Österreich Kein Gedicht
Wie Lyrik der SPÖ, aber vor allem den Freiheitlichen den Sieg brachte
Herr Redakteur, kein Gedicht, sagen Sie, einen Kommentar ja, einen Prosatext, aber kein Gedicht. Wie stellen Sie sich das vor? Warum fragen Sie nicht einen unserer Romanciers, wenn Sie einen Prosakommentar wollen. Menasse beispielsweise, Gstrein? Ah, die wollen nicht, ich verstehe, die haben kein Interesse mehr an der österreichischen Politik, die schreiben Faust 3, die sprechen über ihre Liebe zur südamerikanischen Literatur, so verschenkt seit je dieses Land seine großen Geister, ohne Dankbarkeit zu fordern, an die Welt.
Dennoch, kein Gedicht, das ist unmöglich. Ich habe mich zu Wahlergebnissen, falls überhaupt, immer nur lyrisch geäußert. »Leise flehen meine Lieder, / bitte, nein, nicht das schon wieder, / nicht noch einmal diese Scheiße, / flehen meine Lieder leise«, so ich zur Wiederwahl Schüssels 2002. Im Grund würde das auch diesmal passen, nur mit dem Unterschied, dass eine neue Große Koalition zwar auch Scheiße, aber nicht die denkbar größte Scheiße wäre, wie es damals die Fortführung der schwarz-blauen war, diesmal ist noch mehr und andere und noch größere Scheiße möglich. Jedenfalls aber: Ohne Lyrik geht gar nichts, gerade diesmal.
Nie zuvor war ein Wahlkampf so lyrikdominiert, ein Wahlergebnis so deutlich Ausdruck der Wirksamkeit von Gedichten. Denken Sie nur an die Kronen Zeitung , dieses Zentralorgan einer heraufdämmernden Volksgemeinschaft, die Faymann Post . Zwar werden wohl auch die Leitartikel des Herausgebers manches bewirkt haben, aber die Verluste der SPÖ wären sicher höher ausgefallen, hätte nicht der Lyriker Wolf Martin seine Gesänge in den Dienst der Sozialdemokratie und ihres Parteichefs gestellt: »Seit alters ist’s der Weisen Sitte, / stets einzutreten für die Mitte. / Wie glücklich ist doch unser Staat! / Mit Werner Faymann wird sie Tat! / Mit klarem Wort und offnem Blick / macht er die beste Politik!« Großartig, nicht? Genau wie: »Glatt ist der Faymann wie ein Aal? / Nein, mutig ist er und sozial! / Der ÖVP, der Bremserin, / wirft er den Fehdehandschuh hin, / macht nicht nur heiße Luft und Dampf, / sagt hohen Preisen an den Kampf.« Die SPÖ hätte die Wahl sicher überlegen gewonnen, hätte nicht die FPÖ rasch reagiert und einen reinen Lyrikwahlkampf geführt, Soziale Sicherheit / für unsere Leut’ beispielsweise, erstklassiges Gedicht, oder Asylmissbrauch heißt Gummischlauch oder – was sagen Sie? Nicht Gummischlauch? Pardon, ein Erinnerungsfehler, Asylbetrug heißt Heimatflug , so geht das Gedicht, auch erstklassig, damit gewinnt man hier Wahlen.
Die ÖVP hat das nicht begriffen, die großartige, die nur um ihr zu nützen begonnene Wachteleierdebatte hat sie ertrinken lassen im Gewässer ihrer Wahlkampfprosa, statt ihr durch Lyrik täglich neues Leben einzuhauchen, »Teurer wird das Wachtelei, doch billig bleibt das Achtel Wei’«, so ein Gedicht hätte ihr allein in Wien drei bis vier Prozent mehr Stimmen gebracht. Was sagen Sie? Ob ich glaube, dass es hier unerträglich werden wird nach dieser Wahl? Aber nein, nicht unerträglich. Es wird alles bleiben, wie es war, unsäglich kläglich. Aber kein Gedicht? Das ist nicht möglich.
- Datum 01.10.2008 - 14:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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