll mehr dem rheinischen Kapitalismus ähneln

Die Politik, die Finanzaufsicht, City-Bosse, Zentralbanker und Ökonomen diskutieren in sachlichem Ton darüber, auf welchen Säulen das neue System ruhen sollte. Lord Adair Turner, Chef der Regulierungsbehörde FSA, sprach fast erfreut von einem »gesundgeschrumpften Finanzsektor«, gelobte das Ende »von obszönen Bonussen« und forderte »eine neue Ära der internationalen Transparenz«. Ein hoher Banker sprach von einem »neuen Universum«, in dem die City mehr Ähnlichkeit mit »den altmodischen Bankgewohnheiten des rheinischen Kapitalismus« haben werde. Und die Tories präsentierten auf ihrem Parteitag Pläne für eine neue staatliche Institution zwischen Zentralbank, Regierung und Finanzmarkt, die das freie Interbankengeschäft übernehmen soll.

Freilich kann niemand sagen, wie lange der Aderlass in der City anhalten wird. Zu viel hängt davon ab, ob die amerikanischen Banken mit dem 700-Milliarden-Rettungspaket aus dem Gröbsten rauskommen oder sich die globale Finanzkrise zu einer globalen Wirtschaftskrise ausweitet. In der Zeit vor dem Zusammenbruch des angelsächsischen Finanzkapitalismus erwirtschaftete die City of London zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Sphären wird sie in ihrer abgespeckten und schärfer kontrollierten Form wohl nicht mehr erreichen. Aber viele britische Banker sind zuversichtlich, dass die City of London endgültig New York als globale Geldhauptstadt ersetzen könnte. Nach ihrer Lesart beruhte Wall Street in erster Linie auf der – jetzt schwindenden – Kraft des amerikanischen Binnenmarktes. Dagegen sei die City der globalere Standort. Ein Umschlagplatz zwischen Ost und West, der bald wieder vom Welthandel profitieren werde.

 
Leser-Kommentare
  1. Dass britische Finanzplätzen ein Insel-Dasein beschert würde, war nicht zu erwarten. Trotzdem wird es interessant, wie die Engländer mit dieser Krise umgehen. Da sollten wir uns weder an Hooligans noch an Blairs und Gordons orientieren.
    Eher bekommen wir Vorbilder, wie gelassen man an eine für viele unerwartete Notsituation herangehen kann.
    Wer jetzt jubelt, hat einen besonderen Grund. Trauer ist eine angemessene Reaktion auf den Verlust. Sie hilft uns Abstand zu nehmen für neue Anläufe, wo wir die Erfahrungen verwerten können.

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