Am Abend des 22. Januar 1901 starb die englische Queen Victoria in Osborne House auf der Isle of Wight. Unter den Mitgliedern ihrer Familie, die sich im Sterbezimmer versammelten, befand sich auch ihr ältester Enkel, der deutsche Kaiser Wilhelm II. Er kniete an der Bettkante und stützte die Sterbende bis zu ihrem letzten Atemzug. »Wilhelms rührendes und schlichtes Auftreten bis zum Ende werden ich und alle anderen niemals vergessen«, schrieb der neue König Edward VII. seiner Schwester »Vicky«, der Mutter des Kaisers.

Mit dieser Szene beginnt John Röhl den dritten Band seiner monumentalen Biografie Wilhelms II., und fast hat es den Anschein, als würde das düstere Bild, das er im zweiten Band über die ersten zwölf Regierungsjahre von 1888 bis 1900 gezeichnet hat, nun um einige Nuancen aufgehellt. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn die kaiserliche Anteilnahme war, wie der britische Historiker uns sogleich wissen lässt, geheuchelt. Wilhelm wollte über die demonstrative Bekundung seiner freundschaftlichen Gefühle für das englische Königshaus die Beziehungen zum Inselreich verbessern, um Zeit zu gewinnen für sein ehrgeizigstes Projekt: den Bau einer großen Schlachtflotte, mit der Großbritannien in die Schranken verwiesen werden sollte. Seit der Jahrhundertwende habe sein »Endziel« unverrückbar festgestanden: die Vormachtstellung des Deutschen Reiches auf dem europäischen Kontinent zu erringen und England den Status einer globalen Supermacht streitig zu machen.

Dreißig Jahre hat Röhl an seiner Biografie gearbeitet, exakt so lang, wie Wilhelm II. regierte. Der erste Band über die Kindheit und Jugend des Kaisers erschien 1993. Darin wurde berichtet, wie der junge Prinz aufgrund seiner körperlichen Behinderung (seit der Geburt war der linke Arm verkrüppelt) und einer fehlgeleiteten Erziehung zu dem wurde, was er zeitlebens bleiben sollte – eine gestörte Persönlichkeit, die ihre Unsicherheit durch Kraftmeierei zu überspielen suchte. 2001 folgte der zweite Band, in dem Röhl schilderte, wie der ungestüme Monarch nach seiner Thronbesteigung 1888 die Sphäre der kaiserlichen Entscheidungsgewalt Zug um Zug erweiterte, bis er die Machtstellung des Reichskanzlers untergraben und seine »Persönliche Monarchie« fest etabliert hatte. Der dritte Band beschreibt nun die selbstzerstörerischen Folgen dieses Regiments, die das Deutsche Reich in den Abgrund des Ersten Weltkriegs führten.

Mit 1300 Seiten Text (und 300 Seiten Anmerkungen) ist er noch einmal um einiges umfangreicher ausgefallen als die beiden ersten Bände. Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Autor seine Darstellung über das Ende der Hohenzollernherrschaft 1918 hinaus bis zum Tode des Kaisers im niederländischen Exil fortführt, zum anderen hat es aber auch damit zu tun, dass er seinem Hang, die Quellen selbst sprechen zu lassen, noch ausgiebiger gefrönt hat. Der Gewinn an Unmittelbarkeit, der damit verbunden ist, wird erkauft durch den Verzicht auf eine durchgearbeitete, auch literarischen Ansprüchen genügende Biografie.

Wer sich also an die Lektüre dieses Riesenwerkes macht, muss viel Zeit und Geduld mitbringen. Er wird allerdings entschädigt durch eine Fülle interessanter Entdeckungen – darunter der Briefwechsel des Kaisers mit seinem Freund Max Egon Fürst zu Fürstenberg, den Röhl im Familienarchiv in Donaueschingen aufgespürt hat, und das Tagebuch des Leibarztes Alfred Haehner aus der frühen Exilzeit Wilhelms, das im Stadtarchiv Köln aufbewahrt wird. Wieder einmal zeigt sich, was für ein glänzender Rechercheur Röhl ist, der auch dort noch fündig wird, wo andere längst zu suchen aufgehört haben.

Röhl geht es um den Nachweis, dass Wilhelm II. nach der Jahrhundertwende nicht nur nominell, sondern auch faktisch den Mittelpunkt des politischen Entscheidungsprozesses bildete und die Richtlinien der deutschen Politik bestimmte. Was der Autor alles in den Archiven ausgegraben hat und nun mit sichtlichem Finderstolz präsentiert, summiert sich zu einer Anklage von scheinbar erdrückender Beweiskraft. Erfüllt von rastloser Ungeduld, habe der Kaiser seine ganz persönliche Diplomatie, häufig hinter dem Rücken von Reichskanzler und Auswärtigem Amt, betrieben. Dabei habe er, impulsiv und sprunghaft, wie er war, mal das eine, mal das andere Bündnis angestrebt – mit England gegen Frankreich und Russland, mit Russland gegen Frankreich und England oder mit den USA und Japan gegen England, Russland und Frankreich. In grotesker Überschätzung des deutschen Handlungsspielraums habe er die Großmächte gegeneinander auszuspielen, ja sie gegeneinander in den Krieg zu hetzen versucht. Durch blutrünstige Reden, auftrumpfendes Säbelrasseln und diplomatische Taktlosigkeiten schlimmster Art habe er für einen permanenten Alarmzustand gesorgt und das Misstrauen der anderen Mächte in die Absichten der deutschen Politik geschürt. Dass das Deutsche Reich immer mehr in die Isolierung geriet und sich seit 1907 einer mächtigen Triple-Entente aus England, Frankreich und Russland gegenübersah, führt Röhl in erster Linie auf das unheilvolle Wirken Wilhelms II. und seiner Hofclique zurück.