Kunst Ist das nicht malerisch?Ist das nicht malerisch?
Eine Ausstellung in Münster geht der Frage nach, warum Künstler so gerne reisen.
Der junge Maler wohnte in Heidelberg und wollte nach Rom. Er schnitzte sich einen Reisestock, kaufte einen Bernhardinerhund, nannte ihn Grimsel und zog los. Nach der Ankunft schrieb er heim, dass er außerordentlich froh sei, die Reise mit ihren »unzähligen Strapazen« bestanden zu haben, »besonders auch Grimsel, dessen sein Laufen ein Ende gewann«. Der Maler wurde dann häufig im Caffé Greco gesehen, es gab ein großes Hallo, schließlich hatte er einen guten Namen. Carl Philipp Fohr, endlich in Rom. Die Künstlerfreunde ließen sich von ihm porträtieren, bewunderten, wie er die Wasserfälle bei Tivoli malte, und sahen zu, wie er beim Baden im Tiber ertrank. Vom Schicksal des Hundes ist nichts überliefert.
Warum muss ein junger Maler im Sommer 1816 von Heidelberg nach Rom wandern? Die Kuh auf seinem Bild vom Heidelberger Schloss ist der Schafherde auf seinem Bild von der italienischen Landschaft keineswegs unterlegen. Wenn Fohr zu Hause geblieben wäre, wäre er vielleicht im Neckar ertrunken. Aber Grimsel hätte nicht dauernd im verrauchten Caffé Greco herumschleichen müssen.
Immer sind Künstler unterwegs. Immer und überall. Als wir den Rindenmaler John Mawurndjul in seinem Aborigines-Camp im australischen Arnhemland besuchten, schob er mit dem Fuß den ausgehöhlten Stein zur Seite, in dem er seine Farben angerührt hatte, und erzählte vom Großvater, der mit dem Clan über den halben Kontinent gezogen sei, von einer Felswand zur anderen, wo er sich jedes Mal wochenlang zurückgezogen hätte, um die heiligen Bilder nachzumalen.
Das Westfälische Landesmuseum in Münster hat dem künstlerischen Reisedrang eine große Ausstellung gewidmet. Wer sie Saal um Saal abschreitet, könnte tatsächlich meinen, die Maler seien, wenn man sie gerade nicht in Werkstatt oder Atelier fand, immerfort unterwegs gewesen. Leonardo aus Vinci ist in Amboise an der Loire gestorben. Der Basler Hans Holbein in London. Der gebürtige Pariser Paul Gauguin in Atuona auf den Marquesas-Inseln. Nicht alle hatten sie Bernhardinerhunde. Aber kaum einer im dickleibigen Buch der Kunstgeschichte, der sein Karriereziel erreicht hätte ohne Umweg über diesen oder jenen Sehnsuchtsort.
Warum soll es dem Künstler auch anders ergehen als dem Nichtkünstler? Der Mensch kann nicht still stehen, kann nicht still sitzen, das hat er noch nie gekonnt. Seit er auf der Welt ist, ist er auf den Beinen. Sesshaftigkeit bedeutet nur, dem Reisetrieb einen Ausgangspunkt zu geben. Früher war es die Horde, in die plötzlich Unruhe kam. Bis der Mensch sich Reisestöcke schnitzte und Grimsel an die Leine nahm, dauerte es eine ganze Weile. Aber nachdem er dann endlich reisefertig war, schleppte er sich über die Alpenpässe im guten Gefühl, die grimsellose Welt, die er hinter sich ließ, blicke ihm voller Bewunderung nach.
Künstlerreisen sind Stellvertreterreisen. Modellreisen. Reisen mit einem Lernziel, das sich im Kopf des wandernden Künstlers bereits in ein Lehrziel verwandelt. Mögen andere im Pulk verharren. Er ist allein, auch wenn er Begleitung hat. Er ist nur sich verantwortlich, auch wenn es um Aufträge geht, die er in der Ferne zu erfüllen hat. Er ist, wo immer er auf dem Weg ist, auf dem Weg zu sich. Er ist Pionier, Abenteurer, Entdeckungsreisender und Therapeut in eigener Sache.
Künstlerreisen sind Bildungsreisen. Sie verleihen Geistesadel und schöne Reife. Wenn Dürer aus Venedig heim nach Nürnberg schreibt, dann belässt er es nicht beim Lob des schönen Wetters: »O, wie wird mich nach der Sonne frieren!« Er kommt auch gleich im nächsten Satz auf das, was man vom Künstler nach der Alpenüberquerung erwarten darf. Natürlich ist er unterwegs ein neuer Mensch geworden: »Hier bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer.«
Und weil das so ist, weil der Künstler (und seltener auch die Künstlerin) nicht nur zum Spaß unterwegs ist, sondern in höherer kultureller Mission, sind die angemessenen Ziele kanonisch. Glaube niemand, Maler, die mit Bernhardinerhunden durchs Gebirge wandern, probate Individualisten also, suchten sich auch die ungewöhnlichen, exquisitesten Destinationen. Im Gegenteil. Die Münsteraner Ausstellung droht zwar da und dort an ihrem Material zu ersticken, nicht aber an der Fülle der Reisewege, die sie zu belegen hat. Überblickt man die Karte mit den eingeschlagenen Routen, dann ist es, als ob die Künstler alle im gleichen Reisebüro gebucht hätten. Als verdankten sie ihre Inspiration einem einzigen vergilbten Prospekt.
Die meisten haben sich für die klassischen Stätten entschieden, für die Ruinen und Tempelreste in Griechenland und Italien, wo die Antike noch einmal ihre große Nachspielzeit hatte. Die Faszination hat Jahrhunderte angehalten und die Fantasie über Epochen hin mit Bühnenstoff versorgt. Davon zehren wir noch heute, ob wir wollen oder nicht. Dass uns beim verwitterten Säulenstumpf immer gleich Winckelmanns »edle Einfalt, stille Größe« in den Sinn kommt, ist unseren humanistischen Lehrjahren geschuldet, die leider keine Wanderjahre waren.
Vor-Winckelmänner hatten es damit entschieden leichter. Sie konnten sich das Altertum noch auf ihre eigene Art anverwandeln; und da fehlte es nicht an Ideen. An einem schönen Septembertag des Jahres 1464 will man den jungen, schon recht berühmten Maler Andrea Mantegna mit drei Freunden am Gardasee gesehen haben. Sie hätten die alten Inschriften studiert und seien, so will es die Geschichte, verkleidet gewesen, der eine als Caesar, die anderen als Konsuln und alle mit dem Lorbeer gekrönt. Als sie sich ans Heimsegeln gemacht hätten, da hätten sie den Imperator besungen wie auch die Jungfrau Maria. Die vergangene Zeit und die kommende Zeit wären verschmolzen, und es wäre schöner nie gewesen.
Ein paar Abenteurer unter den Künstlern gab es freilich auch später noch. Manche haben auf den Schiffen der Handelsmarine angeheuert und sind mit den Kolonisatoren des 17. und 18. Jahrhunderts nach Lateinamerika gesegelt. Ganz Verwegene suchten ihr vorzivilisatorisches Glück in der Südsee. Später kam Nordafrika in Mode. Krummschwert, Turban, Wasserpfeife. Der Maler Max Slevogt bezog im Grand Hotel in Assuan Logis. Nach dem Mittagsschlaf war er bereit für ein »libysches Wüstenbild«. Mehrere Helfer mussten die Staffelei arretieren, so heftig war der Wind. Dass das eigens gecharterte Kamel brav im Sand sitzen blieb, klingt nach einem orientalischen Märchen. Aber das Bild ist toll geworden und zeigt obendrein, dass die wohlverstandene Künstlerreise von der eigentlichen Vergnügungsreise streng zu unterscheiden ist.
Ganz ohne Helfer stieg der Schweizer Ferdinand Hodler bis an den Bergschrund des Grindelwaldgletschers, zog die Wollmütze über die Ohren und brach das Eis von der Leinwand. Dass außer Tells Apfelschuss noch ein anderes helvetisches Motiv Kunstgeschichte machen würde, war bis ins späte 18. Jahrhundert kaum vorherzusehen. Dann aber begann der Kunsttourismus die unberührten Berge zu entdecken. Die Maler blickten hinauf und hinunter, in wilde Schluchten und auf vergletscherte Grate, und feierten das Bild der erhabenen Natur, welche die vergängliche Zivilisation überragt.
So gesehen blieb kaum ein Land, kaum eine Landschaft gänzlich ungemalt. Aber eine Drift war doch immer stärker als alle anderen: Seit den Pilgerreisen des Mittelalters zog und sog Italien die europäischen Künstler an. Die Verlockung war so unwiderstehlich, dass die mühselige Passstrecke über die Alpen wie Prüfung und Bewährung vor dem Eintritt ins verheißene Land erschien. Wer sich noch nicht ans Packen gemacht hatte, verzehrte sich wie der Dichter Ludwig Tieck: »Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schönen, hellen Gegenden, die mir in allen Träumen erscheinen und mich rufen.« Entsprechend feierte mancher seine Ankunft wie eine Initiation. Mit großem Freundesgefolge zog der dänische Bildhauer Bertel Thorwaldsen als Rom-Stipendiat des Jahres 1797 durch die Porta del Popolo. Es war sein festlicher Eintritt ins Künstlerleben.
Dass empfindsamere Generationen das Land, wo die Zitronen blühen, wie den Mutterschoß der Künste verehrten, war das eine. Das andere aber, dass die ordentliche Inszenierung einer Künstlerlaufbahn ohne Italien-Kulissen bald nicht mehr möglich schien. Die rechten Weihen, das akademische Diplom haben die Maler und Bildhauer bis ins 19. Jahrhundert hinein erst erhalten, nachdem sie den Grabmälern der Tizians und Michelangelos ihre huldvolle Aufwartung machten. Die Demut wurde immer eitler.
Mit dem Anbruch der Moderne erstarb sie ganz. Heute muss niemand mehr ein Rom-Obligatorium nachweisen, um als Künstler anerkannt zu werden. Die ästhetische Leitwährung, die in der ewigen Stadt einmal gegolten hat, ist längst entwertet. Wie die Störche, denen es auch wieder auf den heimischen Kirchtürmen gefällt, scheint den Kreativen neuerer Zeitrechnung das Zugvogelverhalten ziemlich abhanden gekommen. Sicher, sie reisen noch, vielleicht mehr denn je. Aber nicht, um sich vor Vorbildern zu verneigen, sondern um Kunden die Hand zu schütteln. Heute entsteht Kunst, wo die Musik spielt oder der Bär los ist. In Berlin, in London, in New York. Die junge Kunst braucht eine stabile Internetverbindung, aber kaum noch den Hallraum der Geschichte. Das von Zypressen gesäumte Landhaus in der Toskana dient dem Künstler wie unsereinem nur noch zur Erholung.
Aber war es wirklich so viel anders in den großen Tagen der reisenden Künstler? Den meisten erging es genau wie uns, wenn wir in die Ferien fahren. Kaum einmal sind sie als Reporter gekommen – mit Neugier und Erkenntnisinteresse. Immer haben sie schon alles gewusst. Immer hatten sie ihre wohlbehüteten Vorstellungen im Gepäck. Immer sind sie an Orte gefahren, die nicht aus Landschaft, Architektur und Menschen gebildet waren, sondern aus Ideen und Idealen. Und alle Reisen hatten dasselbe Ziel: Auch ich in Arkadien, mit Betonung auf dem »auch«.
Das eben ist das Geheimnis der Sehnsucht. Und deswegen zieht es ja auch uns immer wieder in unser süditalienisches rifugio zu den Oleanderbüschen auf der Klippe über dem Meer. Nicht um zu zeichnen, zu malen oder zu aquarellieren. Vielmehr um die Traumbilder aufzufrischen, die dann bis zum nächsten Besuch wieder ihre stille Wirkung tun. Angesichts der Staus an der Gotthard-Nord- und -südrampe wäre allerdings zu überlegen, ob die Anschaffung eines Bernhardinerhunds der Alpentransversale nicht doch den verlorenen Zauber wiedergäbe.
Die Ausstellung »Orte der Sehnsucht. Mit Künstlern auf Reisen« ist bis zum 11. Januar 2009 im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte (Domplatz 10, 48143 Münster, Tel. 0251/590701, www.lwl.org ) zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 9–19 Uhr, Do bis 21 Uhr, Sa, So 10–18 Uhr. Eintritt: 9 Euro. Ausstellungskatalog, herausgegeben vom Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster 2008; 496 S., zirka 570 Farbabbildungen, 34,90 € (Einführungspreis bis 31. 1. 2009)
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- Datum 05.10.2008 - 11:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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