Sozialpolitik Teuer bezahlte Sparsamkeit

Die Kinderarmut energisch zu bekämpfen ist nicht nur eine Frage des Mitgefühls, es ist eine ökonomische Notwendigkeit. Deutschlands Zukunft steht auf dem Spiel

Die drei Jahre alte Cecilia beim Abendessen. Unicef. Unicef berichtet über einen alarmierenden Anstieg der Kinderarmut in Deutschland

Die drei Jahre alte Cecilia beim Abendessen. Unicef. Unicef berichtet über einen alarmierenden Anstieg der Kinderarmut in Deutschland

Am 1. März 2005 starb ein Kind in Hamburg-Jenfeld. Sein Tod war ein Schock. Er rüttelte die Menschen auf und warf ein Schlaglicht darauf, dass sich ihre Heimat verändert hat. Mitten unter ihnen, mitten in Deutschland, war die kleine Jessica verhungert. In ihrem Magen fand man Teppichflusen und Tapetenreste, mit denen sie den Hunger zu stillen suchte. Als sie starb, hatte die Siebenjährige das Gewicht einer Zweijährigen.

Das Schicksal von Jessica wurde zum Symbol. Wie ist es möglich, dass in einem reichen Land wie diesem ein Kind an Unterernährung stirbt? Wer trägt, neben den Eltern, die Schuld an der Tragödie? Wie hätte man sie verhindern können? Das fragten sich die entsetzten Bürger, die Politiker versprachen Taten. Geschehen ist nichts. Weitere Kinder starben qualvoll, darunter 2006 Kevin in Bremen und Lea-Sophie aus Schwerin, die 2007 verhungert ist.

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Die furchtbaren Todesfälle, so viel wurde klar, sind nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt leben in Deutschland weit über drei Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. Die Schätzungen variieren je nach Blickwinkel und Definition der Armut. Doch sicher ist: Die Zahl ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

Im Herbst 2005 standen Jessicas Eltern vor Gericht. Und weil die Fragen nach der politischen Verantwortung nicht verstummen wollten, beschloss die schwarz-rote Regierung zur gleichen Zeit in ihrer Koalitionsvereinbarung, dass sie die Kinderarmut bekämpfen wolle. Dann jedoch verschwand das Thema wieder von der Agenda. Denn es gibt kein Patentrezept, das im Handstreich umzusetzen wäre. Erforderlich ist eine Vielzahl von Schritten, die gut abgestimmt sein müssen. Und jeder von ihnen kostet Geld. So ist die machtlose Lobby der Kinder beim Kampf um die knappen Mittel des Staates stets einer schlagkräftigen Konkurrenz ausgesetzt. Und zieht immer wieder den Kürzeren.

Inzwischen ist die Öffentlichkeit sensibilisiert für Fragen der Gerechtigkeit, der Chancengleichheit und der Armut, besonders von Kindern. Und: Es stehen wieder Wahlen an, bei denen die Parteien punkten können, wenn sie den energischen Kampf gegen Kinderarmut versprechen. Da bleibt zu hoffen, dass das Thema nicht wieder so schnell in Vergessenheit gerät. Und dass dieses Mal wirklich etwas geschieht – auch wenn es keine einfache Lösung zum Nulltarif gibt.

Es geht nicht in erster Linie darum, Hunger zu vermeiden

Im Jahr nach Jessicas Tod eröffnete ganz in der Nähe von ihrem Zuhause die Hamburger Arche. Dort erhalten Kinder kostenlos ein Mittagessen, mehr als 70 kommen jeden Tag. Ihren Eltern gelingt es nicht, sie von 211 Euro Sozialgeld im Monat gut zu versorgen. Jessica könnte noch leben, wenn es die Arche früher gegeben hätte, schrieb daraufhin die Lokalpresse. Das ist falsch. Die Siebenjährige ist nicht deshalb gestorben, weil ihre Eltern kein Geld für Lebensmittel hatten. Sie sperrten ihre Tochter in ein abgedunkeltes Zimmer und ließen sie nicht zur Schule gehen. Sie hätten sie auch nicht zur Arche gelassen. Denn sie waren mit der Erziehung der Tochter komplett überfordert. Nur Therapien und eine intensive Betreuung, die auch die Sicherheit des Kindes ständig überprüft, hätten Jessicas Schicksal wenden können. Doch statt solche Hilfen auszubauen, wird immer noch an ihnen gespart.

Die allermeisten Kinder aus armen Familien leiden keinen Hunger. Sie haben fürsorgliche Eltern, die alle Mühen auf sich nehmen, um sie hinreichend zu ernähren. Doch das bedeutet nicht, dass es diesen Kindern gut geht und man sich beruhigt zurücklehnen kann. Beim Kampf gegen die Kinderarmut geht es in Deutschland nicht in erster Linie darum, Hunger zu vermeiden. Wo es an Geld mangelt, müssen Kinder mit vielfältigen Einschränkungen leben. Sie werden zu Außenseitern in einer konsumorientierten Gesellschaft. Finanzielle Armut schlägt sich nieder im Fehlen von Freunden und sehr häufig in zu geringer Bildung: Nachweislich sind arme Kinder in der Schule weit weniger erfolgreich als ihre Klassenkameraden aus wohlhabenden Familien. Die Ursache liegt in einem dichten Geflecht aus Diskriminierung und fehlender Förderung, aus schlechten Rahmenbedingungen im familiären Bereich und, schlimmer noch, im gesellschaftlichen Umfeld. So bleiben arme Kinder ohne Chance.

Leser-Kommentare
    • Saxer
    • 15.10.2009 um 21:03 Uhr

    [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

  1. Man kann die Armut von Kindern nur bekämpfen, wenn man etwas gegen die Armut ihrer Eltern unternimmt!
    Solange Politiker und Wirtschaftsbosse ungestraft darüber schwadronieren dürfen, dass die Hartz-IV-Sätze zu hoch sind und dass auch ein Stundenlohn unter 3 Euro beispielsweise für einen Altenpfleger gerechtfertigt ist, werden alle wohlmeinenden Appelle ungehört verhallen.
    Ein Arbeitnehmer MUSS von seinem Lohn leben können, ohne weitere staatliche Unterstützung, und die Hartz-IV-Sätze müssen so hoch sein, dass Eltern ihren Kindern eine vernünftige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen können. Ferner gehört die
    frühkindliche Bildung erheblich ausgebaut, das Schulsystem auf die heutigen Anforderungen ausgerichtet und der Zustand abgeschafft, dass beinahe 30% Prozent eines Jahrgangs die Schule gänzlich ohne Abschluss verlassen. Zudem müssen alle Kinder und ihre Eltern Zugang zu weiteren Bildungsangeboten erhalten und Berührungspunkte mit der
    vielfältigen Kultur unseres Landes bekommen. Und zwar ohne erhobenen Zeigefinger und gerümpfte Nase.
    Wir können uns das Berufsbild „Hartz-IV-Empfänger“ nicht leisten! Um dies zu vestehen, braucht es keine Studien aus den USA, da reicht etwas gesunder Menschenverstand völlig aus - aber der scheint in den oberen Etagen unserer Gesellschaft abhanden gekommen zu sein.

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