USA Obama reloaded
Der Prophet wird pragmatisch – und erhöht seine Chancen, meint Josef Joffe

© Scott Olson/Getty Images
Wieder optimistischer: Senator Barack Obama
And the winner is…? Niemand. Nach dem ersten Duell McCain – Obama votierte je ein Drittel der Befragten für den Republikaner und für den Demokraten – und ein Drittel für »Ich weiß nicht«. Wer allerdings bis zum Siegessäulen-Happening im Juli zurückdenkt, dem stellt sich nach der Debatte eine ganz andere Frage: Was ist aus dem alten Obama, nennen wir ihn Obama I, geworden? Jener Mischung aus Wunderheiler und Rockstar, der die Seelen von Berkeley bis Berlin bezauberte und sich selbst bescheinigte, kein gewöhnlicher Mensch mehr zu sein: »Ich bin zum Symbol geworden.«
In der Tat war Obama I eine Projektionsfläche, eine Leinwand, auf die man seine schönsten Träume pinseln und dazu ein Stoßgebet murmeln konnte: »Erlöse uns von dem Übel George W. Bush.« ObamaI war hope and change , dessen Phrasen gerade wegen ihrer Banalität in den Bann schlugen – wie: »Wir sind die Leute, auf die wir gewartet haben.« Waren wir nicht schon immer da?
Obama I wohnt hier nicht mehr. Obama II ist immer noch cool im Auftritt und elegant im Gestus, aber in der Debatte gab er nicht mehr den Heiler und Heiligen. Verschwunden war das allzu Siegesgewisse aus seinem Blick, er agierte nachdenklich und respektvoll. Achtmal bescheinigte er McCain, dass er »absolut recht« habe. Obama I war Endstation Sehnsucht , Obama II ist die real existierende Politik. Was er denn von dem 700-Milliarden-Rettungsprogramm halte? Da wand er sich wie McCain; keiner wollte sich festlegen, solange das Paket nicht geschnürt war, die Heerscharen dafür und dagegen nicht gezählt waren. Merkel und Steinmeier hätten nicht anders laviert.
Auf der Bühne wurden keine Träume gehandelt, sondern Warenkörbe ausgepackt – der eine stand etwas weiter rechts, der andere Mitte-links. Runter mit dem Haushaltsdefizit, donnerte McCain. Steuerentlastung für die Mittelschicht, konterte Obama. Im Namen der Versorgungssicherheit will McCain Atomenergie und »clean coal«; Obama auch, aber dazu reichlich Geld für Erneuerbares. Selbst in der Außenpolitik ging es nicht um Träume, sondern um Taktik. McCain will bis zum Sieg im Irak bleiben, Obama will in 16 Monaten mit dem Abzug beginnen. Beide wollen in Afghanistan die Taliban bezwingen; erstaunlicherweise überholte Obama den Rivalen rechts, indem er Schläge gegen Stützpunkte in Pakistan guthieß. Ein Pazifist ist er gewiss nicht.
Ein hundertfach benutztes Motiv zeigt ObamaI im Gegenlicht, als wär’s ein Heiligenschein. Den trägt Obama II nicht mehr. Die Wahl ist nicht mehr zwischen Macho und Messias, sondern zwischen zwei Männern, die im Vorwahlkampf den rechten/linken Flügel bedient haben und nun regelgerecht in die Mitte drängen – wo vernünftige Politik auch hingehört. Nur Ideologen und Verführer verhökern Visionen.
Obama II hat sich entzaubert. Wenn er denn am 4. November die ganz große Debatte gewinnt, dann just deswegen. Der Prophet ist dem halb linken Pragmatiker gewichen, die Projektionsfläche zeigt plötzlich Profil. Obama II ist nicht mehr die Reise ins Ungefähre, sondern das Neue, das kalkulierbar erscheint. In diesem Sinne hat er die Debatte doch gewonnen.
- Datum 22.01.2009 - 15:30 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2008 Nr. 41
- Kommentare 6
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Der Zusammenbruch der Wall Street ist das Resultat jahrelanger republikanischer Misswirtschaft. Ob es dem Republikaner McCain gelingt, sich davon zu distanzieren, bleibt ungewiss. Die Werbung seiner Opponenten, die ihn ständig in Umarmungen mit Bush zeigt, versucht daraus Kapital zu schlagen. McCains Position ist schwierig, denn was kann er schon sagen? "Die Republikaner haben den Karren in den Dreck gefahren, deshalb wählt republikanisch." Das wäre wohl kaum wirksam.
die akteure der wallstreet eher den demokraten nah sehen.
die nächste blase, in der viel geld verschwinden wird,
sind die erneuerbaren im weitesten sinne.
unter obama könnte dieserr prozess ideologischer und teurer für die amerikaner werden.
so, wie der chefdemagoge der deutschen bank heute im dlf schon wieder gott spielte- und verkündete, die amerikanischen häuser wären zu groß und die deutschen autos wuerden zu schnell beschleunigen, so wird auch obama versuchen die leute mit moral um ihre kaufkraft zu bringen.
es ist schon lustig, da verkündet ein multimillionen mit der "beschleunigung von geld" verdienender deutschbanker, dessen haus in den neunzigern gegenüber privatkunden ein an kriminalität grenzendes geschäftsgebaren hatte, wie schnell deutsche autos beschleunigen duerfen.
es wird zeit, daß diese bank, die den namen unseres landes in den dreck zieht, mal eingebremst wird.
Die ganze Welt wird feiern, wenn am 5. November Obama als 44. Präsident der USA feststeht. Ich freu mich jetzt schon darauf... :-)
weißen limumu, wo er mit seinem überdimensionierten ehering so seriös und machtbewußt am winken ist ? bilder sagen mehr als tausend worte...
kennedy war auch ein schlechter präsident, der sich mehr um etikette und
promis, als um zuverlässige politik gekümmert hat, da er den kalten krieg kompensatorisch zu seinem schwächlichen wesen, noch forciert hat.
insofern können wir uns unter obama auf turbulente zeiten einstellen, auch
wenn der lässige mustergatte das jetzt selber noch weit von sich weisen wuerde...
Man mag Obama ja für einiges kritisieren. Aber wenn Sie Palin für geeigneter halten ("a 72-year heartbeat away from presidency"), müssen Sie sich sehr unangenehme Fragen über Ihre Urteilsfähigkeit stellen lassen.
"Nur Ideologen und Verführer verhökern Visionen."
Wenn sie "Vision" als klare Vorstellung von etwas verstehen - im Gegensatz zu dem Flickwerk und der schnellen Anlaßgesetzgebung, die die Politik sonst so prägt.
Dann können sie viele Sachen nämlich schon vorausschauend berücksichtigen, anstatt immer nur zu reagieren, wenn schon der Hut brennt und keine Zeit für die wirklich guten Lösungen mehr bleibt!
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