Kino Diese Dame zieht und gewinnt

Als erste palästinensische Schauspielerin bekam sie Israels höchsten Filmpreis. Eine Begegnung mit Hiam Abbass

Ihr neuer Film Lemon Tree, das sei wohl ein propalästinensischer Film, hat im März dieses Jahres ein Journalist des israelischen Radiosenders Kanal Zwei mehr insinuiert als gefragt. Worauf die Schauspielerin Hiam Abbass konterte, warum er frage, wenn er die Antwort schon kenne.

Hiam Abbass sitzt mir gegenüber, eine kluge, selbstbewusste und ungemein anmutige Frau. Schweigt sie, spricht sie mit den Augen, aus denen Schalk und Neugierde blitzen. Ihre Schönheit ist beredt wie ihr Mienenspiel diskret.

Sie erwähnt die Radio-Episode fast kühl und ein wenig resigniert, wie jemand, der mit dieser Art Interview immer schon rechnet. Sie ist gewappnet. Im Schachspiel wären die schwarzen Figuren ihre Favoriten. Eran Riklis, der Regisseur von Lemon Tree, bewundert sie für diese Haltung. Als ich nachfrage, wie der Film in Israel vom Publikum aufgenommen worden sei, meint sie, dass man sich dort nicht sonderlich für einen solchen Stoff interessiere. Man wolle sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen.

Lemon Tree erzählt die Geschichte einer Konfrontation, die man unter normalen Verhältnissen als ein Problem des Nachbarschaftsrechts behandeln und lösen könnte. Doch die Verhältnisse sind nicht normal, und das Zivilrecht erweist sich in dieser Region als Kriegsrecht.

Ihr neuer Film erzählt von einem Garten und ist doch hochpolitisch

Hiam Abbass spielt in dem Film eine verwitwete Frau mittleren Alters, Salam Zidane, die allein mit ihrem alten Gärtner einen Zitronenhain im Westjordanland an der Grenze zu Israel bewirtschaftet. Den Garten hat sie von ihrem Vater geerbt. Der Boden ist ihr heilig.

»Das verstehen die Leute im Westen nicht so leicht«, sagt Abbass. So aber sei die traditionelle Gesellschaft, symbolisch eng verbunden mit dem Land. Ein Hain sei eben etwas ganz anderes als nur ein Terrain, irgendein »Stück Land«.

Auf der anderen Seite der Grenze bezieht ein äußerst selbstbewusster und nicht uneitler Verteidigungsminister eine moderne Villa. Seine vernachlässigte, deshalb generös ausgehaltene Frau schätzt in dem goldenen Käfig ihres neuen Heims besonders den Ausblick auf den blühenden Zitronenhain. Dieser Garten aber ist nach Auffassung der israelischen Militärbehörden ein Sicherheitsproblem, das nur gelöst werden kann, indem man das Gelände planiert. Der israelische Staat bietet Salam eine finanzielle Entschädigung für den entstehenden Verlust an. Natürlich lehnt sie ab. Und weil die Verhältnisse alles andere als normal sind, eskaliert der Streit. Salam wehrt sich gegen eine Umzäunung, die sie am Betreten ihres eigenen Gartens hindert. Sie klagt gegen den Staat Israel. »Es gibt nur wenige Araber, die wirklich gerne ihr Land, ihren Garten verkaufen«, sagt Hiam Abbass.

Sie kennt die andere, die israelische Seite, und sie kennt ihre Seite. Sie wurde in Nazareth als Kind arabischer Eltern geboren, hat Anfang der achtziger Jahre nach ersten, prägenden Theatererfahrungen Israel zugunsten ihrer Wahlheimat Frankreich den Rücken gekehrt. Sie ist aus Verhältnissen, die für sie politisch unerträglich waren, in die Kunst emigriert. Verlassen hat sie damit auch die beengende Lebenswelt der traditionalistischen palästinensischen Gesellschaft.

Dass sie von Anfang an zweisprachig aufwuchs und mittlerweile in Frankreich ebenso wie in den USA zu Hause ist, charakterisiert sie mit dem ebenso symbolisch wie unmittelbar gemeinten Satz: »Ich bin unter instabilen Verhältnissen groß geworden.« – Und, so ergänze ich für mich, werde mich nicht unterkriegen lassen.

Lebhaft erinnere ich mich an die gespannte Aufmerksamkeit, mit der ihr Steven Spielberg und sein Autor Tony Kushner während der Dreharbeiten zu dem Film Munich zuhörten, der von der Suche einer Spezialtruppe nach den Drahtziehern des Münchner Olympia-Attentats handelt und in dem Hiam Abbass die Frau eines in Paris lebenden palästinensischen Geschäftsmanns spielt. Immer wieder fragten Spielberg und Kushner nach, wenn sie am Set vom Leben der arabischen Israelis erzählte. Mit einem Mal schien unaufdringlich und unabweisbar eine andere, unbekannte Farbe im Spektrum der Wahrnehmung Israels sichtbar zu werden. Spielberg jedenfalls ist bis heute begeistert von Abbass, erst jüngst lobte er ihr Spiel in Tom McCarthys The Visitor, der in den nächsten Monaten auch in Europa ins Kino kommen wird.

Lemon Tree ist ein Roadmovie ohne Road. So wie die immer wieder und verdächtig laut beschworene Roadmap – die politische Blaupause für eine Lösung des Zwei-Staaten-Problems – schon lange Makulatur geworden ist, zeigt dieser Film in beharrlicher Konkretion das ganze deprimierende Ausmaß des Dilemmas, in das die beiden Gesellschaften mittlerweile geraten sind.

In sehr ruhigen und stimmig ausbalancierten Wechseln von Nahaufnahmen zu Halbtotalen (Kamera: Rainer Kaufmann) entfaltet sich ein Konflikt, wie er vielschichtiger kaum sein könnte. Konfrontiert wird nicht nur das Militärische mit dem Zivilen, das Israelische mit dem Arabischen und der städtische Lifestyle mit dem Agrarischen. Es ist auch eine Erzählung über die emotionalen Entbehrungen zerbrochener Partnerschaften, das Versiegen und plötzliche Wiedererwachen der Lust. Die Witwe wird von der Dorfgemeinschaft eifersüchtig beäugt, sobald sie mit ihrem Anwalt mehr als nur geschäftliche Fragen diskutiert. Und fast drohend, wie in einer Stummfilm-Montage, blendet Riklis immer wieder das Wandbild von Salmas Ehemann ein.

Nicht minder scharf steht sie unter der Bewachung der israelischen Grenzpatrouille und des Geheimdienstes. Doch just dieser Zustand unausgesetzter Überwachung bewirkt, dass die vernachlässigte Ehefrau des Verteidigungsministers zunächst heimlich, schließlich offen mit der Frau auf der anderen Seite des Zauns sympathisiert.

Zur Preisverleihung wurde sie nicht eingeladen – warum nicht?

Am Ende landet der Nachbarschaftsstreit vor dem Obersten Gerichtshof. Die Öffentlichkeit horcht auf, aber nicht weil der Rechtsstreit, wie man erwarten möchte, politisiert wird, sondern weil er in die Klatsch- und Skandalpresse rutscht, wo Feinde des Ministers lauern, die gefährlicher sind als arabische Freischärler. In der Anhörung vor Gericht legt der alte Gärtner ein bewegendes Zeugnis seiner Liebe zu Garten, Bäumen und Früchten ab. Die Entscheidung des Gerichts ist dann eine Niederlage für beide Seiten – ein doppelter Pyrrhussieg.

Ob sie sich mit der Rolle identifiziere, wollte der Rundfunkreporter noch von ihr wissen. Hiam Abbass fragte zurück, wie ein Schauspieler eine Rolle denn spielen solle, ohne sich damit zu identifizieren. In peinlicher Weise sprach er sie zudem auf ihre Rolle in dem wagemutigen Film Paradise Now an, in dem sie die Mutter eines palästinensischen Selbstmordattentäters spielte. Abbass entgegnete: Wenn ihr heute die Rolle einer israelischen Mutter angeboten würde, die über den Tod ihres Kindes verzweifle, weil es Opfer eines Selbstmordattentats geworden sei, dann würde sie diese Rolle genauso emotional spielen wie jede andere auch.

Am Vorabend unseres Gesprächs wurde Hiam Abbass von der Nachricht überrascht, dass sie den Preis der Israelischen Filmakademie – Israels »Oscar« – verliehen bekommen habe: Eine Jury ist über ihren politischen Schatten gesprungen und verlieh die Auszeichnung zum ersten Mal an eine palästinensische Schauspielerin. Den kleinen Wermutstropfen, dass sie weder über die Nominierung noch offiziell über die Preisvergabe informiert wurde, ja dass man ihr unterstellen wollte, sie habe die Verleihung »boykottiert«, könne sie verkraften. »Ich fühle mich geehrt«, sagt sie und strahlt. Schwarze Dame zieht und gewinnt.

Hanns Zischler ist Publizist, Autor und Schauspieler. Er spielte gemeinsam mit Hiam Abbass in Steven Spielbergs Spielfilm »München«

 
Leser-Kommentare
  1. Palästinensische bzw. israelisch-arabische Kulturschaffende haben von jeher hohe Wertschätzung seitens israelischer Institutionen erfahren. Denken wir an den Komponisten Habib Tuma, den Schriftsteller Emil Habibi. Und auch die israelische Schönheitskönigin 2002 (?) war Araberin.
    Gäbe es nicht die islamischen Einpeitscher und ihre 'ausführenden Organe', die Attentäter, wäre die israelische Armee längst aus den Palästinensergebieten abgezogen und der zionistisch-arabische Konflikt wäre zum Nutzen aller Betroffenen gelöst.

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    • Rahab
    • 08.10.2008 um 13:59 Uhr

    ist ein irrtum - aber darum geht's in dem artikel nicht, baruch ha'shem!

    • Rahab
    • 08.10.2008 um 13:59 Uhr

    ist ein irrtum - aber darum geht's in dem artikel nicht, baruch ha'shem!

    • Rahab
    • 08.10.2008 um 13:59 Uhr

    ist ein irrtum - aber darum geht's in dem artikel nicht, baruch ha'shem!

    Antwort auf "Gut, aber nichts neues"

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  • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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  • Schlagworte Steven Spielberg | Israel | Theater | Film | Kino | Frankreich | USA | Europa | Paris | München
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