Kulturpolitik
Wer will das alles hören?
Michael Kaufmann, der Intendant der Essener Philharmonie, ist fristlos entlassen. Dabei kann er nichts für die allgemeine Großmannssucht an deutschen Konzerthäusern
Wenn eine Stadt wie Essen, die 2010 das Riesenfeuerwerk des Kulturhauptstadtjahres abbrennen will, schon 15 Monate vor der Frist die erste Lunte zündet, muss es sich nicht um Vorfreude handeln. Es können auch die Nerven sein.
Die Theater und Philharmonie GmbH hat Michael Kaufmann, den Intendanten der 2004 eröffneten Philharmonie in Essen, fristlos entlassen; angeblich hat er in zwei Spielzeiten ein Defizit von 1,5 Millionen Euro aufgetürmt. Die Summe ist noch von keinem unabhängigen Wirtschaftsprüfer bestätigt, der Aufsichtsrat hat trotzdem rigoros gehandelt. Jetzt hängt Pulverdampf über der Stadt. Die Sponsoren sind schockiert, und Kurt Masur will in Essen vorerst nicht mehr dirigieren.
Tatsächlich trägt der entlassene Intendant noch die geringste Schuld an dem Dilemma. Er bediente nur jene Großmannssucht, der sich Essen ebenso gerne hingibt wie andere Städte auch. Überall sind in den letzten Jahren die gewaltigsten Musikhallen gebaut worden, ohne dass recht über die Konsequenzen nachgedacht wurde.
So rieb sich denn auch in Essen niemand die Augen, als der nun entlassene Intendant ankündigte, jährlich 300 Veranstaltungen in den 1900-Plätze-Saal packen zu wollen, 150 davon in eigener Regie. Niemand fragte, wie sich solch weltstädtisches Musikleben finanzieren sollte. Und ob die Kundschaft dafür überhaupt liquide genug sei.
Die Folge: Selbst herausragende Konzerte wurden schlecht besucht. Erst vorige Woche spielten die Wiener Symphoniker in der Philharmonie eine Sinfonie von Mahler, eigentlich eine todsichere Erfolgskombination. Der Saal aber blieb halb leer. Und wie auch anders: Kurz zuvor hatten die New Yorker Philharmoniker aufgespielt und Bürgers Portemonnaie geleert.
Zum unfreiwilligen Abschied bekam der Intendant nun vom Kulturdezernenten Oliver Scheytt den Ratschlag nachgereicht, »mit 100 eigenen Veranstaltungen gehe es auch«. Eine entlarvende Rechnung: Ein Kulturdezernent fordert, dass die Nutzung eines Saals zurückgefahren werden solle, obwohl jeder weiß, dass ein leerer Saal ebenfalls Geld kostet.
In Wirklichkeit ist Intendant Kaufmann ausgerechnet im Kochtopf jener Kannibalen gelandet, deren Chefkoch er selbst zu sein meinte. In Nordrhein-Westfalen wachsen die Säle wie Wiesenchampignons: Duisburg hat die Mercatorhalle neu eröffnet, Düsseldorfs umgebaute Tonhalle hat sich akustisch in der ersten Liga zurückgemeldet, Wuppertal lockt mit der hinreißenden Stadthalle, Bochum will demnächst einen neuen Saal anbieten, und Dortmunds Konzerthaus ist längst so erfolgreich, dass Intendant Benedikt Stampa den städtischen Zuschuss gar nicht komplett verbraucht.
Zudem gibt es die Ruhrtriennale, die den regionalen Bedarf nach Glamour sättigt, und das gigantische Klavierfestival Ruhr. Man fühlt sich an einen alten Schlager erinnert: Wer soll das bezahlen? Und wer will das alles hören?
Doch ist der Fall Essen nicht allein typisch fürs Ruhrgebiet. Er ist auch typisch für die Allüren vieler Gernegroßstädte, die landauf, landab Kultur zur Imagepflege am liebsten wie Sitzmöbel aus dem Luxuskatalog einkaufen lassen. Und sich dann wundern, wieso die Sessel so leer bleiben wie die Kassen.
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- Datum 30.9.2008 - 14:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
- Kommentare 2
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Die fristlose Kündigung von einem erfolgreichen Intendanten der Essener Philharmonie: "Michael Kaufmann" - ist wirklich kaum zu fassen. Er soll in seinem Budget 1,5 Mill. € Mehrausgaben getätigt haben, da kann man getrost tränende Augen bekommen. Ein Millionengrab entwickelt sich mit der neuen Elbphilharmonie in Hamburg, da sind die Summen in Essen Kleingeld dagegen.
Man schüttelt heutzutage wirklich den Kopf über die Entscheidungen in den Rathäusern, wenn es um Kultur geht, drehen sie den Geldhahn zu, aber sonstige Projekte des Alltags können ruhig mit fehlenden Finanzierungen weiterlaufen...!!
Armes Essen, Kulturhauptstadt Europas in 2010 wollen sie sich nennen und jetzt so etwas kleinbürgerliches und spießiges; was dort an den Tag gelegt wird gleicht einer Provinzposse und sollten das Projekt "Kulturhauptstadt Europas" dann ebenfalls zu Grabe tragen denn hier steht die Finanzierung ebenfalls auf tönenden Füßen..!!
Die Industrie-Mäzene sitzen doch in den Startlöchern und würden sicher die Deckungslücke schließen..? Sollte das ganze Theater nur ein vorgeschobener Grund sein...?
http://blogjsbachcantatapilgrimage2000.blogspot.com/
Münster hat sich nicht eingereiht in die "Gernegroßstädte"
Auch in Münster wurde 20 Jahre lang geplant und überlegt und die Idee gehegt, eine neue Musikhalle zu bauen. Erst ein reines Konzerthaus, dann doch mehr eine ganz normale Multifunktionshalle für alle mit guter Akustik. Das haben wir in Münster mit der Bürgerinitiative gegen die "Städtische Finanzierung einer Musikhalle auf dem Hindenburgplatz" verhindert. Ich war einer der Sprecher der BI. Wir waren nicht generell gegen eine Musikhalle, sondern nicht an diesem Platz, nicht mit diesem Konzept, nicht mit diesem unausgegorenem Finanzplan für Bau- und Betriebskosten für ein Allerweltsbau. Und: Monate zuvor Kürzungen bei der Musikschule, bei der Volkshochschule, im Museum, bei den Bädern und im Sozialbreich vollziehen und dann einen Neubau mit ungewissen Finanzplänen beschließen, paßt überhaupt nicht. Knapp 100.000 Münsteraner haben sich an der Wahl beteiligt (ca. 45 % und damit Rekord in einer Großstadt) und davon haben 70 % unserer Auffassung einem Ja gegeben. Das zeigt, dass BürgerInnen auch sehr klug mit Nein antworten können auf diese unausgereiften Projekte. Fast sämtliche Großprojekte, auch im Musikbereich, sind unzureichend geplant, oft Hals über Kopf beschlossen und man begann blindlinks an zu bauen. Die Verschiebung der Folgekostenproblematik und das Augen zu in solchen Dingen vereint fast sämlicher dieser Projekte. Deswegen ist es kein Wunder, das das in Essen passiert und es schon ein starkes Stück ist, die Schuld jemand allein zu geben. Und Dortmund zu lobpreisen, ist aber auch übertrieben. Die Anfangskalkulation wurde mehrmals überzogen, es mußte Geld nachgelegt werden und die Zuschusssumme auf einen weit höheren Niveau festgelegt werden. Keine Frage: Essen wie Dortmund haben künstlerische Erfolge und das dauert, bis er sich in der Einnahmeseite und damit auch in der Akzeptanz niederschlägt. Was ich kritisiere, das die Politkk und Verwaltung solche verheerenden Beschlüsse faßt und sich dann anschließend wundert, das das mit dem Geld nicht reicht.
Und der Höhepunkt ist jetzt Hamburg mit der Elbphilharmonie, deren Kosten von einst ca. 180 Mio. Euro, dann 230 Mio. Euro und jetzt bei ca. 340 Mio. liegen soll. Gigantisch. So, als wenn man die geplante Elbvertiefung wieder mit Geld auffüllen will. Also liebe Politik: Heute mit neuesten Computerprogrammen für die Gestaltung, Kostenkalkulationen und Ästhetik und vielen Erkenntnisssen aus anderen Pleiten müßten Planungen und die Entscheidungen besser hinzubekommen sein.
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