Die Branche boomt; vor allem am Horn von Afrika erlebt das vermeintlich längst ausgestorbene Handwerk der Piraterie eine neue Blütezeit. Allein in diesem Jahr verzeichnete die Internationale Seefahrtsbehörde an die 60 Piratenangriffe im Golf von Aden und im Indischen Ozean östlich des somalischen Festlands. Halbherzig und bislang vergeblich versuchen die multinationalen Seestreitkräfte vor Ort, der Plage Herr zu werden. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie man es anfangen müsste. Vor rund 300 Jahren war es den Seefahrernationen einst gelungen, dem damaligen Seeräuber-Unwesen ein Ende zu machen – durch Beharrlichkeit und Gewalt.

»Oh! Dieser Wahnsinn. Oh! Diese Tollheit boshafter Männer!« Diese Worte des Priesters waren die letzten, die der Piratenkapitän William Fly am 12. Juli 1726 zu hören bekam. Kurz danach baumelte sein Körper leblos am Galgen. Mit ihm endete die sogenannte goldene Periode der Seeräuber, die etwa vier Jahrzehnte gedauert hatte. Die Zunft der Korsaren war wohl nie so erfolgreich und gefürchtet wie gegen Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts.

Auf den Piratenschiffen herrschten Demokratie und eine Verfassung

Die europäischen Seemächte England, Frankreich und Spanien hatten eine lange Konfliktperiode hinter sich, in der auch Piraten »Dienst taten«: Mit dem Segen ihres jeweiligen Königs plünderten sie die Schiffe feindlicher Nationen. Jetzt jedoch waren die ehemaligen »Staatspiraten« den Herrschenden nicht mehr genehm. Sie verlegten sich daher auf illegale Beutezüge. Ihre Mannschaften rekrutierten die Freibeuterkapitäne aus dem Heer der Seeleute, die nach Ende der Seekriege aus dem Marinedienst entlassen worden waren. Beute gab es reichlich: die Schiffe, auf denen die Schätze der Kolonialmächte aus deren Besitzungen in Übersee nach Hause geschippert wurden.

Die Mächtigen antworteten mit der Marine und Massenexekutionen. Sie brandmarkten die Piraten als »Feinde der Menschheit« und stellten sie als verrückte Banditen dar, wie es auch der Pfarrer bei William Flys Hinrichtung in Boston tat. Dessen Figur prägt bis heute das Bild von den Seeräubern: ehr- und rechtlose wilde Gesellen ohne Skrupel. Doch diese Vorstellung ist falsch. Vor allem zwei US-Wissenschaftler haben sie gründlich revidiert: der Historiker Marcus Rediker und der Ökonom Peter Leeson, der die Piratengesellschaften in einer Serie von neuen Veröffentlichungen mit wirtschaftswissenschaftlichen Prinzipien erklärt. Rediker und Leeson haben gezeigt, dass die Mannschaft auf einem Piratenschiff des goldenen Zeitalters nach strengen Regeln lebte, die stark an eine Demokratie erinnern – und das zu einer Zeit, als auf dem europäischen Festland der Absolutismus seine Blüte erlebte. Während das Gros der Menschheit unter der Fuchtel von Kaisern, Königen oder anderen Potentaten litt, segelte man unter dem schwarzen Banner mit einer Verfassung und einer gewählten Führung.

Das könnte längst bekannt sein, denn die Kunde von der erstaunlichen Organisation der Seeräuber um 1720 ist schon in zeitgenössischen Berichten versteckt. So schreibt der Kapitän Charles Johnson 1728 in seiner Allgemeinen Geschichte der Piraten: »Diese Männer, die wir nicht ohne Grund einen Skandal der Natur nennen, die nur dem Laster frönten und vom Raub lebten, sie waren unter sich äußerst gerecht.«

Johnson berichtet, dass die Piraten ihren Kapitän demokratisch wählten und jederzeit absetzen konnten, wenn er sich als autokratisch erwies oder als feige im Gefecht. Absolute Befehlsgewalt hatte der Chef nur, wenn es auf militärische Disziplin ankam: beim Angriff auf ein Beuteschiff. In der übrigen Zeit führte der ebenfalls demokratisch gewählte Quartiermeister das Schiff. Er wachte darüber, dass kein Kapitän ungebührliche Machtgelüste entwickelte, schon weil er selbst auf diese Position hoffte. »Diese Organisation erzeugte einen Wettbewerb, der Machtmissbrauch einschränkte«, sagt der Piratenforscher Leeson von der George-Mason-Universität in Fairfax. Meist habe das auch gut funktioniert.