Frank Lehmann nähert sich dem Ziel. Frank Lehmann ist mit seinem Opel-Kadett in Bremen aufgebrochen in Richtung West-Berlin, er durchquert die Transitstrecke, achtet penibel auf die in der DDR geltende Höchstgeschwindigkeit und lässt sich von Wolli nerven, einem Punker, den er von Bremen mitgeschleppt hat und der ihn zum Dank vom Beifahrersitz aus mit Berlin-Wissen volllabert.

»Der ist ziemlich mit den Nerven fertig, dachte Frank, und er selbst, so viel war mal klar, war das inzwischen auch. Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch gelandetes Raumschiff. Oder vielleicht gerade doch.«

Frank Lehmann hat, bis er Kreuzberg erreicht, noch ein paar Kilometer und ein paar Romanseiten vor sich. Wir aber, seine Leser, sind bereits angekommen. Angekommen im Lehmannismus. Jener zwischen Flachsinn und Tiefsinn flackernden Bewusstseinswelt buchhalterischer und wortklauberischer Grübeleien, deren Chiffre aus drei Silben besteht: »Dachte er.« In diesen drei Silben steckt Lehmanns literarische DNA. Als Frank Lehmann, Protagonist des von Sven Regener verfassten Bestsellerromans Herr Lehmann im Jahr 2001 auf der Bühne der deutschsprachigen Literatur erschien, schlug er seine Fangemeinde ja nicht mit Taten und Erfindungen in Bann. Sondern eher mit deren ausdrücklicher, gleichsam buddhistischer Vermeidung. Und mit Reflexionen und Maximen wie: »Wer immer zu früh kommt, ist auch unpünktlich.«

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Herr Lehmann spielte im end- und ziellosen Wartezustand Ende der achtziger Jahre, genauer gesagt, kurz vor der Maueröffnung, im Kreuzberger Mikrokosmos gemächlichen und abgeschirmten Stillstands. Das Leben, das Frank Lehmann in jenem ersten Lehmann-Roman führte, indem er es tagsüber größtenteils verschlief und nachts als Bierverkäufer hinter der Theke der Kneipe Einfall verbrachte, war von einer Hauptsorge geleitet: dass nicht allzu viel passiert. Herr Lehmann war das Porträt eines äußerlich Ambitionslosen, innerlich mit »dachte er« Beschäftigten und erzählte die Geschichte einer statischen Existenz im Rahmen kleinbürgerlich-bohemehafter BRD-Verhältnisse. Der Roman endete mit dem Fall der Mauer.

In der letzten Szene taumelt Frank Lehmann zwischen kreischenden Ostlern, weinenden Westlern und stinkenden Trabis durch die offene Grenze und befürchtet das Schlimmste für die ruhige Kugel seines Kreuzberger Daseins. Wie es mit Lehmann im wiedervereinigten Deutschland weiterging, steht in den Sternen, wir werden es vermutlich nie erfahren. Denn Herr Lehmann war der erste Teil einer Romantrilogie, die – ungewöhnlich, aber passend zur Kunst des Um-die-Ecke-Denkens des Helden – Frank Lehmanns bisherige Lebensgeschichte rückwärts erzählt, nicht vorwärts.

Vor drei Jahren erschien der zweite Lehmann-Band, Neue Vahr Süd, in dem Lehmanns jugendlicher Werdegang im Bremen der siebziger Jahre erzählt wurde. Dieser Werdegang teilt ein paar Eckdaten mit der Biografie des 47-jährigen Autors Sven Regener, der ebenfalls aus Bremen stammt und sich in den siebziger Jahren, wie Lehmann, durch den ideologischen Dschungel der K-Gruppen kämpfte. Eine Autobiografie oder ein Schlüsselroman ist das Lehmann-Projekt indes schon deshalb nicht, da Regener nicht als Bierverkäufer Karriere machte, sondern als Sänger, Texter, Chef der Band Element of Crime, und außerdem keineswegs ein Mann der ruhigen Kugel ist.

In Neue Vahr Süd verließ Frank Lehmann das Elternhaus, erlitt Liebesleid, wurde zur Bundeswehr eingezogen, entkam ihr durch einen Trick und begann, wiederum am Romanende, eine neue Lebensepoche: Den Umzug nach Berlin im Opel-Kadett, mit dem der dritte Teil der Trilogie nun also beginnt. In der Chronologie des dreiteiligen Epos nimmt der Roman mit dem Titel Der kleine Bruder das erzählerische Mittelstück ein. Er spielt im November 1980. Der Neukreuzberger Lehmann ist folglich exakt neun Jahre von dem Gewohnheitskreuzberger gleichen Namens entfernt, der er in Herr Lehmann sein wird. Das heißt: Auch neun Jahre konsequenten Bierkonsums, was sich durchaus bemerkbar macht.