Fliegen Panik über den Wolken

Pilotin Maika Stattelmann über Flugangstwellen nach Abstürzen und meuternde Passagiere

Statistisch gesehen ist Fliegen die sicherste Art zu reisen

Statistisch gesehen ist Fliegen die sicherste Art zu reisen

DIE ZEIT: Frau Stattelmann, im Moment häufen sich die Nachrichten über Flugzeugunglücke. Da haben Sie als Flugangsttrainerin bestimmt viel zu tun.

Maika Stattelmann: Im Gegenteil. In unseren Seminaren herrscht gerade absolute Flaute. Wir kennen das schon. Wer unter Flugangst leidet, schwört sich nach jedem spektakulären Unfall, nur noch Zug zu fahren. Der braucht dann erst mal kein Seminar. Wir machen aber umso mehr Telefonaufklärung. Auch Leute, die normalerweise unbesorgt in ein Flugzeug steigen, sind nun nervös. »Fliegen ist ja gar nicht so sicher, wie es immer heißt«, lautet ein Satz, den ich in den letzten Wochen oft zu hören bekam.

ZEIT: Das lässt sich schlecht widerlegen, oder?

Stattelmann: Doch, natürlich. Fliegen ist immer noch die sicherste Art zu reisen. Das heißt aber nicht, dass nie ein Unfall passiert. Es gibt ja auch keine Garantie dafür, dass Ihr Zug nicht entgleist oder Ihnen im Auto niemand die Vorfahrt nimmt. Trotzdem gibt es nur selten Zug- und keine Autofahrangst – aber fast jeder vierte Reisende leidet Studien zufolge unter Flugangst.

ZEIT: Im griechischen Heraklion haben kurz nach dem Unglück von Madrid 14 Passagiere in letzter Minute einen Ferienflieger verlassen, weil der Pilot technische Schwierigkeiten angedeutet hatte. Das war keine irrationale Reaktion.

Stattelmann: Die Leute fühlten sich schlecht informiert. Es ist in solchen Situationen sehr wichtig, wie Informationen weitergegeben werden.

ZEIT: Die meisten Fluggesellschaften raten ihren Kapitänen, sehr offen gegenüber den Passagieren zu sein. Das ist wohl nach hinten losgegangen.

Stattelmann: Man sollte sich präzise, aber verständlich ausdrücken. Ich kann zum Beispiel sagen, wir haben einen technischen Defekt. Oder ich sage, es gibt zurzeit Probleme mit dem einen Triebwerk.

ZEIT: Das klingt für Laien auch beunruhigend.

Stattelmann: Ist es aber nicht, wenn man ihnen gleich klarmacht, dass jede Passagiermaschine zwei Triebwerke hat. Selbst wenn in der Luft ein Triebwerk ausfallen würde, könnte ich mit dem anderen problemlos weiterfliegen. Nach diesem Redundanzprinzip funktioniert die ganze Technik. Das ist nicht wie beim Auto, das liegen bleibt, wenn der Motor ausfällt.

ZEIT: In Heraklion soll es Probleme mit der Schubumkehr gegeben haben.

Stattelmann: Die Schubumkehr dient dazu, das Flugzeug auf der Landebahn abzubremsen und die Bremsbeläge zu schonen. Man kann auch ohne Schubumkehr landen. Es war nicht gut von dem Kapitän, dass er in seiner Ansprache die Katastrophe von Madrid erwähnt hat. Da verstehe ich dann auch, wenn einer sagt: Jetzt reicht’s mir, ich steige aus.

ZEIT: Bis zu welchem Zeitpunkt darf ein Passagier die Maschine verlassen?

Stattelmann: Sie können so lange raus, wie die Türen offen sind. In dem Moment, wo die Tür zu ist und die Maschine losrollt, geht das eigentlich nicht mehr. Jedes Flugzeug hat eine feste Startzeit, die sogenannte Slotzeit. Wenn man die nicht einhält, kostet das ein paar Tausend Euro und bringt Verspätung.

ZEIT: Würde man die kurz nach so einem Unglück wie dem in Madrid nicht auf sich nehmen?

Stattelmann: Auch das ist Ermessenssache des Kapitäns. Er kann in so einer Situation jedoch davon ausgehen, dass er keinen Ärger bekommt, wenn er das Flugzeug noch einmal zurückrollt.

ZEIT: Gibt es auch Fälle, in denen man noch mal landet?

Stattelmann: Wegen Flugangst nicht. Wenn das Leben eines Passagiers in Gefahr ist, bei einem Herzinfarkt oder einem Kreislaufzusammenbruch, dann müssen wir sogar landen.

ZEIT: Die Menschen, die in Heraklion von Bord gegangen sind, haben kostenlos einen neuen Flugschein bekommen. In Nürnberg konnten Passagiere in einer ähnlichen Situation erzwingen, dass eine neue Maschine eingesetzt wurde. Auch die Airlines scheinen nervös geworden zu sein.

Stattelmann: Wer aussteigt, muss sich eigentlich ein neues Ticket kaufen. Aber es stimmt schon, die meisten Gesellschaften sind nach einem Unfall recht großzügig. Die Stimmung an den Flughäfen ist ja nach Unglücken ziemlich angespannt.

ZEIT: Wie äußert sich das?

Stattelmann: Die Menschen sind schon beim Einchecken aggressiv. An Bord gibt es dann zehn Zeitungen zur Auswahl, aber nicht die richtige, das Ticket hat die falsche Farbe, das Essen ist zu heiß oder zu kalt. Die Leute suchen etwas, worüber sie sich beschweren können. Andere, vor allem Männer, verstecken sich hinter Zeitungen oder kneten nervös die Lehne. Viele spülen ihre Angst mit Alkohol runter.

ZEIT: Wie kann man vermeiden, dass es in solchen Situationen zu Tumulten an Bord kommt?

Stattelmann: Bei einer renommierten Fluggesellschaft ist die Crew entsprechend geschult. Sie hat einen Blick für Leute, die schnell die Nerven verlieren. Um die kümmern sie sich ganz intensiv und lenken sie ab. Und wenn die Flughöhe erreicht ist und im Cockpit nicht mehr viel zu tun ist, kommt auch schon mal der Kapitän in die Kabine. Sie glauben gar nicht, wie deeskalierend so eine Pilotenuniform wirkt! Wenn die Leute drei, vier Streifen auf den Schulterklappen sehen, fühlen sie sich ernst genommen und sind sofort ruhig.

Interview: Stefanie Flamm

 
Leser-Kommentare
    • pravg
    • 02.10.2008 um 14:43 Uhr

    Schade nur, dass Frau Stattelmann selbst so slecht informiert ist wenn sie sich stützt auf die noch immer zu oft zitierten lapidaren Behauptung "Fliegen sei immer noch die sicherste art zu reisen". Zumindest für Reisen bis 2000Km stimmt diese Aussage nicht wie man selbst leicht mittels Google feststellen kann. Seriöse Pilotenvereine sehen diese Sache heutzutage auch wesentlich differenzierter. Das ist auch gut so denn mit falschen Darstellungen ist niemand geholfen.
    Fluggesellschaften möchten immer noch gerne auf die niedrige Todesfall/Km Leistung pochen. Diese ist jedoch für die Sicherheit nur von untergeordneten Bedeutung denn so gesehen hat der Raumfahrt eine noch wesentlich bessere Wert. Wer aber wird schon behaupten, dass Raumfahrt sicher ist? Dieses Beispiel zeigt auch, dass Sicherheit eine wesentlich komplexere Betrachtungsweise verlangt als die der Pilotin Stattelmann.
    Übrigens: der Ausfal eines der zwei Motoren ist ein Notfall der nach den geltenden Vorschriften keinesfalls "problemloses weiterfliegen" erlaubt.

  1. Nimmt man die Reisekilometer als Bezugsgröße, ist das Flugzeug mit Abstand das sicherste Verkehrsmittel. Nimmt man dagegen die Anzahl der Starts als Bezugsgröße (was die Kritiker der ersten Variante tun), rutscht das Fliegen ganz nach hinten auf die Skala, nur Motorradfahren ist dann noch unsicherer.
    Das Problem aber: beide Varianten sind statistisch unzureichend. Denn die Gefahr, dass etwas passiert, steigt bei allen Verkehrsmitteln proportional mit der Häufigkeit der Benutzung dieser Verkehrsmittel. Wenn Sie also im Jahr 200 halbstündige Autofahrten absolvieren, aber, sagen wir, nur vier Urlaubs-Flüge (gleich, von welcher Länge), dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen Unfall mit dem Auto haben, ungleich höher als die, dass Sie mit dem Flugzeug abstürzen.
    Die statistische Variante, die die Starts von Flugzeugen als Bezugsgröße nimmt, ist daher nur dann von Relevanz und Aussagekraft, wenn die Anzahl (z.B.) der Autofahrten mit der Anzahl der Flüge vergleichbar ist. Aber kaum jemand fliegt genauso oft, wie er Auto fährt (außer vielleicht Piloten).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Khen
    • 03.10.2008 um 1:32 Uhr

    Sobald ich eine bestimmte Stichprobenmenge überschreite, ist die Anzahl egal. Dafür sind solche lustigen Dinge wie "Median", "Durchschnitt" und "Standardabweichung" ja nun eben gedacht - nämlich eine Aussage unabhängig von der Anzahl treffen zu können.

    Wenn also z.B. 1.000.000 Autofahrten 50.000 Flugzeugstarts gegenüberstehen, so bedeutet das nur, dass der Durchschnitt für die Autofahrten etwas zuverlässiger ist.

    Schauen Sie sich also bitte doch erst mal die üblichen Stichprobengrößen an, bevor sie Statistiken in Frage stellen - in Ihrer Überlegung befindet sich leider auch ein logischer Fehler.

    Wenn _durchschnittlich_ mehr Flugzeugunfälle pro Flug als Autounfälle pro Autofahrt auftreten ist es schlicht irrelevant wieviele Flüge bzw. Autofahrten sich dahinter verbergen sobald die Anzahl der Fälle groß genug wird. Ab n=100 kann man da schon anfangen, Aussagen zu treffen; bei n=1.000 dürfte das schon ziemlich zuverlässig werden.

    In der Physik habe ich teilweise schon mit 10 oder 20 Datenpunkten arbeiten müssen - und trotzdem Werte mit weniger als 5% Abweichung zum Literaturwert herausbekommen.

    • Khen
    • 03.10.2008 um 1:32 Uhr

    Sobald ich eine bestimmte Stichprobenmenge überschreite, ist die Anzahl egal. Dafür sind solche lustigen Dinge wie "Median", "Durchschnitt" und "Standardabweichung" ja nun eben gedacht - nämlich eine Aussage unabhängig von der Anzahl treffen zu können.

    Wenn also z.B. 1.000.000 Autofahrten 50.000 Flugzeugstarts gegenüberstehen, so bedeutet das nur, dass der Durchschnitt für die Autofahrten etwas zuverlässiger ist.

    Schauen Sie sich also bitte doch erst mal die üblichen Stichprobengrößen an, bevor sie Statistiken in Frage stellen - in Ihrer Überlegung befindet sich leider auch ein logischer Fehler.

    Wenn _durchschnittlich_ mehr Flugzeugunfälle pro Flug als Autounfälle pro Autofahrt auftreten ist es schlicht irrelevant wieviele Flüge bzw. Autofahrten sich dahinter verbergen sobald die Anzahl der Fälle groß genug wird. Ab n=100 kann man da schon anfangen, Aussagen zu treffen; bei n=1.000 dürfte das schon ziemlich zuverlässig werden.

    In der Physik habe ich teilweise schon mit 10 oder 20 Datenpunkten arbeiten müssen - und trotzdem Werte mit weniger als 5% Abweichung zum Literaturwert herausbekommen.

    • Khen
    • 03.10.2008 um 1:32 Uhr

    Sobald ich eine bestimmte Stichprobenmenge überschreite, ist die Anzahl egal. Dafür sind solche lustigen Dinge wie "Median", "Durchschnitt" und "Standardabweichung" ja nun eben gedacht - nämlich eine Aussage unabhängig von der Anzahl treffen zu können.

    Wenn also z.B. 1.000.000 Autofahrten 50.000 Flugzeugstarts gegenüberstehen, so bedeutet das nur, dass der Durchschnitt für die Autofahrten etwas zuverlässiger ist.

    Schauen Sie sich also bitte doch erst mal die üblichen Stichprobengrößen an, bevor sie Statistiken in Frage stellen - in Ihrer Überlegung befindet sich leider auch ein logischer Fehler.

    Wenn _durchschnittlich_ mehr Flugzeugunfälle pro Flug als Autounfälle pro Autofahrt auftreten ist es schlicht irrelevant wieviele Flüge bzw. Autofahrten sich dahinter verbergen sobald die Anzahl der Fälle groß genug wird. Ab n=100 kann man da schon anfangen, Aussagen zu treffen; bei n=1.000 dürfte das schon ziemlich zuverlässig werden.

    In der Physik habe ich teilweise schon mit 10 oder 20 Datenpunkten arbeiten müssen - und trotzdem Werte mit weniger als 5% Abweichung zum Literaturwert herausbekommen.

    Antwort auf "@ pravg"
  2. die statistische wahrscheinlichkeit eines unglücksfalls ist, ist sicher auch interessant. aber mich interessieren auch die aussichten, wenn etwas passiert. und da denke ich, daß zug und das auto weniger tödlich sind.

    [ wenn man nicht gerade von zwei kollidierenden überholenwollern, als überholter an einen baum geschoben wird, wie kützlich geschehen. ergebnis: beide überholenwoller bei guter gesundheit, der langsamfahrer mausetot ].

    bei flieger und motorrad ist die wahrscheinlichkeit, im falle eines unglücks schwerst verletzt oder tot zu sein, doch erheblich höher, als
    bei landgebundenen fahrzeugen mit knautsch- = energieaufnahmezone.

    trotzdem wuerde ich jederzeit wieder fliegen, weil ja gemessen an der zahl der flüge, wirklich wenig unglücke passieren, dank der sicherheitsorientierten strukturen im luftverkehr.

    • HBogon
    • 10.06.2009 um 14:08 Uhr

    Solche geballte Fachinkontinenz erschüttern mein Vertrauen eher noch mehr:

    Fliegen ist immer noch die sicherste Art zu reisen. Das heißt aber nicht, dass nie ein Unfall passiert. Es gibt ja auch keine Garantie dafür, dass Ihr Zug nicht entgleist oder Ihnen im Auto niemand die Vorfahrt nimmt. Trotzdem gibt es nur selten Zug- und keine Autofahrangst – aber fast jeder vierte Reisende leidet Studien zufolge unter Flugangst.

    Man hätte ja konkrete statistische Aussagen zu Flugsicherheit darlegen können. Wobei aber wiederum zu befürchten wäre, dass man dann die Statistik nehmen würde, die passt.
    Mit dem üblichen Vergleich in Bezug auf die zurückgelegte Entfernung (also z.B. Unfälle je Person und Flugkilometer) könnte man auch beweisen, dass Fallschirmspringen und Bungeee-Jumping wesentlich sicherer sind als das morgendliche Aufstehen aus dem Bett.

    Solange man sich solche Videos wie bei Youtube ansehen kann bzw. muss, sollte mir lieber niemand etwas über Flugsicherheit vorlügen.
    http://www.youtube.com/wa...

    Hier hatte der Flugkapitän einer unerfahrenen Copilotin die Landung bei Sturm überlassen (nachdem vorher schon mehrere Jets durchstarten mussten) und den Totalcrash nur im letzten Augenblick noch mit einem Durchstart abwenden können. Von der Lufthansa wurde er im nachhinein sogar noch als Held gefeiert.

    Der Chefpilot der Lufthansa habe sich das Video der Landung angeschaut und sei voll des Lobes für die Piloten.
    http://www.spiegel.de/pan...

    In einigen Jahren ist es mit der Fliegerei für den Normalverbrauchten ja sowieso vorbei. Dann können unsere selbsterannten Eliten wieder unter sich sein im Flieger. Anders werden wir sie wohl nicht loswerden.

  3. Solange der Pilot vorne im Flugzeug keinen Fallschirm hat, fliegt er ( bis auf ganz wenige Ausnahmen - zB 9/11 ) um sein eigenes Leben, ob ich hinten drin sitze oder nicht, und das ist meine Lebensversicherung.
    Und welchen Unterschied macht es , ob 227 Menschen zur gleichen Zeit mit mir sterben oder ich alleine auf der Straße verblute, wie es statistisch gesehen alle 2 (!) Stunden allein auf Deutschlands Straßen geschieht ( 4550 im Jahr 2008 oder wie etwa 10.000 Menschen pro Jahr in Deutschland bei Unfällen im Haushalt sterben oder wie etwa 10.000 Menschen jährlich in Deutschland, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen ).

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