Theater Von grauen Gelehrten und romantischen Sexmonstern

Bestseller auf der Bühne: In Halle begeistert Charlotte Roches "Feuchtgebiete", in Braunschweig ist eine öde Version von Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" zu sehen

Glückliche Großtheater! Sie kriegen die Bude immer voll, selbst in Krisenzeiten. Dafür sorgen schon die Großintendanten, die in Berlin und Hamburg, Zürich und Wien jederzeit Regie- und Schauspielstars verpflichten können, um Zuschauer ins Haus zu locken. Anderswo muss man sich etwas einfallen lassen, um trotzdem Glanz in die bescheidene Hütte zu bringen. Also sagt der Intendant zum Dramaturgen: »Stein und Brandauer, Bondy und Voss, die können wir knicken.« Darauf der Dramaturg zum Intendanten: »Okay, dann machen wir eben den Stoff zum Star.« – »Wen?« – »Den Stoff! Den Stoff aus einem Roman, den jeder kennt und jeder mag und der schon millionenfach verkauft wurde. Kann eigentlich nicht schiefgehen«, sagt der Dramaturg noch, bevor er dem Intendanten die Bücherhitparade reicht.

Und so bleibt heute kein Roman, der Erfolg an der Kasse hat, lange undramatisiert. Die Bühnen schmarotzen bei den Büchern, sie saugen Stoffe ein, von denen sie sich eine Stärkung ihrer angeschlagenen Verfassung erhoffen: aktuelle Epik, die bei Publikum und Presse jene Aufmerksamkeit erregt, die Goethe, Schiller und Kleist schon lange verspielt haben. In Braunschweig zehrt das Theater neuerdings von Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt, in Halle von den Feuchtgebieten der Charlotte Roche.

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Und? Schmeckt die bestsellerische Kost? Ja und nein. Zu unserer Überraschung gelingt in Halle sehr selbstbewusst, was in Braunschweig aus lauter Demut misslingt: dem Roman eine unerwartete Lesart abzutrotzen.

In Braunschweig buchstabiert der Regisseur Dirk Engler die Vermessung der Welt getreulich nach. Eins zu eins setzt er in seiner Bühnenfassung um, was Kehlmann in seinem überschätzten Historienroman mit Bienenfleiß kompiliert und als Kulissenschieberei komponiert hat. Portioniert in Kurz- und Kürzestszenen, folgen wir Gauß und Humboldt durch ihr bizarres Wissenschaftlerleben, wobei sich der brave Engler auch Kehlmanns Methode der Auslassungen zu eigen macht. Diese Methode treibt die Doppelbiografie zwar atemlos nach vorn, aber niemals in die Tiefe, weshalb die Vermessung auch auf der Bühne flach wird wie ein Comic mit Sprechblasen. Parodistisch gezeichnete Figuren, also Goethe und andere Fürsten, erkennt man hier übrigens daran, dass sie historische Kostüme tragen. Das geht eigentlich gar nicht mehr – und wenn, dann nur noch als Abischerz zum Schulabschluss. Ein Bestseller wird diese biedere Nummernrevue höchstens in Braunschweig.

In Halle aber, da staunen wir über die Feuchtgebiete der Charlotte Roche! Aus dem gleißenden Skandalroman wird in der sensiblen Regie von Christina Friedrich ein dunkles Körperoratorium mit sechs jungen Spielern, vital und keusch zugleich: Friedrich macht die Tabubrüche der 18-jährigen Helen, die unerschrocken ihre Körperöffnungen erforscht, zwar zum Thema, aber sie setzt sie nicht grell in Szene. Vielmehr findet sie sinnfällige symbolische Übersetzungen, auch für den Lustschmerz der wegen einer Analverletzung im Krankenhaus liegenden Romanheldin. Elendig gekrümmt, kauert die zarte Ines Schiller auf dem Bühnenboden, während unter ihr (via Video) mit einem Riesenfinger im nassen Sand gebohrt und eine Mohrrübe über eine Raspel geschrammt wird – einfache, suggestive Bilder für ein Theater, das von Johann Kresnik die Radikalität, von Sasha Waltz aber die Poesie bezieht.

Leser-Kommentare
    • hanni5
    • 01.10.2008 um 16:54 Uhr

    "...verblüffend schlüssigen Umdeutung der Feuchtgebiete, durch die Helen eben nicht als Sexmonster, sondern als heillos verlorene Romantikerin irrt...." - schön das diese Seite des Romans im Theaterstück beleuchtet wird - aber das als Umdeutung zu bezeichnen geht wohl zu weit. Wer nicht nur auf die, durch die Medien herrausgehobenen "pornografische" Aspekte des Buches fixiert ist- wird auch beim Lesen den eigentlichen Sinn des Buches erkennen

    • hanni5
    • 01.10.2008 um 16:55 Uhr

    (entfernt wg. Doppelpostings. Die Redaktion/jk)

  1. "Der eigentliche Sinn" des Buches, liebe hanni5, ist erfolgreich am Markt platziert zu sein und somit eine Menge Geld reinzubringen. Und wie bewerkstelligt man das, wenn man seine kulturelle Prägung in 11 Jahren zwischen Niederkrüchten und Schwalmtal am Niederrhein und in Viva-Studios erhalten hat? Man bricht ein paar noch vorhandene Tabus, schmuddelt ein bißchen rum und mischt das Ganze mit ein wenig Biografie - und das reicht dann offensichtlich um viele Leser und Leserinnen, liebe hanni5, davon zu überzeugen, es handele sich wirklich um einen Roman.
    Und die, die es nicht wirklich überzeugt, nicht zuletzt im Feuilleton, haben Angst nicht mehr "hip" genug zu sein, wenn sie "den Scheiß" (liebe Redaktion, dieses Wort ist aufgrund des Romaninhalts hier eine Beschreibung) nicht wahrnehmen.
    Und in Halle muß man schließlich auch sehen wie man das Theater füllt: also nehmen wir mal den provokanten Bestsellertitel und machen da irgendwas halbwegs Aufführbares draus.
    Liebe hanni5, ich wünsche Ihnen, daß Sie noch einmal in Ihrem Leben einen Roman finden, der wirklich einer ist.

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    Klasse Kommentar!

    • hanni5
    • 13.10.2008 um 15:42 Uhr

    liebe karola- der "eigentliche zweck" (von sinn möchte ich nicht sprechen) ist also das geldverdienen? diese "binsenweisheit" gilt wohl schon ewig- sie können ja mal die handschriftlichen aufzeichnungen in schillers wohnhaus in weimar lesen- obwohl es damals sicher noch eine lebensnotwendigkeit war. ich stimme ja mit ihnen überein, das es "lesenswertere" bücher gibt- meine intention war auch eher die kritik an den medien, die nur die vordergründigen pornografischen aspekte hervorheben- obwohl es, wie im theaterstück gezeigt auch eine zweite Ebene im buch gibt.

    ...und das nächste mal können sie, liebe karola, vielleicht etwas weniger abfällig über personen schreiben, die sie nicht wirklich kennen- oder haben sie irgendwelche persönlichen beziehungen zur fr. roche?

    Klasse Kommentar!

    • hanni5
    • 13.10.2008 um 15:42 Uhr

    liebe karola- der "eigentliche zweck" (von sinn möchte ich nicht sprechen) ist also das geldverdienen? diese "binsenweisheit" gilt wohl schon ewig- sie können ja mal die handschriftlichen aufzeichnungen in schillers wohnhaus in weimar lesen- obwohl es damals sicher noch eine lebensnotwendigkeit war. ich stimme ja mit ihnen überein, das es "lesenswertere" bücher gibt- meine intention war auch eher die kritik an den medien, die nur die vordergründigen pornografischen aspekte hervorheben- obwohl es, wie im theaterstück gezeigt auch eine zweite Ebene im buch gibt.

    ...und das nächste mal können sie, liebe karola, vielleicht etwas weniger abfällig über personen schreiben, die sie nicht wirklich kennen- oder haben sie irgendwelche persönlichen beziehungen zur fr. roche?

    • Vadis
    • 02.10.2008 um 11:03 Uhr

    "Feuchtgebiete" nicht ge/lesen, obwohl das Buch sehr wahrscheinlich in einem verschlossenen Umschlag in meinem Regal liegt. Wie das? Nun eine Ex-Freundin meint, mir gelegentlich Aufmerksamkeiten zuteil werden lassen zu müssen, ein Taschenbuch ist ertastbar, und ein gewisses Maß an Geschmacklosigkeit traue ich ihr eben zu. Das nur am Rande.

    Ich habe allerdings Frau Roche's Internetvideo gesehen und eine einstündige Lesung der Autorin auf 1LIVE gehört. Die Herausstellung der "Ekelpartien" schien ihr von zentraler Bedeutung, ob nun als Köder oder thematisch, soll dahingestellt bleiben. Ich habe diesen Roman dann auch so genommen, wie er sich mir im Vorfeld zeigen sollte.

    Entsprechend gelangte ich zu der Auffassung, dass hier im Tabubruch-Manierismus eine Attacke auf eines der letzten uneroberten Gebiete der Privat-/Intimsphäre gefahren werden soll, dem EKEL. Nachdem die Bereiche Liebe, Sex, Tod hinlänglich abgekaspert worden sind, man sich ergo mit langläufiger Mainstream-Correctness zu diesen Themen gemein zu machen hatte, die sich ursprünglich einer "geschützten" Privatheit erfreuen durften, sollen nun erneut Worte und Bilder zum Zwecke der (Über)Reizung/Abnutzung in meine Empfindungswelt penetrieren. Es ist intendiert, meinen ganz persönlichen Ekel zu relativieren und in public-correctes Reaktionsmuster zu überführen. Frau Roche modifiziert so die nach ihrer Auskunft auf sie als Frau von der Hygiene-Industrie ausgerichteten Angriffe in eine Empfindungskonditionierung der LeserInnen um. Bedingt durch die immense voyeuristisch forcierte Verbreitung ihrer prosaischen Ekelfibel ist fürderhin vielfältig Allgemeinheit für einen weiteren Bereich privatester Individualität hergestellt.

    Selbstverständlich hat eine bühnenreife Adaption des Romans als dramaturgische Herausforderung seine Berechtigung, sie wäre aber auch Vorstufe und Ergänzung zum Film zum Buch zum inneren Film zum Ur-Eigenen.

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    Ich kann Ihren Kommentar gut nachvolziehen - bis zum abschließenden "selbstverständlich hat eine bühnenreife Adapt(at)ion des Romans als dramaturgische Herausforderung seine Berechtigung, ...".
    Das ist ein ziemlich pflaumenweiches Sätzchen im Sinne der "political correctness", die Sie oben analysieren. Klar, man kann weder dieses Buch - ich habe es gelesen (ich hab' eine Freundin, die das für ein feministisches Buch hält), weil ich nicht möglicherweise meinen Vorurteilen aufsitzen wollte - noch dessen Ankauf durch irgendeinen Dramaturgen oder ein Theater verbieten - aber kann nicht wenigstens das überrergionale Feuilleton die ein oder andere Entgleisung des Publikums übersehen?

    Ich kann Ihren Kommentar gut nachvolziehen - bis zum abschließenden "selbstverständlich hat eine bühnenreife Adapt(at)ion des Romans als dramaturgische Herausforderung seine Berechtigung, ...".
    Das ist ein ziemlich pflaumenweiches Sätzchen im Sinne der "political correctness", die Sie oben analysieren. Klar, man kann weder dieses Buch - ich habe es gelesen (ich hab' eine Freundin, die das für ein feministisches Buch hält), weil ich nicht möglicherweise meinen Vorurteilen aufsitzen wollte - noch dessen Ankauf durch irgendeinen Dramaturgen oder ein Theater verbieten - aber kann nicht wenigstens das überrergionale Feuilleton die ein oder andere Entgleisung des Publikums übersehen?

  2. Ich kann Ihren Kommentar gut nachvolziehen - bis zum abschließenden "selbstverständlich hat eine bühnenreife Adapt(at)ion des Romans als dramaturgische Herausforderung seine Berechtigung, ...".
    Das ist ein ziemlich pflaumenweiches Sätzchen im Sinne der "political correctness", die Sie oben analysieren. Klar, man kann weder dieses Buch - ich habe es gelesen (ich hab' eine Freundin, die das für ein feministisches Buch hält), weil ich nicht möglicherweise meinen Vorurteilen aufsitzen wollte - noch dessen Ankauf durch irgendeinen Dramaturgen oder ein Theater verbieten - aber kann nicht wenigstens das überrergionale Feuilleton die ein oder andere Entgleisung des Publikums übersehen?

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    • Vadis
    • 02.10.2008 um 13:57 Uhr

    Meine Schlussbemerkung ist relativ zurückhaltend, aber ich habe die Aufführung ja nicht gesehen. Mich wundert es aber immer wieder, was Manche so alles an vorgekauter Pseudo-Ich-Erfahrung antesten, um sich hernach kein bißchen besser verstanden zu haben.

    • Vadis
    • 02.10.2008 um 13:57 Uhr

    Meine Schlussbemerkung ist relativ zurückhaltend, aber ich habe die Aufführung ja nicht gesehen. Mich wundert es aber immer wieder, was Manche so alles an vorgekauter Pseudo-Ich-Erfahrung antesten, um sich hernach kein bißchen besser verstanden zu haben.

    • Vadis
    • 02.10.2008 um 13:57 Uhr

    Meine Schlussbemerkung ist relativ zurückhaltend, aber ich habe die Aufführung ja nicht gesehen. Mich wundert es aber immer wieder, was Manche so alles an vorgekauter Pseudo-Ich-Erfahrung antesten, um sich hernach kein bißchen besser verstanden zu haben.

  3. 7. Super!

    Klasse Kommentar!

  4. Der Konsument will gründlich abkassiert sein, ob als Buchkäufer,Theaterbesucher oder Filmegucker. Frau Roche macht das schon. Jetzt tritt sie auch als sog. "Praktikantin" im TV auf. Gähn!
    Ja, Kultur-Nihilismus ist nun mal etwas albern...
    Und in dem Ganzen noch einen Sinn suchen zu wollen...
    Aber lassen wir das!

    rheinelbe

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