Finnland Einst in Helsinki

In den zwanziger Jahren war die finnische Hauptstadt so wild wie Paris. Kjell Westö erzählt in seinem neuen Roman von Tänzen am Rande des Abgrunds. Ein Spaziergang mit dem Autor.

Morgens um zehn hat Kjell Westö eine bemerkenswerte Fahne. Es weht dem Dichter aber keine Schon-Fahne voran, weil er vielleicht, unserem Vorurteil über finnische Ernährungsgewohnheiten gemäß, mit zwei, drei Wodkas in den Tag gestartet wäre. Es zieht ihm eine Noch-Fahne hinterher, denn er hat in der Nacht zuvor bis fünf Uhr früh beim Wein gesessen, dienstlich, mit Schauspielern, die im November eines seiner Stücke uraufführen werden. Gut für ihn, dass wir im kühlen Helsinki sind. Eine Stadtwanderung bei zehn Grad Mittagstemperatur kann er sicher gut vertragen.

Wir haben uns beim legendären Hotel Torni nicht weit vom Bahnhof getroffen. Im Kalten Krieg war es eine bevorzugte Bleibe von Korrespondenten und Spionen; heute kommen Design-Freaks wegen seines Art-nouveau-Interieurs. Westö soll uns durch Helsinki führen, auf den Spuren seines jüngsten und hochgelobten Buchs, das gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist. Der Gesellschaftsroman über die bewegtesten Jahre der finnischen Geschichte trägt passenderweise den Titel Wo wir einst gingen. Wir haben einen Ausflug abseits der üblichen Pfade vor, der am Ende vielleicht auch unser skurriles, von Kaurismäki-Filmen, Leningrad Cowboys, Mumins, Nokia und Pisa-Triumphen geprägtes Bild dieses Landes erweitert.

So rasch, wie wir zum Du übergehen (Kjell spricht Deutsch), erreichen wir den Bulevardi. Die Straße führt aus dem Herzen der Stadt in Richtung Südwesten ans Wasser und zählt zu Helsinkis besten Wohnadressen. Der Schriftsteller zeigt auf das Haus mit der Nummer 30B: »Dort drüben beginnt mein Roman.«

Es ist 1918, Finnland hat eben die Herrschaft des russischen Zaren abgeworfen. Seitdem ringen auch hier »weiße« Nationalisten und »rote« Sozialisten um die Macht. Die Figuren des Romans – Großbürgerkinder, junge Proletarier, Lehrer, Künstler – erleiden die Gräuel des Bürgerkriegs oder verüben sie, mitunter beides. Nach vier Monaten siegen die Weißen mit Unterstützung einer deutschen Division. In den Zwanzigern, die in Helsinki so wild sind wie in Paris oder Berlin, springen die Romanhelden zeitweilig über die Klassengrenzen hinweg. Die schrille Bürgertochter verführt den Malocher, die alternde Schauspielerin findet Halt beim desillusionierten Linkspamphletisten.

Es ist nicht die sympathischste Figur des Roman, auf die Kjell als Erstes zu sprechen kommt, vorm Park bei der Alten Kirche. Dafür geht es mit dem Widerling Cedric Lilliehjelm dann auch gleich zu Ende: »Hier hat Cedi gegen Ende des Romans seinen Kollaps.« Es ist ein passender Ort dafür. Der Park, wo abends die Gothic-Fans abhängen, war früher mal ein Friedhof. Vereinzelt ragen noch Grabmale aus dem Rasen. Sie erinnern an deutsche Soldaten, die 1918 hier gefallen sind.

Cedi Lilliehjelm firmiert im Roman als fanatischer Nationalist. Reaktionäre Adlige bevölkern den politischen Salon, den er in seiner Wohnung in der Havsgatan führt. Dorthin, auf Finnisch heißt die Straße Telakkakatu, will Kjell als Nächstes. Im Stadtteil Eira ist Helsinkis Weg in die Moderne in die Fassaden gemauert. Klassizistisches Empire mischt sich mit Jugendstil und den einfachen Formen des Funktionalismus. Dazwischen experimentelle moderne Architektur. Es gibt wohl nicht viele Orte, denen man so deutlich ansieht, dass die Menschen sich hier wohlfühlen sollten.

Ein scharfer Wind vom Meer pfeift durch die Straße, aber der Dichter lässt den Reißverschluss seiner Lederjacke offen. Die Telakkakatu ist einer seiner Lieblingsorte. In nur zweihundert Metern Entfernung vom Ufer wölben sich Schären aus der Ostsee. Kjell spricht über das Licht auf dem Meer: »Im Frühjahr und Spätsommer ist es so fantastisch, dass du die sechs trüben Wintermonate glatt vergisst. Seit es keinen Schnee mehr gibt, ist der lange Winter in der Stadt nur noch nass und dunkel.«

Heute liegt ein kaltes, gebrochenes Leuchten auf dem Wasser. Über den Horizont schieben sich Wolkenberge, und wenn sie die Sonne kurz freigeben, ist ein Flickern auf den Wellen, das die kieselglatt geschliffenen Felsen hinaufhuscht und auf den Steinen schimmert. In den Ohren tönen die müßigen Geräusche des Sportboothafens: Wellenschlag an den Kaimauern, das helle Plinkern der Drahtseile auf den metallenen Masten der Jachten, Möwen schreien heiser dazwischen.

Kjell deutet hinüber zur Liuskasaari, der Schifferinsel. Auf ihrem Felsbuckel sitzt ein steinerner Pavillon, dessen rundum laufende Fenster bei Tag das Schärenlicht fangen. »Den habe ich als Vorbild für den Tanzpalast genommen«, sagt Kjell. In diesem Palast geht die Post ab. Die Zwanziger neigen sich dem Ende zu. Zum Jazz, der mit den Passagierdampfern aus Amerika kam, tanzen die Reichen, Jungen und Schönen der Stadt am Rande des Abgrunds.

Heute hüpfen nur ein paar Spatzen auf den Tischen der Veranda vor dem Pavillon. Wer mit der kleinen Schaluppe, die im Viertelstundentakt über den Sund pendelt, zur Schäre übergesetzt hat, findet einen Ort der Stille. Der Pavillon ist geschlossen. Auch die Reihe der 22 weiß gestrichenen Holzkabinen in der Badeanstalt auf der Nachbarschäre Uunisaari steht schon verlassen in Erwartung des Winters da.

Leben ist erst wieder auf dem Platz vor dem Rathaus, den wir nach zwanzig Minuten wärmenden Fußmarsches passieren. Gegen die himmelblaue Rathausfassade leuchtet das Orange von hundert Marktstandzelten. Die klare Luft weht uns den Duft von Pilzen, Beeren und Wildschinken entgegen. Im Cholerabecken – das kleine Hafenbecken hat den Namen aus Seuchenzeiten behalten, als man hier verendetes Kleinvieh entsorgte – dümpelt ein Bötchen mit geräucherten Heringen und Makrelen. Man bekommt hier Rentierfelle und puukos, Finnmesser, in allen Varianten. Angeboten werden auch halbierte Bierdosen, umhäkelt, die der Finne bei gegebenem Anlass offenbar als Kopfbedeckung trägt.

Am Rummel müssen wir aber nur vorbei. Unser Ziel sind die Arbeiterviertel nördlich der Kaisaniemibucht. Das Helsinki des frühen 20. Jahrhunderts war eine gespaltene Stadt, schreibt Westö in seinem Roman.

Im Grunde gab es zwei Städte. In der einen Stadt versuchte man zu leben, als hätte es weder den Krieg noch dessen unangenehmes Nachspiel gegeben. Man veranstaltete Maskenbälle und Ringerturniere und Programmabende mit Schrammeljazz und Tee, Abende, an denen der »Jazz« deutsch war und der »Tee« durchsichtig und stark und schlummernde Dämonen zum Leben erweckte. In der anderen Stadt herrschten Düsternis und Misstrauen, dort herrschten Verbitterung, Arbeitslosigkeit und Auflagen. Die Mitglieder der weißen Schutzcorps bewegten sich nur äußerst ungern in der Arbeiterstadt, und wenn sie einmal gezwungen waren, es trotz allem zu tun, hatten sie stets die Browning schussbereit in der Tasche ihres Paletots oder Jacketts.

Wer aus der Welt der Weißen, den Bürgerquartieren im Süden also, in die Welt der Roten gelangen will, muss die Lange Brücke überqueren. Noch heute ist der Sandstein der in Wahrheit ziemlich kurzen Brücke von Einschusskratern gezeichnet. Im Januar 1918 hatten die Sozialisten zum Zeichen ihrer Machtübernahme im Turm des Gewerkschaftshauses eine rote Laterne aufgehängt; in Westös Roman brennt sie auf Seite 114. Das Gebäude hat den Bürgerkrieg und die Jahrzehnte danach unbeschädigt überstanden, und das ist kein Wunder. Aus grob behauenen Quadern gefügt, steht die fünfstöckige Graniittilinna (Granitburg) da wie die steingewordene Arbeitermacht. Im Restaurant parterre nehmen Gewerkschafter und Sozialdemokraten gern ihr Mittagessen ein. Wer sonst sich mit einem Eintopf aus Kohl und Hackfleisch für 8,70 Euro zufriedengibt, Suppe, Brot, Salat und Kaffee inklusive, ist auch willkommen. Die Einrichtung aus dem Jahr 1908 hat sich kaum verändert. Mannshohe dunkle Holzpaneele reklamieren den Anspruch des Proletariats auf Gediegenheit, an den Wänden darüber lässt ein Sonnenfries die bessere Zukunft aufleuchten.

In der Arbeiterwelt ist Allan Kajander zu Hause. Der Vater, ein Säufer und Schläger, hat die Familie sitzen lassen. Allu wächst bei der Mutter auf. Sie lebten, wie es die meisten Leute taten – schnarchende und schniefende Untermieter, Holzbockbetten, die nach der Nacht zusammengerollt und ins Treppenhaus gestellt wurden, dünne Matratzen auf zugigen Holzböden, Hering in verschiedenen Varianten, Korngrütze und dünner Kaffee am Morgen(…).

Die Demütigungen der Armut kompensiert Allan Kajander auf dem Aschenplatz. »Sport«, sagt Kjell Westö, »war ungemein wichtig für das finnische Nation-Building. Denk nur an Paavo Nurmi, den Langstreckenläufer.« Im frühen Mannesalter ist Allu auf staubigen Fußballplätzen zu einem Star geworden, für den sich auch die feine Gesellschaft interessiert.

Von Allu Kajanders Proletarierwelt ist heute nur noch wenig zu sehen. Mitte des vergangenen Jahrhunderts ging selbst im behaglichen Helsinki der Fortschritt um, und die als hinterwäldlerisch geltenden Holzhäuser der Arbeiter mussten steinernen Mietskasernen weichen. Nur in drei, vier Straßenzügen des Stadtteils Vallila stehen noch Häuser aus Holz. Die allerdings sind sorgsam instand gesetzt. Unter schneesicheren, geteerten Blechdächern leuchten frische Holzfarben in linden Schattierungen von Grau, Rot und Ocker. Hinter Lattenzäunen verbergen sich städtische Gartenidyllen. Arbeiter wohnen hier nicht mehr. »Es sind noch Mietshäuser«, sagt Kjell, »aber nicht mehr für arme Leute, für Bohemiens vielleicht, die das hier bezahlen können. Es ist ein blühendes Milieu.«

Je länger wir spazieren, umso deutlicher wird, dass der Dichter seinen Romanstoff gar nicht so historisch findet. »Die alte Spaltung in Rot und Weiß besteht so natürlich nicht mehr«, sagt er, »aber es gibt sie mit einem neuen Gesicht, so wie in allen europäischen Gesellschaften. Arm und Reich driften auch bei uns wieder stärker auseinander.« Wir gehen zum Viertel um den Vasaplatz, nur ein paar Straßenzüge weiter. Hier lässt dann doch Kaurismäki grüßen. Parkbank-Kumpane picknicken mit Wodka und Bier. In die öffentlichen Saunen, die früher jeder Wohnblock hatte, sind Thaimassagesalons eingezogen.

Wo wir einst gingen ist kein parteiischer Roman. Kjell Westö hat alle seine Charaktere, ob Bürger oder Proletarier, mit der gleichen Liebe entworfen. Nur der Fußball spielende Allu Kajander kommt vielleicht ein bisschen besser als die anderen weg. Das mag damit zu tun haben, dass der Dichter mit seinen 47 Jahren selbst noch jede Woche kickt. Aber man muss ihn schon fragen, wenn man wissen will, wie er selbst über das Land denkt, das wir uns gern als Teil der heilen Welt Skandinavien vorstellen: »Manchmal glaube ich, der Traum von sozialer Gleichberechtigung ist aus, und um diesen Traum werde ich immer trauern.«

Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir eine zentrale Stätte des weißen Helsinki im Roman allein besichtigen müssen: den Opernkeller. Im Restaurant des Schwedischen Theaters, dem Opris, treffen sich die Akteure am Stammtisch mit der Nummer 16, unter den Schmetterlingslampen. Es wird ungeachtet der Prohibition aus versteckten Vorräten getrunken, man debattiert und flirtet. Dies ist die Bühne von Lucie Lilliehjelm. Sie bricht Tabus, geht allein aus, mag scharfzüngige Konversation, hat die Haare im Nacken nach Pariser Mode kurz geschnitten. Lucie trug Herrenhüte, Turbane, Stirnbänder aus hauchdünnen Stoffen, ganz nach Lust und Laune(…).

Warum nur spart der Schriftsteller diesen Ort auf unserer Wanderung aus? Vermutlich, weil das Opris unserer Tage entschieden nicht seine Welt ist. Am Samstagabend, Kjell ist schon unterwegs aufs Land zum Angeln, statten wir dem Opernrestaurant trotzdem einen Besuch ab. Die Schmetterlingslampen gibt es noch immer – sie erweisen sich als tiffanyartige Jugendstilleuchten. Aber die Falter fliegen nicht mehr. Jemand hat Gaze darum gewickelt. Nun wirken sie wie Raupen in einem Kokon.

Das Lokal ist ein In-Treff in Helsinki. Reservierungsliste, lange Bar, cooles Interieur. Aber man kann sich schwer vorstellen, dass Kjell Westö hier ein lebendes Vorbild für seine Grazie Lucie fand. Dabei herrscht an Gesellschaftsdamen kein Mangel. Mehrere Tische sind von Frauencliquen belegt. Sie prosten sich routiniert mit Champagner zu und essen Salate, als Hauptgang. Und wenn sie sich mal etwas trauen, dann gehen sie in ihren leichten Designerroben vor die Tür, um eine zu rauchen. Bei fünf Grad Celsius, abends um zehn.

Anreise: Direktflüge zum Beispiel von Frankfurt am Main nach Helsinki mehrmals wöchentlich mit Finnair oder Lufthansa

Unterkunft: Hotel Torni, Yrjönkatu 26, Helsinki, Tel. 00358-20/1234604, www. sokoshotels.fi . DZ ab 200 Euro

Restaurants : Teatterin Grilli (Theaterkeller), Pohjousespa 2, Tel. 00358-9/61285005, www.royalravintolat.com . Geöffnet Mo–Do 11–24 Uhr, Fr/Sa 11–1 Uhr

Ravintola Juttutupa (Restaurant im Gewerkschaftshaus), Säästöpankinranta 6, Tel. 00358-20/7424240, www.juttutupa.com . Geöffnet Mo 10–24 Uhr, Di–Do 10–1 Uhr, Fr/Sa 10–3 Uhr, So 11–24 Uhr

Literatur: Kjell Westö: »Wo wir einst gingen«. Aus dem Schwedischen von Paul Berf; btb Verlag, München 2008; 656 S., 19,95 €

 
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