Ich habe einen Traum "Es müsste eine Geschmackspolizei geben"

Fotografieren, Essen, sich einrichten: Vieles geschehe heute gedankenlos, beklagt der Autodesigner Peter Schreyer. Er plädiert dafür, seine Sinne mehr zu schärfen

Ich möchte, dass Kinder wieder richtig sehen lernen, dass sie stärker ihre Sinne nutzen – wie sie es von Natur aus tun, wenn sie beginnen zu singen, zu malen und zu tanzen. Aber in der Schule geht ihnen diese Freude verloren. Sie werden zu wenig an ihre kreativen Fähigkeiten herangeführt. Das bewirkt später eine grundsätzliche Missachtung der Dinge. Ein gutes Beispiel sehe ich darin, wie heute fotografiert wird – so oberflächlich und gedankenlos. Wenn auf der Straße etwas passiert, rennen die Leute raus, schauen noch nicht einmal hin, zücken ihr Handy und fotografieren drauflos. Zu Hause wissen sie gar nicht, was sie mit den Fotos machen sollen – wenn sie sie überhaupt anschauen. Das hat weder Wert noch Beständigkeit.

Bei uns grassiert ein Kulturverfall. Das beobachte ich auch jeden Tag, wenn ich sehe, wie Menschen essen. Für viele besitzt essen denselben Stellenwert wie der Gang zur Toilette. Sie müssen es halt tun. Und dann hauen sie sich Tiefkühlkost oder Fast Food rein. Da mache ich mir lieber ein Schnittlauchbrot. Das geht schnell, ist vollwertig und schmeckt besser. Auch in der Ästhetik sehe ich einen Kulturverfall – in der Art und Weise, wie Menschen wohnen oder ihre Häuser bauen. Sie tun das nach Moden: Es gibt die Landhausvilla, die toskanische Villa und die postmoderne Mode. Die Kunst, Häuser zu bauen, ist verloren gegangen.

Manchmal müsste es eine Geschmackspolizei geben. Die sollte Leuten verbieten, ihre Häuser leberkäsfarben anzumalen und auf dem perfekt gemähten Rasen eine einsame Rutsche zu platzieren. Das strahlt so eine Eiseskälte im freien Raum aus, so gar kein Gefühl für Heimat. Man ahnt, es gibt ein Kind, aber man sieht, die Eltern haben nicht über seine Bedürfnisse nachgedacht.

Ich male gerne und experimentiere dabei mit abstrakten und figurativen Ideen. Künstler wie Cy Twombly bewundere ich. Wenn ich mir ein Kunstwerk für mein Haus wünschen dürfte, dann wäre es Twomblys Lepanto - eine Serie von Bildern über die berühmte Seeschlacht. Allein die Art, wie das Feuer, die Schiffe und der Kampf dargestellt sind! Das Feuer symbolisiert er in richtigen Batzen, helle orangefarbene Flecken, an denen die Farbe herunterläuft. Man muss sich mit einem Gemälde auseinandersetzen, um es zu verstehen.

Das ähnelt der Beschäftigung mit Jazz. Ich höre seit geraumer Zeit Jazz, und ich glaube, man muss in sich hineinhören, um ihn genießen zu können. Genauso wie man sich in ein Bild von Twombly hineinsehen muss. Einen Zugang findet nur, wer gelernt hat, sich mit seinen Sinnen auf eine Sache zu konzentrieren. Und das sollten Kinder schon in der Schule mit auf den Weg bekommen.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Peter Schreyer, 55, ist einer der einflussreichsten Autodesigner Deutschlands. Von 1980 bis 2006 arbeitete er für Audi und Volkswagen, unter seiner Ägide entstand unter anderem der Audi TT. Seit zwei Jahren leitet er die Designabteilung des koreanischen Autoherstellers Kia.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 07.10.2008 um 12:53 Uhr

    Der Mann hat das Problem Nr.1 unserer Zeit erkannt. Die Äußerung über die Geschmackspolizei ist da allerdings ein wenig verunglückt. Aufgabe der Polizei ist es ja, abtrünnige Bürger wieder auf die Normen aufzugleisen.

    Das angesprochene Problem des Geschmacksverfalls beruht dagegen genau auf einer unmäßigen Normiertheit in Geschmachsfragen. Wenige trauen sich, die geschmacklichen Normen in Frage zu stellen. Man hat Angst davor, kreativ zu sein, weil man sich selbst dann als entartet empfinden würde.

    Das schlimme ist, dass es sich wie so oft bei geistigen Fähigkeiten um einen Teufelskreis handelt. Je mehr man sich geschmacklich auf andere verlässt, desto mehr verkümmert die eigene Wahrnehmung, und je weiter das wiederum führt, desto ängstlicher wird man sich an echte oder vermeintliche Regeln klammern.

    Und eines darf ferner nicht vergessen werden: in einer industriellen Gesellschaft ist Eintönigkeit erwünscht, da sie Fertigungs- und Wartungskosten spart. Ein Autodesigner, der Individualität und Kreativität propagiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Der eine oder andere Bürger würde wohl gerne in einer Designstudie durch die Gegend fahren, nur kann er es bezahlen ?

    • Anonym
    • 08.10.2008 um 0:37 Uhr

    auszuwählen? Schreyer hat schon kapiert.

    • q
    • 08.10.2008 um 9:07 Uhr

    gäbe es eine Geschmackspolizei, was wäre dann mit all den Designikonen von VW und Audi geschehen ?

    Sind deren Produkte nicht, vor allem der erstgenannten Unternehmung, nicht die mobil gewordene Entsprechung des Leberkäse/Schaukelhauses ?

    Ist das Audidesign etwa nicht die unausgesprochene Aufforderung zum protzenden Rowdytum und damit der blechgewordene feuchte Traum des Linksspurdränglers ?

    Verkauft der Mann Wasser und säuft Wein ? Kann er selbst nur beurteilen, nicht aber gestalten ? Begreift er vielleicht gar nicht was er da sagt ?

    Man weiß das alles nicht genau - und deswegen gibt es dankenswerterweise dann doch keine Geschmackspolizei.

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    ..."Ist das Audidesign etwa nicht die unausgesprochene Aufforderung zum protzenden Rowdytum und damit der blechgewordene feuchte Traum des Linksspurdränglers ?"

    Kreativ formuliert...in der Sache absolut zutreffend.

    Danke.

    ..."Ist das Audidesign etwa nicht die unausgesprochene Aufforderung zum protzenden Rowdytum und damit der blechgewordene feuchte Traum des Linksspurdränglers ?"

    Kreativ formuliert...in der Sache absolut zutreffend.

    Danke.

  1. für den miniabsatz müsst ihr ne 2. seite aufmachen?

    mann, eure klickzahlen müssens aber richtig bitter nötig haben.

    mfg

  2. ..."Ist das Audidesign etwa nicht die unausgesprochene Aufforderung zum protzenden Rowdytum und damit der blechgewordene feuchte Traum des Linksspurdränglers ?"

    Kreativ formuliert...in der Sache absolut zutreffend.

    Danke.

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  • Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
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