Finanzkrise Spiel ohne Regeln

Die Finanzkrise schürt bei vielen Regierungen Wut auf Washington. Der Einfluss der USA auf die Weltwirtschaft geht zurück. Ist ein Comeback möglich?

New York, 25. September 2008

New York, 25. September 2008

Fatima Khan (Name geändert) ist eine Inderin muslimischen Glaubens. Ihr Vater ist ein wohlhabender Diplomat. Mit 18 Jahren kam sie in die USA, um zu studieren. Danach arbeitete sie als Journalistin. Ein paar Monate nach den Anschlägen auf das World Trade Center reiste sie mit der Bahn an der Ostküste entlang, als der Zug an einem Bahnhof unplanmäßig hielt. Zwei Bundespolizisten zerrten die junge, dunkelhäutige Ausländerin, deren Name auf eine lange Liste von Terrorverdächtigen geraten war, aus dem Zug, verhörten sie rüde und setzten sie für einen Teil der Nacht am Bahnhof fest. Dann durfte sie gehen, ohne dass man sich entschuldigte. Ein paar Monate später verließ Fatima Khan ihre Wahlheimat, in der sie nicht mehr leben und arbeiten möchte.

Die USA verlieren Kapital. Im Kleinen, wenn Spitzenkräfte das Land verlassen. Und im Großen, wenn die Welt Amerika nicht mehr folgt. »Eine Supermacht ist ein Land, das dominanten Einfluss überall auf der Welt ausüben kann«, sagt die amerikanische Expertin für nationale Sicherheit, Alice Lyman Miller, und meint natürlich ihr Heimatland, das den Globus für Jahrzehnte nicht bloß mit Flugzeugträgern und CIA-Agenten, mit Diplomaten und der Attraktivität seines Freiheitsideals beherrschte, sondern auch mit seinem Finanzsystem. In dieser Krise stellen die Chinesen nun sogar die Frage, ob die Supermacht zu Hause noch herrscht.

Und das kam so: China hat Währungsreserven von umgerechnet rund 1,2 Billionen Euro, zumeist in Dollar. Macht über Amerika sei damit nicht verbunden, sagten US-Politiker lange. Denn wenn China seine Dollars verkaufen würde, leide es selbst am meisten, weil dann der Kurs abstürzen und China seinen wichtigsten Handelspartner verlieren würde. In den vergangenen Wochen hat Peking bewiesen, dass das nicht stimmt. Die Machthaber dort fanden, dass Washington für die Milliardenkredite, die die Chinesen den zwei größten und vom Bankrott bedrohten US-Hypothekenbanken gewährt hatten, geradestehen sollten. Als die USA trotz der Drohungen nichts unternahmen, reduzierte Peking Woche um Woche seine Dollar-Kredite – bis die Regierung des mächtigsten Landes der Erde die beiden Banken in einer 200 Milliarden Dollar teuren Aktion retten musste.

Die Finanzkrise verwandelt das Unbehagen vieler Regierungen gegenüber Amerika in Wut und Hohn. Ein Staatschef nach dem anderen distanzierte sich in der vergangenen Woche bei den Vereinten Nationen von den USA. Aufgebaut hat sich die Opposition allerdings schon zu einer Zeit, als die US-Wirtschaft scheinbar endlos wuchs und ihre Produktivität der europäischen davonlief.

Schon lange haben sich die Staatschefs des Südens beispielsweise darüber geärgert, dass ihnen der Internationale Währungsfonds die Finanzpolitik diktiert. Im Fonds haben die USA einen riesigen Stimmrechtsanteil, und dort geschieht so gut wie nichts gegen ihre Interessen. Vor wenigen Jahren sah der venezolanische Präsident Hugo Chávez bereits die Gelegenheit gekommen, wenigstens die Nachbarländer auf seine Seite zu ziehen. Mit vielen Ölmilliarden im Rücken übernahm sein Land die Rolle des Fonds, versorgte die Region mit Krediten und brachte die Idee einer eigenen Bank des Südens voran. Heute haben die USA einen großen Teil ihres wirtschaftspolitischen Einflusses in Lateinamerika eingebüßt, in Südasien ergeht es ihnen nicht anders.

Lange schon beansprucht die Supermacht mehr Gewicht in der globalen Ökonomie, als es ihrer Wirtschaftsleistung von immerhin 14 Billionen Dollar oder rund einem Viertel des Weltsozialprodukts entspricht. Ihre Standards im Finanzwesen und im Handel sollen überall gelten, und wenn jemand sie mal außer Kraft setzt, dann vorzugsweise sie selbst. Die stärkste Säule für die überproportionale Macht ist die Weltwährung Dollar, die es den USA erlaubt, in der eigenen Währung beim Rest der Welt zu bezahlen und sich bei ihr zu verschulden. Das Währungsrisiko liegt also bei den anderen.

Doch der Dollar ist nicht mehr die einzige Superwährung auf dem Planeten. Mit dem Euro haben die Europäer einen erfolgreichen Wettbewerber geschaffen, der das US-Währungsmonopol langsam bricht. Der Euro ist eine Alternative für Chinesen, Japaner und andere Großgläubiger Amerikas und macht ihre Drohungen, Geld abzuziehen, glaubhafter, als sie früher gewesen wären.

Die USA haben ein verwegenes Spiel gespielt. Während der Euro aufkam, hat sich Amerika stärker denn je in die Hände des Auslands begeben. Der Deal war für jedermann sichtbar: Die USA, dynamisch und konsumfreudig bis zum Anschlag, nehmen der Welt ihre Waren ab, und die finanziert die Party. Im eigenen Interesse wohlgemerkt, denn das Rekordwachstum der Weltwirtschaft in den vergangenen fünf Jahren wäre anders nie zustande gekommen. Allein bei früheren Phasen dieser Art bezahlte vor allem das Ausland für den Kater nach der Party, heute scheint die Lastenverteilung anders zu sein. Amerika steht nicht bloß vor einer gehörigen Rezession, die einen Teil jener sieben Billionen Dollar zusätzlichen Reichtums auffressen könnte, den die US-Bürger allein im vergangenen Boom angesammelt haben. Nein, das stärkste Land muss auch damit leben, dass die Krise den Verlust polit-ökonomischer Macht verstärkt. Es könnte sein, dass Amerika bald sogar weniger Einfluss nehmen kann, als es seinem Gewicht entspricht.

Die künftige Wirtschaftswelt wird eine weniger amerikanische sein

Nirgends lässt sich diese Erosion der Macht besser beobachten als im Finanzwesen. Der US-Exportschlager schlechthin war das Investmentbanking. Wall-Street-Banker bestimmten mit ihren Ideen und Erfolgen das Geschehen nicht bloß in New York, sondern auch in London und Frankfurt. Auf Basis dieser Macht diktierten Amerikaner der Welt ihre Bilanzierungsregeln, lockten viele europäische Konzerne an ihre Börse und damit unter ihre Aufsicht – und definierten allgemein den way to do business. Dieser unschätzbare Vorteil ist Vergangenheit. Das meint auch der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück, wenn er sagt, die künftige Wirtschaftswelt werde eine ganz andere sein. Eine weniger amerikanische eben.

Müssen wir also den Historiker Paul Kennedy wieder auspacken, der vor 20 Jahren schrieb, die schwache amerikanische Wirtschaft könne den Großmachtanspruch nicht mehr finanzieren? Oder den Ökonomen Lester Thurow, der die Wirtschaftsmodelle der Europäer und Asiaten damals zu den Siegern der globalen Systemkonkurrenz erklärte? Überschuldet, wachstumsschwach und innovationsarm – schon vor einer Generation schien Amerika abgewirtschaftet zu haben. Wie heute konzentrierten sich die Untergangsfantasien auf die Schwächen des Landes: Die industrielle Basis war gering, die Infrastruktur eine Katastrophe, die Bürger sparten im Schnitt kaum Geld an, die soziale Ungleichheit war groß.

Bloß – keine zehn Jahre später war Amerika wieder obenauf und führte die Welt mit Microsoft, Apple und Co. ins digitale Zeitalter. Unter Bill Clinton erzielte der Staat Rekordüberschüsse, sogar die Ungleichheit nahm ab. Deswegen hört man in diesen Krisenwochen auch die Überzeugung, in einigen Jahren sei die US-Wirtschaft wieder obenauf in der Welt. Wie früher bei Muhammad Ali hat man sich an die Comebacks gewöhnt. Doch wie für den berühmten Boxer wird es auch für Amerika jedes Mal schwerer. Unmöglich wird es nicht.

Europäer, die ihre Zeit kommen sehen, freuen sich zu früh

Viele Stärken der Volkswirtschaft sind noch intakt. Angeführt von Coca-Cola, kommen acht der zehn wertvollsten Marken auf dem Planeten aus den USA. Diese Namen allein haben einen Schätzwert von rund 350 Milliarden Dollar. Amerikanische Universitäten bilden 30 Prozent aller Auslandsstudierenden auf der Erde aus. Die Forscher des Landes sorgen dafür, dass in den Zukunftsbranchen der Nano- und Biotechnologie keine Volkswirtschaft den USA das Wasser reichen kann. Im Jahr 2007 haben Amerikaner insgesamt gut 53000 internationale Patente angemeldet, mehr als Japaner, Chinesen und Deutsche zusammen. Auch die Fähigkeit der US-Wirtschaft, sich im Nu zu wandeln, ist ungebrochen. Während die etablierten Autobauer General Motors und Ford sich am Rande des Abgrunds bewegen, bringt ein kalifornisches Start-up gerade den ersten rein elektrisch angetriebenen Sportwagen auf den Markt. Und das ist nur ein Beispiel für die neue Ökoindustrie, die sich an der Westküste entwickelt.

Gerade Europäer, die nun ihre Zeit in der Weltwirtschaft kommen sehen, freuen sich zu früh. Denn im Gegensatz zu ihren Ländern sind die USA »demografisch lebendig«, wie Fareed Zakaria sich ausdrückt, der Chef von Newsweek International. Nicht bloß, dass die US-Bevölkerung in den nächsten beiden Jahrzehnten wachsen und die europäische stagnieren dürfte. Während Europa und Teile Asiens massiv altern, halten viele Kinder und Migranten die USA auch relativ jung. Die Vereinten Nationen erwarten, dass im Jahr 2030 in Europa auf einen Senioren 2,4 Bürger im Erwerbsalter kommen werden – und in den USA 3,1.

Die amerikanische Fähigkeit, Migranten anzuziehen und zu integrieren, ist der vielleicht größte Wettbewerbsvorteil überhaupt. Schätzungsweise ein Drittel aller neuen Firmen wird von ihnen gegründet. Und die Hälfte aller naturwissenschaftlichen Forscher im Land kommt aus der Ferne. »Wenn die USA diese Menschen halten können, wird die Innovation auch hier stattfinden«, erklärt Zakaria. Bankenkrach hin, Auslandsverschuldung her – dieses ist das größte »Wenn« für den Wiederaufstieg Amerikas nach der Krise. Die Angst vor dem Terror hat die Einwanderernation Amerika unwirtlich werden lassen. Und die Neigung vieler Bürger zu mehr Protektionismus richtet sich nicht bloß gegen Waren, sondern auch gegen Menschen. Am Ende hängt die Zukunft des US-Modells mindestens so sehr an Fatima Khan wie an der Wall Street.

 
Leser-Kommentare
    • Kaito
    • 03.10.2008 um 16:00 Uhr

    Das ist leider wahr, ABER: Amerika selbst ist seit den 60ern auf einem Abwärts-Trip. Zuerst der absolut miserabel geführte Irak-Krieg, dann noch mehrere andere "weltpolizeiliche" Einsätze bis hin zum 11. September, und daraufhin den Irakkrieg: Die Realität hat nichts mit dem illusionären Wunschdenken zu tun, die Amis würden die Krise gut überstehen, denn das wird nicht der Fall sein. Amerika ist weitaus unattraktiver als man denken mag.

    Natürlich gibt es viele Einflüsse, aber diese haben nichts damit zu tun, dass Amerika mittlerweile durch ein absolut marrodes Sozialsystem migrantenunfreundlich geworden ist. Die Schulden so hoch wie noch nie, dazu Ausländerfeindlichkeit seit dem 11. September, fast schon eine Art von Xenophobie...Wer es immer noch nicht begriffen hat: Amerika steht schon auf dem Abstellgleis, aber wann der Zug losfährt ist eine andere Geschichte.

    Ja, und was wird darauf folgen? Vielleicht eine chinesische oder asiatische Weltkultur, ob das besser sein wird, wird sich zeigen...

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    der Chinese wird die Weltkultur bestimmen.

    der Chinese wird die Weltkultur bestimmen.

  1. der Chinese wird die Weltkultur bestimmen.

  2. Die Chinesen haben ja auch das Pulver erfunden.
    Nur - die Amerikaner schiessen damit.

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    Ich bestimme die Weltkultur.

    Ich bestimme die Weltkultur.

  3. Ich bestimme die Weltkultur.

    Antwort auf "Ob das gut wird?"
  4. Ich bestimme bloß Pflanzen.
    Aber nur wenn's sein muß.

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    es geht doch nichts über einen gepflegten Wortwitz.

    es geht doch nichts über einen gepflegten Wortwitz.

  5. 6. Ach,

    es geht doch nichts über einen gepflegten Wortwitz.

    Antwort auf "Ach! Ach was!"
  6. 7. Genau!

    Wohin geht die Reise?
    Mein Lieblingsziel: ad Absurdum.

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    Wenn Sie vorher noch zur Tanke gehen wollen, um ein paar Bier zu holen, dann aber zackig. Ich bring Nudelsalat mit und außerdem noch x,y und z. Soviel dazu.

    Wenn Sie vorher noch zur Tanke gehen wollen, um ein paar Bier zu holen, dann aber zackig. Ich bring Nudelsalat mit und außerdem noch x,y und z. Soviel dazu.

  7. Wenn Sie vorher noch zur Tanke gehen wollen, um ein paar Bier zu holen, dann aber zackig. Ich bring Nudelsalat mit und außerdem noch x,y und z. Soviel dazu.

    Antwort auf "Genau!"

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