Kunst

Ekelige Verführung

Als Eulenspiegel des Kunstbetriebs wurde Nedko Solakov berühmt. Sein wahres Thema aber ist die Angst. Eine Ausstellung

Über der schönen Treppe des Bonner Kunstmuseums hängt ein breiter gelber Fleck, wie eine giftige Wolke. Ist das abstrakte Malerei? Oder ein Symbol für den Neid in der zeitgenössischen Kunst? Gar ein religiöses Bekenntnis? Während man noch grübelt, entdeckt man den handgeschriebenen Satz »Ich habe dieses gelbe Ding bei den Assistenten bestellt, und jetzt weiß ich nicht mehr, wieso.« Alle Sinnfragen implodieren.

Ein paar Schritte weiter steht man vor sieben entzückenden cremefarbenen Törtchen. Sehr einladend sehen sie aus und scheinen auch ganz echt zu sein, laut Kommentar bestehen sie aus Mehl, Zucker, Schokolade und Glasur und – aus einem »abgeschnittenen Fußnagel des Künstlers«, versteckt in einem der Törtchen. Der Titel des Kunstwerks: Help yourself (Russian Roulette).

Als Arnold Gehlen in den sechziger Jahren die Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst beklagte, konnte er nicht ahnen, dass der Kommentar einmal selbst zum Kunstwerk werden würde. Der Kunsttheoretiker Bazon Brock geht heute sogar noch einen Schritt weiter. Kunst sei nicht bloß kommentarbedürftig, nein, erst die Kommentierung mache das Kunstwerk zum Kunstwerk.

Zumindest für den bulgarischen Künstler Nedko Solakov, für seine gelben Flecken und die Fußnägeltörtchen stimmt das zweifellos. Seine Videos, Zeichnungen oder Skulpturen wären nichts ohne die meist hingekrakelten Anmerkungen. Erst seine Kommentare haben Solakov in der internationalen Kunstszene berühmt gemacht.

Vor allem liebt man den 50-Jährigen dafür, dass er der Szene ihre eigenen Absurditäten vorführt. Gegen die hehre Konzeptkunst polemisiert er ebenso lustvoll wie gegen den Reinlichkeitskult mancher Gegenwartskünstler oder den grassierenden Kunstrummel der letzten Jahre. In Bonn ist zum Beispiel ein Video zu sehen, das den Kunsthändler Allan auf der Kunstmesse Brüssel im Gespräch mit dem Sammler Luigi zeigt. Luigi will nur Bilder, auf denen Beine zu sehen sind, der Preis ist ihm egal. »Zwei Arme, keine Beine?«, fragt Luigi beim Anblick eines Bilds von Degas – nein, das komme für ihn auf keinen Fall infrage. Dafür kauft er einen bebeinten Vermeer, zwei Picassos und mehrere Warhols. Als Luigi schließlich einen Solakov angeboten bekommt, winkt er müde ab.

Manchmal spielt er auch mit seinen eigenen Gefühlen russisches Roulette

Will Nedko Solakov, der vor allem durch Beiträge auf der Documenta 12 und der Biennale in Venedig im vergangenen Jahr bekannt wurde, sich bloß lustig machen? Solakov ist ein Eulenspiegel der zeitgenössischen Kunstszene, ohne Frage. Er will den Betrachter verführen, um ihm anschließend mit Fußnägeltörtchen den Magen zu verderben. Doch es gibt auch einen anderen Solakov, einen, der mit den eigenen Gefühlen russisches Roulette spielt.

Gleich zwei seiner nun in Bonn ausgestellten Werke heißen Fear, eine davon ist eine erstaunliche Zeichenserie von 99 Blättern, Tinte auf Papier. Immer wieder konfrontiert sich Solakov dort mit seinen eigenen Ängsten: »AIDS« steht auf einem der Blätter, der Kommentar dazu: »Obwohl ich gar nicht in der Gegend herumvögele, habe ich davor sehr viel Angst.« Das Blatt Nummer 12 zeigt einen alten Mann, der müde aussieht und sich mit den Händen den Kopf abstützt, darunter ist zu lesen: »Ein alter Universitätsprofessor aus Osteuropa hat keine Ängste mehr. Er hat nur Hunger.« Auf der 99. und letzten Zeichnung der Angst-Serie stehen nur zwei Wörter: »An End«.

Der Umgang mit der Angst, so zeigt sich, ist Solakovs künstlerisches Lebensthema. Und seine Kommentierwut wirkt plötzlich wie eine Bewältigungsstrategie. Seine Arbeit Top Secret wendet diese Angst ins Politische, sie stammt aus dem Jahr 1989 und war so etwas wie Solakovs künstlerische Initiation. Sie besteht aus einem Holzkästchen mit Karteikarten, die die frühere Zusammenarbeit des jungen Künstlers mit dem bulgarischen Geheimdienst beweisen sollen. Auf den Karten selbst ist nicht viel zu erkennen: »Paris« ist auf einem zu lesen, ansonsten kyrillische Schriftzeichen. Stöbern darf man in dem Kästchen nicht, die Karten sind so lange topsecret, bis die bulgarische Staatssicherheit ihre Archive öffnet.

Solakov hat 1990 seinen ersten künstlerischen Kommentar dazu veröffentlicht, in dem er erzählt, wie er zum Geheimdienst kam und wie er ihn wieder verließ. Und so ist Top Secret nicht nur die künstlerische Aufarbeitung bulgarischer Geschichte und changiert geschickt zwischen Fake und historischer Wahrheit. Die Arbeit überzeugt auch durch ihren subversiven Witz: Solakov antwortet auf die kommunistische Unterdrückung mit einer Art sozialistischer Selbstkritik – diesmal nur nicht mehr im Sinne des Systems. »Ein echter Künstler«, schreibt Solakov, »ist nur der Künstler, der seine Angst bewältigt hat.«

Heiter kämpft er gegen Geheimdienst und Kunstpriesterkaste

In seinen Arbeiten aus den letzten Jahren beanspruchen die Kommentare immer mehr Raum. Wenn Solakov die eigenen Kommentare kommentiert, wenn er den Kurator um ein Hinweisschild bittet, ein Objekt nicht zu berühren (obwohl er in seinem eigenen Kommentar genau darum gebeten hat), verliert sich leicht die Spannung zwischen abstrakten und narrativen Elementen, zwischen Objekt und Kommentar. Durch Solakovs enorm hohes Produktionstempo bleiben Ideen oft im (Ekel-)Kitsch oder im Kalauer stecken, etwa wenn er verklumptes Nasensekret in einem Behälter sammelt. Da hilft dann auch kein noch so witziger Kommentar mehr weiter.

Ob es der Kampf gegen den Geheimdienst war wie am Anfang seiner Karriere oder der Kreuzzug gegen die Kunstpriesterkaste – Solakov ist von seinen Ängsten abhängig. Zeiten, in denen alles erlaubt ist, in denen alle alten Ängste ausgesprochen sind, mindern offenbar das Risiko und befördern den Leerlauf. Doch sicher wird Solakov früher oder später gute neue Ängste finden, die sich mit ihm verbünden im Kampf gegen die allergrößte: die Angst vor The End .

»Emotions«, bis zum 16. November

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Leser-Kommentare

    • 07.10.2008 um 15:55 Uhr
    • S. Paschasius

    nicht der Künstler ist ein wahrer Künstler, "der seine Angst bewältigt hat", sondern der, der im Wissen, ihr nicht zu entkommen, ja von ihr gejagt zu werden, mit seiner Kunst trotzt und ihr, der Angst, einen Wert entgegenhält, welcher seine Läuterung erfährt im kreativen Verharren des scheinbar Sinnlosen, in dem die Angst als Domina alles Psychischen unendliche Nuancen der Kunst erzwingt. Erschaffenes entsteht im Schmerz des Sinnstiftenden als Widerpart zum Sinnlosen, so wie der Prophet am Geschwätz der Leute leidet, leidet der wahre Künstler am sinnlosen Gewühl.

  1. So - jetzt ist diese Ausstellung auch in Darmstadt (Mathildenhöhe) angekommen - genauer gesagt nur die Kisten, die nicht ausgepackt werden. Ich war gerade in dieser alternativ-avantgardistischen Ausstellung von Nedko Solakov die eigentlich gar keine ist, weil fast alle Kunst-Kisten ungeöffnet sind. Ich ging mit großem Interesse dort hin, allerdings war ich am Ende dann doch äußerst verwundert, dass ich 8 € für eine Ausstellung bezahlt habe, aber fast die ganzen Kunstwerke von ihm noch in den dort herumstehenden Kisten gelagert waren.
    Nun hatte der "Künstler" immerhin in den leer geräumten Vitrinen und Sockeln der alten Ausstellung (Masken) Wandbeschriftungen hinterlassen und wenige Bilder (auf Druck des Besitzers) aufhängen lassen, aber ansonsten kommt da schon die Frage auf, ob das noch zeitgemäße Kunst bzw. Ausstellungs-Form ist.
    Im Moment denke ich: "Eher NEIN!" - denn ich kann die Kunst so nicht wahrnehmen und ist es nicht gerade Sinn und Zweck einer Ausstellung, dass man die Kunst sehen kann?

    Ich bin dafür, dass die Kisten doch noch geöffnet werden - nach dem Motto: "Kunst komm' raus, du bist umzingelt!"

    Mit schönen Grüßen aus dem Odenwald
    Immo Lünzer

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  • Von Rainer Burkard
  • Datum 22.10.2008 - 16:48 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
  • Kommentare 2
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  • Schlagworte Kunst | Kunstwerk | Ausstellung | Kultur | Künstler
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