Wenn sie mitten in der Straße stehen, kann man leicht um sie herumfahren wie um ein Stück Pappe oder eine tote Katze. Stellt man den Sprinkler an, hält man sie ab, vor dem Haus herumzulungern." Rasensprenger als Abwehrwaffe? Wer da an Vorstadtgärten denkt, liegt richtig. Im Buch selbst ist diese Vorstellung überflüssig, denn Shaun Tan erzählt nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern. Ehe wir die Sätze lesen, sehen wir schon zwei Illustrationen: eine Straße, flankiert von Grasstreifen, Gehweg, Grasstreifen, Garten, Bungalows – eine Kulisse zwischen Hopper und Hockney, eine Ödnis, verstärkt durch die Anwesenheit eines der namenlosen Wesen.

Wer sind sie? Wenn man auf sie einschlägt, hört man nur das Geräusch toter Äste, die von Bäumen fallen. Der Text spricht nur von "sie"; die Bilder zeigen Stockgestalten oder auch nur ihre Schatten, die wie Risse über das Grau der Straße laufen, Gestalten wie Irrlichter. "Es ist, als nähmen sie alle unsere Fragen auf und richteten sie wiederum an uns: Wer seid ihr? Warum seid ihr da? Was wollt ihr?"

Das Unfassbare wirft uns auf uns zurück. Tans Geschichtenband spielt ein Spiel mit vielen Stilen. Shaun Tan, 1974 im australischen Perth geboren und als Science-Fiction-Freund bekannt, beherrscht das Handwerk des Realismus, das ihm Szenen in bester surrealistischer Tradition ermöglicht. Die Mischung der Stile lässt den Band zwar uneinheitlich erscheinen, fasziniert aber durch den Eindruck, Tan stünden beliebig Mittel und Ideen zur Verfügung.

In den fünfzehn Geschichten aus der Vorstadt des Universums sehen wir Alltagskulissen und gewöhnliche Menschen: Um "Opa" oder "meinen Bruder und mich" geht es da. Die Zeitangaben allerdings lauten nicht nur "an einem schwülen Sommerabend" und "vor ein paar Jahren", sondern auch "in der Nacht, als die Schildkröten gerettet wurden" oder "jetzt, wo jeder Haushalt seine eigene Interkontinentalrakete hat". Dennoch soll der Begriff "Universum" nicht Gedanken an Intergalaktisches auslösen, die Anderswelt ist hier und jetzt.

Seltsame Leute begegnen uns, wie Eric. Dem Worttext nach ein "Austauschschüler", im Bildtext jedoch ein Winzling, der zwischen Küchensachen herumwuselt und über Buchseiten spaziert, in vielen bräunlich-grauen, akribisch schraffierten Kleinbildern. Ein papierdünner zweidimensionaler Wicht, abstrakt und sympathisch, der eines Tages unvermittelt entschwindet und doch einen Dank zurücklässt. Shaun Tan beschreibt die Überraschung nicht, sondern – umblättern! – präsentiert sie auf der folgenden Doppelseite als magische Blumen, Farbtupfer in einer Bleistiftwelt – ein zartes Feuerwerk.

In Australien, wo Tan heute noch lebt, gehören seine Bücher seit Jahren zu den Geheimtipps. Nun sind auch hierzulande gleich zwei Titel erschienen – und zwar dort, wo "illustrierte Bücher" meist landen: bei den Kinderbüchern und bei den Comics. Dabei nähern sich Tans Bücher graphic novels, gezeichneten Romanen, ohne genaues Zielalter und kaum einzuordnen in die sturen Kästchen von Programmen und Handel.