Die T-Shirts der Musiker sind überkrustet von Dreck, ihre Augen vom vielen Alkohol und dem Marihuana ganz wässrig und blutunterlaufen. Und in der schwieligen Haut ihrer nackten Füße hat das Leben tiefe Risse hinterlassen. Auf Kuhhörnern blasen sie. Aus einem ausgehöhlten Stück Brennholz, rostigen Schrauben und Drähten haben sie sich eine fünfsaitige Gitarre gebaut. Einer steckt den Kopf in die Öffnung eines großen, runden Tongefäßes und formt mit seiner Stimme dumpfe Basstöne, dazu schüttelt er eine mit Steinchen gefüllte, verbeulte Coladose. Ein wundersames Musikerensemble ist das. Auf einem Fetzen Brachland ist es zu Hause, am Ortsrand von Kisoro, einem staubigen Provinzstädtchen im äußersten Südwesten Ugandas. An den ungeputzten Rotznasen der Kinder kann man erkennen, dass hier die Armut zu Hause ist, und aus dem Anblick der vor sich hin dösenden Erwachsenen spricht Perspektivlosigkeit.

Die Musiker sind Pygmäen, Batwa genannt, Ureinwohner des afrikanischen Kontinents. Bis vor drei Generationen lebten sie abseits der Zivilisation als Jäger und Sammler im unberührten Regenwald. Der wurde durch Abholzungen immer kleiner, und was von ihm übrig blieb, erklärte die ugandische Regierung zum Nationalpark – wegen der letzten Berggorillas, die im Länderdreieck zwischen Uganda, Ruanda und dem Kongo leben. Für die Batwa bedeutete das: Sie mussten den Wald verlassen. Fern sind seitdem der Honig, die Früchte, die Jagdbeute, von denen sie sich ernährten, die Kräuter, aus denen sie jahrhundertelang ihre Medizin gewannen, die Gräber der Ahnen, die sie gottgleich verehren. Die Batwa leben nach ihrer Vertreibung aus dem Regenwald in der Agonie eines landlosen, entwurzelten Volks. Ganz unten stehen sie in der Hierarchie der afrikanischen Stämme.

Aber sie haben noch ihre Musik. Rhythmen, die in fremdländischen Ohren so undurchdringlich klingen wie das Dickicht des Regenwalds. Gesänge, die die alten Traditionen heraufbeschwören. Ihre Lieder besitzen, wie in vielen afrikanischen Musikstilen, eine einfache äußere Form: Eine getrommelte Rhythmuslinie oder ein Chorus werden im immergleichen Grundmuster wiederholt. Dafür sind die inneren Strukturen umso komplizierter. Denn jeder Mitwirkende will den Kreisbewegungen etwas Eigenes hinzufügen, eine weitere Stimme, einen synkopierten Klatschrhythmus, Zischgeräusche, Pfeifsignale oder einen exaltierten »Jallalalala«-Ruf.

Immer verschlungener, dichter, farbiger wird das musikalische Geflecht. Und die Füße der Dorfbewohner fegen in Sprungtänzen durch den Staub, dass die Erde nur so bebt. Beidbeinig hüpfen die Batwa, wenn sie tanzen, und reißen die Knie hoch bis vor die Brust. Die in den Staub gestampfte Landung ist dabei wichtiger als der federnde Absprung. Der herb kraftvolle Bodenkontakt ist Ausdruck von Erdverbundenheit, er verleiht dem Körper Energie. »Brüder, nehmt eure Speere«, ruft Francis, einer der Alten, »macht euch bereit zum Jagen. Setzt eure Schritte mit Mut! Wenn wir losgehen, stehen wir zusammen, und keiner weicht vor einem wilden Tier zurück!« Die Rhythmen brodeln. Euphorisch klingen die Stimmen der Frauen. Der Musik wächst eine mitreißende, unwirkliche Kraft zu.

»Was ist das, was an Musik so schön ist?«, hat sich der deutsche Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht in einem Essay gefragt. Der Ursprungsmoment des Schönen ist für ihn der Ton, der nicht zufällig entsteht, nicht Geräusch, Natur- oder Tierlaut ist, sondern vom Menschen zweckfrei hervorgebracht wird. Die Schönheit dieses »musikalischen« Tons liege in der Freiheit, allein zum Hinhören und in seinem »Dasein ganz und gar für den extrem sensiblen Sinn des Ohres« bestimmt zu sein.

Ein Ton, wie ihn schon die Steinzeitmenschen auf Flöten aus Schwanenknochen produziert haben. In einer Höhle im schwäbischen Jura hat man eine solche 35.000 Jahre alte, dreilöchrige Schwanenflöte gefunden. Sie ist das älteste bekannte Musikinstrument. Wer das zierliche Röhrchen betrachtet, versteht sofort, welches Versprechen Musik von jeher für den Menschen birgt – das Eintauchen in einen Kosmos der Sinne, der jenseits des Hier und Jetzt liegt. Eggebrecht nennt es »das Für-sich-Sein der Musik gegenüber dem Realitätsernst der Wirklichkeit«, vergleichbar mit dem Wegsein der Kinder im Spiel.

Genau das empfindet man auch als Gast der Batwa in Uganda, wenn ein ganzes Dorf sich in die Musik hineinsteigert und die Mitwirkenden eins werden mit ihren Klängen, wenn die Tänzer immer größere Augen machen, ihre Arme wie Vogelschwingen ausbreiten, als seien sie bereit zum Abheben, und selbst die kleinsten Kinderfüße von den Rhythmen gepackt werden.