Spielen Lebensgeschichte

»Ich bin der Sohn eines berühmten Vaters und der Vater eines berühmten Sohns.« Das kokette Wortspiel ihres Vaters ließ keinen Platz für seine älteste Tochter. Ihre Begabung hatte er zwar erkannt, wollte sie aber im Familienkreis aufgehoben wissen.

Das kleine Mädchen mit den ausdrucksvollen Augen lieferte schon früh überzeugende Talentproben und demonstrierte auch später, dass es dem jüngeren Bruder nicht nachstand. Aber selbst in ihrem großbürgerlichen Elternhaus, das sich dem kulturellen Aufbruch jener Zeit geöffnet hatte, standen ihre Aussichten schlecht, jemals vor einer großen Öffentlichkeit so zu glänzen wie der Bruder. Der Fünfzehnjährigen gab der Vater in einer langen Epistel mit auf den Lebensweg, sie solle sich »gutmütig und vernünftig« dem Bruder nachordnen und als häusliche Zierde ausüben, was dieser ehrgeizig mit dem Wunsch nach öffentlicher Anerkennung betrieb.

Sie hing mit zärtlicher Zuneigung an diesem genialen Lockenkopf; er schätzte zwar ihre kritischen Einwände und Anregungen, veröffentlichte sogar einige ihrer Werke unter seinem Namen, unterstützte sie aber nur halbherzig. Selbst am Tag ihrer Hochzeit mit einem anerkannten Künstler schrieb sie ihm einen für eine Braut höchst ungewöhnlichen Brief: Es war ein Liebesbrief an einen Wahlverwandten in einer idealen, schöpferischen Welt, der sie sich zugehörig fühlte. Ihr Mann dagegen war der Geliebte in der realen Welt, in der sie sich gegen alle Widerstände behaupten wollte und doch geltenden Vorstellungen fügen musste. Erbittert schrieb sie einem Freund der Familie: »Dass man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag, auf Schritt und Tritt von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wut und somit um die Weiblichkeit bringen könnte, wenn nicht dadurch das Übel ärger würde.«

Erst spät, nachdem sie glücklich und ohne lähmende Einengungen in einem fremden Land gelebt hatte, setzte sie sich über die ihr auferlegte Zurückhaltung hinweg. Sie publizierte erste Werke, bestärkt von ihrem Mann, aber gegen den Rat ihres Bruders, sich nicht öffentlicher Kritik auszusetzen. Motiviert war dieser Rat vermutlich nicht allein von geschwisterlicher Sorge, sondern auch von Konkurrenzangst. Nach den Worten eines seiner engsten Freunde konnte der Bruder »berühmte Frauen nicht leiden«. Aber er erteilte ihr in einem ironischen Brief seinen »Handwerkssegen« und bereitete sie auf die Missgunst der Zunft vor.

Ihre Kraft und Aufmerksamkeit galt vor allem einer Veranstaltungsreihe, die ihr Vater als »Probebühne« für seine Kinder ins Leben gerufen hatte. Sie hatte sie zu einem anspruchsvollen Treffpunkt für illustre Gäste aus Kultur und Politik weiterentwickelt. Hier, im halb öffentlichen Rahmen, entfaltete sie die Fülle ihrer Talente. Bei der Vorbereitung einer dieser Veranstaltungen wurde ihr an ihrem Lieblingsinstrument unwohl, sie verlor das Bewusstsein und starb noch in der Nacht. Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 40:
Jean Cocteau (1889–1963) trug selbst beim Ausmalen des Trausaales von Menton korrekte Kleidung. Nach der Premiere seines Stücks »Parade« sprach man vor allem von Picassos Bühnenbild und der Musik von Eric Satie. André Breton, der Buchhalter der Surrealisten, war einer seiner grimmigsten Gegner

 
  • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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  • Schlagworte Jean Cocteau | Liebe | Hochzeit | Brief
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