Ornithologie Hier piept’s nicht richtig

Manche Singvögel stottern. Das ist schlecht für ihre Partnersuche, aber spannend für das Grundstudium stimmlicher Kommunikation

Auf den ersten Blick ist Erich ein attraktiver Kerl. Er hat einen korallenroten Schnabel, rostbraune Bäckchen, eine schwarze Brust und weiß getupfte braune Flanken – ganz so, wie es sich für einen feschen Zebrafinken gehört. Doch sobald er den Schnabel aufmacht, wird klar, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Bei jedem Lied verheddert er sich bei der letzten Silbe. Statt eines klaren Finales wiederholt er den abschließenden Laut immer wieder: qui, qui, qui. Es hat keinen Sinn. Und klingt irgendwie unbeholfen. Man ahnt Verstörendes: Erich stottert.

Zebrafinken mögen sich dasselbe fragen wie die Wissenschaftler, die Erich untersuchen:Warum kann er nicht so schön singen wie alle Vögel?

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Alle? Santosh A. Helekar, Professor für Neurowissenschaften am Baylor College of Medicine in Texas, schüttelt den Kopf. Erich ist mit seinem Problem keineswegs allein. »Etwa sieben Prozent der Zebrafinken stottern«, sagt Helekar. Gemeinsam mit anderen Leidensgenossen und gesunden Artgenossen hat er Erich ins Weill Cornell Medical College nach New York gebracht, wo die Vögel in einer Kiste vorsichtig festgeschnallt und in eine riesige Röhre geschoben wurden. »Im Kernspintomografen konnten wir erstmals beobachten, wie das Gehirn der Tiere auf das eigene Lied und auf jenes seiner Artgenossen reagiert«, sagt der Physiker Henning Voss.

Die Forscher möchten verstehen, wie Vögel singen lernen und was dabei schieflaufen kann. Das ist auch deshalb interessant, weil die Ergebnisse helfen könnten, auch die Sprachentwicklung beim Menschen besser zu begreifen. Singvögel zählen nämlich – neben Walen, Fledermäusen und dem Homo sapiens – zu den wenigen Wesen, die Sprache nicht spontan entwickeln, sondern durch Nachahmung lernen. »Zwar ist die Anatomie des Gehirns und die Vernetzung der einzelnen Areale bei Mensch und Vogel verschieden. Der Basisplan und die Strategie beim Spracherwerb sind jedoch dieselben«, sagt Fernando Nottebohm von der New Yorker Rockefeller University. »Ein Schimpanse schreit irgendwann einfach mit Standardlauten drauflos. Bei Singvögeln ist das anders.«

Nachdem Zebrafinken geschlüpft sind, betteln sie laut um Futter und Zuneigung. Nach etwa 20 Tagen beginnen sie zuzuhören, was der Papa oder die anderen Vogelväter zu singen haben. Etwa eine Sekunde lang dauert ihr Lied. Es besteht aus vier bis sieben Silben, die unterschiedlich kombiniert werden können und so individuelle Botschaften vermitteln. »Hallo, ich bin ein Zebrafink, ein schon etwas älterer, weil geübter Sänger – und dein Nachbar! So könnte eine der Botschaften lauten«, sagt Nottebohm.

Vögel, die isoliert aufwachsen und keine Möglichkeit haben, sich die Melodien ihrer männlichen Vorbilder einzuprägen und so ein »auditorisches Gedächtnis« zu bilden, tun sich schwer mit der Singerei. Sie beginnen zwar auch irgendwann zu zwitschern, allerdings ziemlich schräg. Das ist für die Partnersuche fatal. Denn wer weder rhythmisch noch strukturiert singt, findet später bei den Vogelweibchen kein Gehör. Schließlich haben diese dank der eifrig singenden Väter frühzeitig gelernt, auf welches Gezwitscher sie fliegen sollen.

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    • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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    • Schlagworte Ornithologie | Texas | Gehirn | Vogel
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