Luchs 260 Wer sind wir?
Shaun Tan endlich auf Deutsch! Ein australischer Buchkünstler der fantastischen Melancholie und akribischen Schwebezustände
Wenn sie mitten in der Straße stehen, kann man leicht um sie herumfahren wie um ein Stück Pappe oder eine tote Katze. Stellt man den Sprinkler an, hält man sie ab, vor dem Haus herumzulungern.« Rasensprenger als Abwehrwaffe? Wer da an Vorstadtgärten denkt, liegt richtig. Im Buch selbst ist diese Vorstellung überflüssig, denn Shaun Tan erzählt nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern. Ehe wir die Sätze lesen, sehen wir schon zwei Illustrationen: eine Straße, flankiert von Grasstreifen, Gehweg, Grasstreifen, Garten, Bungalows – eine Kulisse zwischen Hopper und Hockney, eine Ödnis, verstärkt durch die Anwesenheit eines der namenlosen Wesen.
Wer sind sie? Wenn man auf sie einschlägt, hört man nur das Geräusch toter Äste, die von Bäumen fallen. Der Text spricht nur von »sie«; die Bilder zeigen Stockgestalten oder auch nur ihre Schatten, die wie Risse über das Grau der Straße laufen, Gestalten wie Irrlichter. »Es ist, als nähmen sie alle unsere Fragen auf und richteten sie wiederum an uns: Wer seid ihr? Warum seid ihr da? Was wollt ihr?«
Das Unfassbare wirft uns auf uns zurück. Tans Geschichtenband spielt ein Spiel mit vielen Stilen. Shaun Tan, 1974 im australischen Perth geboren und als Science-Fiction-Freund bekannt, beherrscht das Handwerk des Realismus, das ihm Szenen in bester surrealistischer Tradition ermöglicht. Die Mischung der Stile lässt den Band zwar uneinheitlich erscheinen, fasziniert aber durch den Eindruck, Tan stünden beliebig Mittel und Ideen zur Verfügung.
In den fünfzehn Geschichten aus der Vorstadt des Universums sehen wir Alltagskulissen und gewöhnliche Menschen: Um »Opa« oder »meinen Bruder und mich« geht es da. Die Zeitangaben allerdings lauten nicht nur »an einem schwülen Sommerabend« und »vor ein paar Jahren«, sondern auch »in der Nacht, als die Schildkröten gerettet wurden« oder »jetzt, wo jeder Haushalt seine eigene Interkontinentalrakete hat«. Dennoch soll der Begriff »Universum« nicht Gedanken an Intergalaktisches auslösen, die Anderswelt ist hier und jetzt.
Seltsame Leute begegnen uns, wie Eric. Dem Worttext nach ein »Austauschschüler«, im Bildtext jedoch ein Winzling, der zwischen Küchensachen herumwuselt und über Buchseiten spaziert, in vielen bräunlich-grauen, akribisch schraffierten Kleinbildern. Ein papierdünner zweidimensionaler Wicht, abstrakt und sympathisch, der eines Tages unvermittelt entschwindet und doch einen Dank zurücklässt. Shaun Tan beschreibt die Überraschung nicht, sondern – umblättern! – präsentiert sie auf der folgenden Doppelseite als magische Blumen, Farbtupfer in einer Bleistiftwelt – ein zartes Feuerwerk.
In Australien, wo Tan heute noch lebt, gehören seine Bücher seit Jahren zu den Geheimtipps. Nun sind auch hierzulande gleich zwei Titel erschienen – und zwar dort, wo »illustrierte Bücher« meist landen: bei den Kinderbüchern und bei den Comics. Dabei nähern sich Tans Bücher graphic novels, gezeichneten Romanen, ohne genaues Zielalter und kaum einzuordnen in die sturen Kästchen von Programmen und Handel.
Gleichwohl, der Hamburger Carlsen Verlag hat es jetzt gewagt. Und ist dabei ein Risiko eingegangen. Denn nicht nur sind Tans Sujets, vor allem die seiner frühen Geschichten, oft arg düster – auch seine Illustrationen sind alles andere als leicht eingängig. Sie entfalten sich langsam, sind kompliziert, durchsetzt mit fingierten Notizen, mit Collagen aus gemalten Schnipseln; Schriftspuren, die zum Bild-Text-Geflecht gehören. Dieser Aspekt der Übertragung, das Handlettering von Dirk Rehm und die Leistung der nicht benannten Grafik lassen Sorgfalt und Engagement erkennen und verdienen ein Extrakompliment.
Ob in einer der Geschichten Hunde Totenwache halten, ob eines Tages ein Meeressäuger in einem Vorgarten liegt oder ob zwei Jungen plötzlich am Rand der Welt stehen, dort, wo die Karte in Vaters Autoatlas aufhört, immer spielt Tan auch mit Ambivalenzen. Der LUCHS geht damit an eine Fantastik, die wohltuend vielschichtiger ist als Fantasy vom Fließband. Eine Fantastik, die uns zu beunruhigen und zu verzaubern vermag: ein Spiel voller Melancholie und Poesie.

DIE LUCHS-JURY EMPFIEHLT AUSSERDEM:
Sven Nordqvist: Wo ist meine Schwester?
Roman; a. d. Schwed. v. Angelika Kutsch; Oetinger Verlag, Hamburg 2008; 32 S., 19,90 €
Auf der Suche nach seiner großen Schwester fliegt der kleine Mäusebruder mit dem Birnen-Ballon durch fantastische Landschaften – und mit ihm der Betrachter, der nur staunen kann, was dem Vater von Pettersson und Findus da wieder an optischen Täuschungen eingefallen ist. (für die ganze Familie)
Paula Fox: Ein Dorf am Meer
Roman; a. d. Engl. v. Brigitte Jakobeit; Boje Verlag, Köln 2008; 164 S., 11,90 €
Die eindringliche und poetische Geschichte von der liebenswerten zehnjährigen Emma, der es gelingt, sich aus dem Schatten ihrer Tante Bea, einer »traurigen, bösen alten Frau«, zu befreien. (ab 11 Jahren)
Franz Hohler/Jacky Gleich (Ill.): Mayas Handtäschchen
Sauerländer Verlag, Düsseldorf 2008; 48 S., 16,– €
Das vielschichtige Märchen des bekannten Schweizer Autors erzählt von einer selbstbewussten jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität und entführt den Leser in die Welt des Orients. Mit wunderbar stimmigen Bildern von Jacky Gleich. (ab 6 Jahren und zum Vorlesen)
- Datum 30.06.2009 - 12:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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