Musiktheater Vier Engel im T-Shirt

Berlins Komische Oper wird zur Trauerkirche: Sebastian Baumgarten inszeniert Mozarts »Requiem«

Ein Pappsarg kostet 250 Euro, in drei Minuten zusammenfaltbar, 200 Kilo hält er aus. Ein Mann legt sich hinein, probehalber, Deckel zu. »Ich könnt’s hier stundenlang aushalten«, tönt es dumpf aus dem Karton, »aber nicht ewig.« Oh Tod, wie komisch bist du… Am Lachen merkt man, wie hilflos wir dem Thema gegenüberstehen.

Von seiner Kultur des Sterbens, den Riten, dem Bewusstsein der Sterblichkeit hat das Abendland sich im Zuge der Arbeitsteilung getrennt. Ersetzt werden sie durch Websites wie www.preiswert-bestatten.de, und ein Requiem ist etwas, wofür man ins Konzert geht. Nun soll es in Berlins Komischer Oper wieder zum Ritual werden. Noch vorm ersten Ton von Mozarts Requiem werden wir als »liebe Trauergemeinde« begrüßt.

Die Rede des Herrn im Anzug entgleist dann umgehend, scheitert an ihren Floskeln, an Lücken im Manuskript, das er verzweifelt zerknüllt. Ein erheiternd gebrochener Start ins Thema.

Sebastian Baumgarten hat Mozarts letztes Werk inszeniert. Er ist keineswegs der Einzige und Erste, der sich als Regisseur mit Sakralmusik befasst – Andreas Homoki, Hausherr der Komischen Oper, realisierte selbst Verdis Requiem, Achim Freyers Schwetzinger h-Moll-Messe ist Legende, ähnlich Herbert Wernickes Actus tragicus in Basel. Doch all das blieb auf der Bühne. Baumgarten ist die Bühne zu klein. Er will ein Ritual, dem das Publikum sich nicht entziehen kann, ob es nun lacht oder erschrickt.

So springt nach der gescheiterten Rede der Tote aus dem Parkett auf die Bühne und erzählt, wie es wirklich war mit dem Krebs. Brechung war zu erwarten bei einem so diskursiv veranlagten Regisseur wie Baumgarten, Unmittelbarkeit weniger. Doch wenn jäh alle Menschen in den vorderen drei Reihen aufspringen, zum Saal gedreht, und »Requiem aeternam« rufen, wird Mozarts Musik tatsächlich aus der Rezeption ins Ritual gerissen und gewinnt Kraft, gerade gegenüber dem Trauerredner und mit dem Gestorbenen. Der Abend wird einen, so ahnt man, noch ganz schön erwischen können. Doch als habe der Regisseur das irgendwie auch befürchtet, beginnt er nun, sich hochvirtuos zu verzetteln. Wobei auf seinen Zetteln viel Wahres steht.

Szenische Texte von Armin Petras nämlich, die auf Gespräche mit unheilbar Kranken in Hospizen zurückgehen. Die ehemalige Sekretärin Anita wartet mit Stolz auf den Tod – die grandiose Irm Hermann spricht da mit emailliertem Lächeln als Ewiggestrige, die als »letztes Patenkind des Kaisers« auf dessen Wiederkunft hofft.

Flugs erscheint er mit Adlerhelm als verhuschter Superman vorm Fenster, tritt ein und tanzt mit ihr den Tango in den Tod. Um sich kurz darauf selbst als Todkranker zu entpuppen: »Ich hab Krebs und will Schadensersatz von Gott!«, schreit er. Das erinnert ans Aufbegehren eines Christoph Schlingensief, der mit seiner Kirche der Angst seine Fassungslosigkeit über das eigene Lungenkarzinom zum Oratorium macht.

Schlingensiefs brodelndem Narzissmus steht Baumgarten diametral entgegen. Die Bekenntnisse seiner Moribunden werden cool relativiert in Michael Graessners transparenten Räumen, zu theatralischem Material gemacht. Mal grotesk wie beim Abgang per Tango, mal hochkomisch wie beim Pappsargtest, mal als Brüllorgie.

Wenn Herbert Fritsch als kranker Arzt eine Gemeinde vollschreit, anschließend zu Tode gefoltert und sodann von vier Engeln in T-Shirt – den Gesangssolisten – abgeholt wird, dann ist das eine grelle Nummer, die dem Menschen seine wirkliche Verletzlichkeit nimmt und uns die Notwendigkeit, ihm nahezukommen. Blut, Schreie und Leichen auf dem Fließband – so etwas trifft einen nur auf der Ebene, wo man abschalten kann.

Und Mozart? Selten kommt seine Musik wieder so nahe wie am Anfang. Das Orchester der Komischen Oper spielt unter Markus Poschners Leitung schön, geschmackvoll, doch die Extreme und Ewigkeiten der Partitur werden schon deswegen nicht erforscht, weil die Regie nicht von der Musik ausgeht, sondern sie einsetzt, wie man jede Musik einsetzen könnte, als Soundtrack, liturgisch gegliedert.

Szenischen Sinn bekommen die Klänge bezeichnenderweise da, wo ihre »Anwendbarkeit« konsequent weitergetrieben wird, wo Motive isoliert und gesampelt werden wie die Seufzerachtel im Lacrymosa: Sie durchziehen als Endlosschleife die vielleicht eindringlichste Szene. Eine MS-Kranke erzählt an einer U-Bahn-Station, wie sie nach Berlin und zu ihrer Krankheit kam.

Kathrin Angerer muss hier mal nicht hysterisch schreien, sie hat Zeit. Und während ihr eine Horde zottig befellter Höhlenmenschen lauscht, aufgetaucht aus dem U-Bahn-Schacht, senkt sich von oben silbrig glänzend ein Robotergestänge herab, wendet sich ihr zu, verharrt, wie eine machina ex deo, und hat etwas seltsam Tröstliches.

So plakativ diese Situation zwischen Steinzeit- und Maschinenmetaphorik ist, so innig ist sie doch. Hier kommt Entfremdung zu sich selbst, die Todesangst verbindet sich mit unserer Ungewissheit darüber, in welcher Welt wir leben, in welcher Zeit, umschwebt von einem Mozart-Fragment, das sein Mutterschiff verloren hat. Hier fügen sich Ebenen zu einer fragilen Einheit, die bewegt.

Doch sonst darf und kann wenig zusammenwachsen, so viele Bilder, Ideen, Zitate werden collagiert, mit Sollbruchstellen versehen. Fellinis Hubschraubertransport einer Christusfigur ist im Spitalfenster zu sehen, auf einem Laufband tänzelt der Tod mit Plüschmütze, der Chor robbt in Leichensäcken, eine Haushaltsauflösung findet statt, wobei die Kartonaufschrift »Umzug ist Vertrauenssache« ironisch auf Jenseitshoffnungen verweist.

Mental unterfordert wird man nicht bei Baumgarten. Emotional aber bleibt ein Vakuum, das von Mozarts Musik eher umgeben als gefüllt wird. Vielleicht ist darin nicht einmal ein Versagen der Regie, sondern eine Aussage über unsere Zeit zu sehen.

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    • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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    • Schlagworte Musik | Requiem | Armin Petras | Theater | Berlin | Tango | Basel
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