Deutsche Geschichte Massenmörder aus gutem Hause

Ein Meilenstein der Forschung: Peter Longerichs Biografie des Reichsführers-SS Heinrich Himmler

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus, dass es bislang keine umfassende deutsche Biografie zu einem der Hauptverbrecher des Regimes gab: Heinrich Himmler. Vielleicht lag es an bestimmten fixierten Bildern, die zur Annahme verführten, man wisse bereits alles. Himmler galt als der Typus eines pedantischen Oberlehrers mit skurrilen, bisweilen bizarren Ansichten, seinem Führer treu ergeben und willig, selbst die verbrecherischsten Befehle gehorsam auszuführen. Gegen dieses anscheinend fest gefügte Charakterbild stand allerdings stets die Tatsache, dass dieser Mann eine rasch wachsende, äußerst heterogene und wichtige Organisation wie die SS schuf und unangefochten leitete.

Peter Longerich, Professor für Neuere Geschichte in London und einer der produktivsten NS-Forscher der vergangenen Jahre, hat sich der längst überfälligen Aufgabe gewidmet, eine Himmler-Biografie zu schreiben – und sie glänzend gelöst. Es gelingt ihm, sowohl die Persönlichkeit Himmlers zu erhellen als auch dessen Wirken als Chef der SS zu erklären, die ohne Himmler ihre zentrale Rolle im NS-Regime nicht erlangt hätte.

Anzeige

Dabei sah es am Anfang nicht danach aus, dass aus diesem jungen Mann ein Reichsführer-SS werden würde. Himmler stammte aus einem gutbürgerlichen, katholischen bayerischen Elternhaus. Der Vater war Gymnasiallehrer. Heinrich erhielt eine klassische humanistische Ausbildung, beherrschte Latein und Griechisch. Aber der Humanismus war längst ausgehöhlt. Der junge Himmler sehnte sich ganz im Geist der Zeit danach, Soldat zu werden. Als Angehöriger des Jahrgangs 1900 wurde er zwar noch gegen Kriegsende eingezogen, aber die erhoffte »Frontbewährung« blieb ihm versagt.

Er absolvierte ein Notabitur, studierte Landwirtschaft, trug sich mit Plänen, in Osteuropa oder sogar in der Türkei Siedler zu werden, und engagierte sich in der Vielzahl von Einwohnerwehren und militärischen Kleingrüppchen, die sich in der Weimarer Republik im rechten Spektrum tummelten. Anhand seiner akribisch geführten und kommentierten Bücherliste lässt sich die weltanschauliche Entwicklung Himmlers in diesen Jahren sehr gut ablesen, die ihn immer mehr vom Katholizismus entfernte und den Phantasmen einer jüdischen oder freimaurerischen Weltverschwörung zuneigen ließ.

Minderwertigkeitsgefühle, Bindungsschwäche und das Unvermögen, Wünsche auszuleben, hätten früh, so Longerich, zu Affektvermeidung und einem Hang zu Selbstkontrolle geführt. In der Verherrlichung der Keuschheit auf der einen und der Verdammung der verführerischen Erotik auf der anderen Seite zeigte der junge Himmler ebenfalls jene Symptome verspannter Sexualität, die Klaus Theweleit treffend in seinem Buch über die Männerphantasien beschrieben hat.

1923 beteiligte sich Himmler am Hitler-Putsch, trat in die NSDAP ein und ergatterte bei dem bekannten Parteifunktionär Gregor Strasser eine Stelle als stellvertretender Propagandaleiter, was damals in erster Linie hieß, über das bayerische Land zu fahren, Vorträge zu halten und Ortsgruppen der Partei mit Werbematerial zu versorgen.

Leser-Kommentare
  1. Wieso gibt es keine umfassende deutsche Biografie über Heinrich Himmler ?

    Das Buch:

    " Die Brüder Himmler: Eine deutsche Familiengeschichte von Katrin Himmler",

    war das beste Buch über den Nationalsozialismus das ich bisher gelesen habe.

  2. Mit wertenden Formulierungen wie "neuheidnischen Mummenschanz, den er in der SS an die Stelle des Christentums setzen wollte" trägt man nicht zur Aufklärung über HH bei. Das stand schon informativer im gleichen Blatt:

    http://www.zeit.de/2000/4...

    Und wieso wird die Forschung Peter Longerichs mit folgender Desinformation von Wildt in Bezug gesetzt? "Mit Vehemenz trieb Himmler die Ermordung der europäischen Juden voran; der amerikanische Historiker Richard Breitman hat ihn deshalb schon vor einigen Jahren als »Architekten der Endlösung« bezeichnet."

    Schon mal was vom "Plan Heinrich" gehört, oder "Generalplan Ost"? In Wahrheit ging es HH um die Versklavung aller nichtarischen Rassen, die jüdische war nur eine von vielen. Aber die Ermordung von Slaven, Sinti und Roma steht nicht im Einklang mit der offiziellen Sigularitätsdoktrin.

    Wo der Qualitätsjournalismus in den Massenmedien vollzogen wird, springen Individuen wie Frank Helzel in die Bresche, auf dessen Website HH nicht zur psychopathischen Witzfigur verkommt und daher Geschichte logisch begreifbar wird:

    Lesenswert:
    http://www.himmlers-heinr...
    _______________________________________________________
    Peter Scholl-Latour: "Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen."

  3. Wo der Qualitätsjournalismus NICHT in den Massenmedien vollzogen wird, springen Individuen wie Frank Helzel in die Bresche, auf dessen Website HH nicht zur psychopathischen Witzfigur verkommt und daher Geschichte logisch begreifbar wird
    _______________________________________________________
    Peter Scholl-Latour: "Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen."

    • Anonym
    • 13.10.2008 um 3:03 Uhr

    Himmler war stets das ausführende Organ, seinem Führer hündischtreu ergeben, im herzen ein eiskalter Folterknecht, auch wenn er diese nie selbst ausgeführt hat, die Folter.
    Der wirkliche Architekt der Endlösung war der noch unmenschlichere und noch kältere Heydrich. Heydrich kam bekannterweise bei einem Attentat ums Leben, sonst wäre Himmler wahrscheinlich nie an die Spitze der SS und der Gestapo gekommen, denn Heydrich war machtbesessen und absolut rücksichtslos.
    Als ausführendes Organ Hitlers war Himmler mit jeder Faser seiner bösen Seele einer der schlimmsten Bastarde des Dritten Reiches.
    MfG
    Orpheus13437

  4. Überschwänglichle Lobeshymnen auf eine Biografie in allen Zeitungen, die sich einen seriösen Anstrich geben. Wikipedia wird darüberhinaus mit Einträgen geflutet.

    Was aber ist neu? ... Nichts.

    Alles was in den Rezensionen beschrieben ist, steht schon an anderer Stelle beschrieben. Die Allgemeinplätze der Rezensenten haben dem Buch nicht gut getan. Oder war es Absicht?!

    Himmler war der Erfinder und Organisator des industrialisierten Massenmordes. Die Vielschichtigkeit der SS als Organisation ist heute noch schwer zu fassen. Himmler, einerseits devoter Befehlsempfänger (gegenüber Hitler - war er das wirklich?), andererseits eifersüchtig wachsamer Machtmensch (gegenüber Göbbels, Göring, u.a. - war er das wirklich?), dann wieder despotischer Tyrann gegenüber Untergebenen - war er das wirklich?).

    Die Rezensionen erschöpfen sich im der Beschreibung bekannter Banalitäten vermischt mit der eigenen Interpretation der historischen Abläufe: "Die Reichswehr dankte der SS, indem sie Himmler ein paar bewaffnete Formationen zugestand und damit den Anfang der Waffen-SS förderte." Allein dieser unpräzise, klischeebehaftete Satz, wahllos herausgegriffen, läßt an dem Buch und an der Rezension zweifeln. Wofür hätte die Reichswehr danken sollen? Welche Offiziere sind gemeint? Kurt von Schleicher bestimmt nicht. Ist dem Autor der Unterschied zwischen Reichswehr und Wehrmacht bekannt?

    Eine gute Rezension über ein gutes Buch zu diesem spannenden, brisanten Thema für den Leser, der um Erklärungen ringt, liest sich anders. Dieses Buch ist bestenfalls eine gute Fleißarbeit, ein Beleg ausführlichen Quellenstudiums oder ungerecht behandelt.

    Auch die Seitenzahl ist kein Indiz für Qualität. Ernst Frankl hat die Leiden im Konzentrationslager eindrucksvoll und bedrückend ohne allen Kitsch in einem dünnen Taschenbuch beschrieben.

    Nur in der Stadt ist der Stadtplan hilfreich. Bei der Überlandreise taugt er wenig. Die Details verbergen mehr, als sie erhellen.

    Über Himmler würden 10 Seiten reichen, wenn sie nur den richtigen Ansatz zu einer Erklärung bieten könnten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service