Absteigen lernen – geht das? Kann eine Weltmacht, die die Welt nicht mehr zu beherrschen vermag, eine neue Rolle finden, ohne Depression oder Angstbeißerei, gibt es ein Leben nach dem imperialen Augenblick? Das ist die Frage, vor der die Vereinigten Staaten stehen und die vom 20. Januar 2009 an die Amtszeit des nächsten amerikanischen Präsidenten bestimmen wird. Das Management des Schwächerwerdens, die Revision des politischen Selbstverständnisses, wenn nicht der nationalen Identität, ist eine mindestens so große Herausforderung wie die greifbareren Gefahren von den Folgen der Finanzkrise über die Konkurrenz durch Russland und China bis zum Terrorismus. Wer Barack Obama und John McCain Ende der vergangenen Woche während ihrer ersten Kandidatendebatte hörte, musste daran zweifeln, dass sie sich (und ihrem Land) die ganze Dimension des amerikanischen Absturzes schon klargemacht haben – oder dass sie schon den Mut finden, die Wahrheit auszusprechen.

Es wirkt wie eine höhnische Strafe der Götter, dass George W. Bush, der einstige Inbegriff amerikanischer Hybris, ganz zum Ende seiner Präsidentschaft auch noch über die ökonomische Demütigung seiner Nation den Vorsitz führen muss – nach der politischen und der moralischen Krise, die schon offen ausgebrochen waren. Amerika zahlt mittlerweile den Preis der Macht und der Ohnmacht zugleich. Das globale Image der Vereinigten Staaten hat sich nicht mehr erholt seit den Tagen ihres Herrschaftsrauschs, als die Bush-Regierung mit dem Irakkrieg und mit den Exzessen von Abu Ghraib sich und ihr Land in der Welt verhasst machte. Zugleich jedoch ist die überlegene Machtstellung, gegen die sich das antiamerikanische Ressentiment immer noch richtet, längst dabei zu zerbröckeln.

Noch 2005 fühlte sich Präsident Bush auf dem Gipfel der Macht

Die wirtschaftliche und politische Dynamik hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Asien verlagert – ein säkularer Prozess, der aber in den letzten drei, vier Jahren erst mit der richtigen Dramatik ins Weltbewusstsein getreten ist. Ein wiedererstarktes Russland darf den US-Klienten Georgien ungestraft militärisch in die Knie zwingen. Der Sturz Saddam Husseins hat nicht die demokratische Transformation der islamischen Welt gebracht, sondern das Ende des amerikanischen Zeitalters im Mittleren Osten – von der iranischen Atomgefahr über die Ölförderquoten von Saudi-Arabien bis zu den Machtspielen der pakistanischen Innenpolitik ist Washington die Kontrolle entglitten.

Das alles vollzieht sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Noch im Januar 2005, zu Beginn seiner zweiten Amtszeit, hatte George W. Bush das vielleicht ambitionierteste historische Programm verkündet, das je ein moderner demokratischer Staatsmann für sein Land proklamiert hat: die Ausbreitung eines »Feuers der Freiheit«, das wie ein Flächenbrand schließlich die entferntesten Winkel der Erde ergreifen werde. Es ist schwer vorstellbar, dass Bushs Nachfolger, ob Demokrat oder Republikaner, noch einmal so wird auftreten und reden können.

Den US-Bürgern selbst ist nicht entgangen, dass sich etwas Unheimliches abspielt; das Land reagiert mit einer Verunsicherung, die tiefer reicht als die politische Unzufriedenheit mit einem extrem unbeliebten Präsidenten. Schon vor der Kreditkrise war das Mutterland des Kapitalismus von einem erstaunlichen Kapitalismuszweifel angefressen, von der Angst vor Billigimporten aus Asien oder vor den Folgen des Freihandels mit Mexiko. Der Zusammenbruch von Wall Street ist auch deshalb ein so gewaltiges Ereignis, weil er zugleich ein Volk trifft, dem seine vertrauten Begriffe von Leistung, Gerechtigkeit und dem Lohn des Tüchtigen fragwürdig geworden sind.

Die Ölabhängigkeit der Autofahrernation USA wird nicht mehr nur von ökologischen Sonderlingen als beschämende und schädliche Sucht wahrgenommen – sie gilt inzwischen als nationales Sicherheitsrisiko ersten Ranges, weil sie den Westen der Gnade von Petro-Regimen zwischen Caracas, Riad und Moskau ausliefert. Das Scheitern von Bushs Kriegskurs hat neben dem Vertrauen der Bürger in die amerikanische Macht auch das in die amerikanische Mission erschüttert, das sichere Gefühl, der Welt etwas unvergleichlich Gutes zu bieten zu haben. Im Grunde klingt es noch viel zu harmlos, wenn Barack Obama die Parole change, » Wandel«, als Losung seiner politischen Erneuerungskampagne ausgegeben hat. Was die Vereinigten Staaten jetzt suchen und brauchen, ist Heilung.