Petra Kelly,Friedensaktivistin und Gründerin der Grünen (1947–1992)

Petra Kelly hat im Zustand der Empörung gelebt. An unzähligen Orten hat sie protestiert, gegen Menschenrechtsverletzungen, das nukleare Wettrüsten, die Vernichtung der Umwelt. Sie hat die Sache der Indianer, der Ureinwohner Australiens, der Schwarzen in Südafrika zu ihrer eigenen gemacht. Sie hat ihr Mitleiden mit anderen in politische Energie verwandelt. Von Beginn an lag in der Intensität ihres moralisch aufgeladenen Engagements die schiere Überforderung für sie selbst wie für andere. Man könnte sie als die Mutter der Nervensägen bezeichnen. Sie war eine One-Woman-NGO in der Zeit, als es noch kein Internet gab. Etwas von der missionarischen Kraft ihres radikalen Idealismus hat sie in die Gründung der Grünen eingebracht. Zu ihrem Kampf für die fundamentale Veränderung passte die "Anti-Parteien-Partei". Realpolitischer Pragmatismus war ihr wesensfremd. Sie war unbeugsam und unerbittlich – und wirkt auch 26 Jahre nach ihrem Tod nach.
Matthias Geis

Barbara Schöneberger, Fernsehmoderatorin, 34

Sie ist keine stille Zuhörerin, keine Beine-übereinander-Kreuzerin, keine Wimpernklimperin. Barbara Schöneberger ist laut und schnell und kurvig und sperrt ihre Augen auf, als wollte sie ihr Gegenüber verschlingen. Davor scheinen manche – Männer vor allem – tatsächlich Angst zu haben. Sie begann als Assistentin der Gameshow Bube Dame Hörig. Ihre erste eigene Sendung hieß Blondes Gift, danach kam die Barbara Schöneberger Show; jetzt moderiert sie zusammen mit Hubertus Meyer-Burckhardt die NDR Talk Show. Sie hat bisher nicht viel ausgelassen in ihrer Karriere und doch nicht unbedingt auf die Quote geschielt. Ihre Auftritte sind ein einziges Anreden gegen die gepflegte Jörg-Pilawa-Langeweile des Fernsehens. Jetzt singt sie auch noch! heißt ihre CD, heißt ihr Bühnenprogramm. Muss das sein? Unbedingt. Eine Frau, die an sich glaubt und quasselt, bis die Männer endlich einfach mal zuhören – davon könnten wir mehr gebrauchen!
Tanja Stelzer

Andrea Ypsilanti, Hessische SPD-Landesvorsitzende, 51

Wann immer Andrea Ypsilanti auf dem Fernsehschirm auftaucht, ereilt uns das seit Längerem vertraute Mitleid-mit-der-SPD-Gefühl. Da ist sie wieder, die Frau, die nur Probleme bereitet, die Starrköpfige. Die unbedingt mit Hilfe der Linken Ministerpräsidentin von Hessen werden will, auch wenn es die eigene Partei zerreißt. Disharmonie ertragen wir am wenigsten, wenn Frauen sie uns aufzwingen; die Abwehr dagegen muss tief in uns verankert sein. Dabei hat Ypsilanti, 51, vieles, was uns gerade an einer Frau ihrer Profession beeindrucken müsste: Überzeugungen, sogar Visionen (etwa in der Energiepolitik). Hartnäckigkeit, Ehrgeiz. Lauter schröderhafte Eigenschaften, mit denen sie Gerhard Schröders Reformpolitik bekämpfte. Wäre sie ein Mann, würden wir sie vielleicht nicht lieben, aber für ihre Charakterstärke respektieren – wie früher auf dem Fußballplatz, wenn einer allzu früh den Champion gab und am Ende doch noch traf.
Jörg Burger

Jutta Ditfurth, Buchautorin und ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, 57

Ich bin Jutta Ditfurth 1992 als Schüler begegnet. Man kannte sie aus dem Fernsehen, von Diskussionen, in denen sie erbittert Widerstand leistete gegen die Autoritäten, die Friedensgegner und die Atomkraftbefürworter. Andere Ober-Grüne hatten sich mit der Macht arrangiert, Ditfurth ließ sich nicht kleinkriegen. Sie blieb bei ihren fundamentalen Überzeugungen – was die Mächtigen, auch aus der eigenen Partei, fundamental nervte. Und nun stand sie plötzlich mitten in München vor dem Dallmayr-Haus und protestierte gegen den Weltwirtschaftsgipfel und gegen die Armut der Dritten Welt. Zusammen mit anderen friedlichen Demonstranten wurde Ditfurth von Polizisten eingekesselt und festgenommen. Sie beschwerte sich laut, bis ihr die Polizisten die Hand so weit umdrehten, dass sie vor Schmerz schrie. Aber Jutta Ditfurth gab nicht auf, sie störte tapfer weiter. Am nächsten Tag las ich, dass sie am Handgelenk verletzt worden sei. Eine Nervenquetschung.
Tobias Timm

Katja Riemann, Schauspielerin, 44

Viele tolle Schauspielerinnen gibt es derzeit in Deutschland, aber Glamour? Katja Riemann hat ihn, selbst wenn sie für Unicef liest. Sie ist gefragt, sie hat die Preise abgeräumt. Es gibt aber praktisch kein Porträt von ihr, in dem nicht das Wort "Zicke" vorkommt. Dieses "giftige Skorpionweibchen" sei "wehleidig", schreiben Kollegen und maulen, weil Riemann im Interview schon mal aufsteht und geht. Dabei ist der Star nur ein Störfall im großen Spiel des Scheins: Mit ihrem öffentlichen Bild ist es ihr ernst. Mag sein, dass sie dabei manchmal zu misstrauisch ist oder an der Kitschschwelle kratzt. Doch die Medien – vor allem sie – nervt sie mit den fünf Es, deren Kombination für Frauen noch immer tödlich ist: Erotik, Empfindsamkeit, Engagement, Ernst – Erfolg. Letzterer, schreiben die Kollegen sogar selbst, bringe nun mal oft Häme mit sich. Würden sie das je bei Moritz Bleibtreu, geschweige denn bei George Clooney so sehen?
Christiane Grefe

Rita Süssmuth, CDU-Politikerin, 71

Für ihre politischen Taten will ich sie nicht rühmen. Sondern für ihren Einsatz für die Kunst. Erst weil Christo und Jeanne-Claude in der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth eine Person fanden, die ihnen in puncto Penetranz, Geduld und Überzeugungskraft ebenbürtig war, konnte 1995 der Reichstag verhüllt werden. Dass am 25. Februar 1994 tatsächlich 292 Parlamentarier für die Verhüllung stimmten, war einer der größten Siege in Rita Süssmuths Karriere. Sie hatte die kunstfernen, veränderungsscheuen Hinterbänkler davon überzeugt, das Gebäude mit Silberfolie verkleiden zu lassen – von einem Künstlerpaar mit wirrem Haar und Schimanski-Westen. Von der Verhüllung ging ein Zauber aus, der ein ganzes Land betörte, wie es die Kunst nur ganz selten zu leisten vermag. Die politische Zaubermeisterin des Jahrhundertwerks: Prof. Dr. phil. Rita Süssmuth.
Florian Illies

Ursula Engelen-Kefer, ehemalige DGB-Vorsitzende, 65

Es ist so furchtbar still geworden um die wunderbar schrille Ursula Engelen-Kefer! 16 Jahre lang war sie stellvertretende Vorsitzende des DGB. "Quengelen-Keifer" nannte sie Altkanzler Schröder einst. 2006 unterlag sie in einer Kampfabstimmung einer gewissen Ingrid Sehrbrock, für die niemand Spitznamen erfinden will. Engelen-Kefer wusste damals sicher, dass sie in Talkshows unfassbar nervte, wenn sie die Herren der Runde unterbrach, um die Reformpolitik der SPD zu geißeln. Sie tat es trotzdem. Seitdem ihre Stimme verschwunden ist, wissen wir, was wir vermissen: Sie kämpfte noch für (oder gegen) eine Sache. Wenn man heute den Fernseher anmacht, kämpft niemand mehr (außer – zum Schein – Vertreter sogenannter Protestparteien). Jeder "wirbt um Verständnis". Wir werben stattdessen für Ursula Engelen-Kefer. Und hoffen dafür auf keinerlei Verständnis.
Adam Soboczynski