Atelierbesuch

Archivarin des Alltags

Christine Hill versucht die Unübersichtlichkeit der Welt mit ihrem Ordnungssinn zu bändigen. Unterschätzten Alltagsgegenständen will sie mehr Beachtung verschaffen

Ihre erste Nacht in Berlin verbrachte Christine Hill auf dem Bahnhof Friedrichstraße. In ihrem Rucksack befanden sich ein paar Kleider, eine Kamera und ihr Tagebuch. Es war der 6. Juni 1991, zwei Wochen zuvor hatte Christine Hill am Maryland Institute in Baltimore ihr Kunststudium abgeschlossen, sie war 22 Jahre alt. Das Berlin der Wendezeit hatte sie angezogen, weil es offen und bezahlbar war.

Das Tagebuch aus dieser Zeit gibt es noch immer. Es steht in einer geräumigen Altbauwohnung in Prenzlauer Berg – in einer Bibliothek, deren Bücher nach Farben sortiert sind. Das Deckblatt zeigt die erste Mondlandung der amerikanischen Raumfähre Apollo. Christine Hill blättert das abgegriffene Spiralheft auf. Book of Anxiety – »Buch der Angst« – steht auf der ersten Seite, in ihrer steilen, akkuraten Handschrift. Warum sie es so genannt hat, weiß sie heute nicht mehr. »Ich war eigentlich nicht ängstlich.« Zwischen den dicht beschriebenen Seiten kleben Kassenzettel und Visitenkarten, das Tagebuch hielt ihr Leben zusammen – es war ihr erstes mobiles Büro.

Heute führt Christine Hill drei Notizbücher gleichzeitig: eines für Termine, eines für Ideen und ein privates Tagebuch. Einmal im Jahr fährt sie mit den gesammelten Ideen eine Woche allein aufs Land, in eine Pension im Bundesstaat New York, wo sie aufgewachsen ist, und ordnet ihre Gedanken. Daraus entstehen Werke, die in keines der geläufigen Genres passen. Auf der Biennale in Venedig stellte sie im vorigen Jahr ihren Terminkalender aus, mitsamt dem selbstironischen Kommentar: »Ich verbringe sehr viel Zeit damit, mir Notizen zu machen, aber noch mehr Zeit benötige ich, um diese Notizen später durchzulesen.«

Minutes heißt das in Anlehnung an den schwarzen Moleskine-Kalender gestaltete Buch, ein Kunst-Produkt, in dem man sich stundenlang verlieren kann. Es stößt den Betrachter subtil auf den eigenen Umgang mit Zeit, Ordnung und der Bewertung von Ereignissen und Dingen. So auch bei It’s a pleasure to serve you, einer Serie von Wasserfarbbildern in Restaurant-Quittungsblöcken. Wenn sie gedrängt wird, zu definieren, was daran Kunst sei, lacht sie ihr tiefes Lachen und zitiert Marcel Duchamps: »Ich mache keine Kunst, ich spiele Schach.«

In der Küche mit den schlichten alten Holzmöbeln und den weißen Lilien auf dem Tisch bereitet Christine Hill Milchkaffee für die Besucher zu, sie selbst trinkt Tee. Mit dem Schneebesen schlägt sie die Milch zu Schaum und gießt ihn sorgsam über den Espresso in ein Glas. Dabei erzählt die große Frau mit den fein geschnittenen Zügen, dass sie gerade um die Ecke in der Kastanienallee war, »T-Shirt-Läden gucken«. Das inspiriere sie mehr, als in ein Museum zu gehen. Äußere Phänomene studiert sie wie Handschriften, dazu gehört auch das Gesicht des Bezirks. Kaum ein Haus in dem beliebten Zuzugsgebiet junger Familien, dessen Fassade nicht gelb gestrichen wurde, nur ihres ist vorläufig noch grau.

Seit vier Jahren lehrt sie an der Bauhaus-Universität in Weimar, sie trägt den Titel »Professorin für Moden und öffentliche Erscheinungsbilder«. Als sie ihre ordentlich aufgeräumte Wohnung zeigt, entfährt ihr der Satz: »Mann, wie bin ich heute drauf, ich werde ja immer penibler.« Nichts liegt auf den abgeschliffenen Dielen herum, alles hat seine Funktion, wie der Setzkasten auf dem langen Tisch, der das Bibliothekszimmer der Länge nach halbiert. In der quadratischen, flachen Holzkiste liegen Kladden, Karteikarten, Stempel, Papier und gelbe Bleistifte der Stärke 2 mit der Aufschrift »Volksboutique«.

Es ist bis heute ihr Markenzeichen. Alles, was Christine Hill als Künstlerin unternimmt, trägt diesen Stempel – das Signet ist der geschwungene Schriftzug »Volksboutique«, durch das V zieht sich eine Nähnadel. In ihrem Buch Inventory. The Work of Christine Hill and Volksboutique steht ihr künstlerisches Manifest: »Volksboutique stellt ein Forum für Produktion, Ausstellung und Austausch dar«, lautet der erste Paragraf. »Volksboutique ist nicht Theater. Es ist eine Produktion des Lebens.« In jeder ihrer Ausstellungen gibt es irgendwo einen Zettelkasten, Papier und Bleistift, damit Besucher ihren Kommentar hinterlassen können. Manchmal bekommt Christine Hill auch Geschenke mitgebracht – irgendetwas, von dem Besucher meinen, es passe zu ihrer Arbeit.

An einer Wand in ihrer Wohnung hängt eine grüne Obsttüte mit dem Aufdruck »Esst Obst«. Eine junge Frau brachte ihr bei einer Eröffnung einen ganzen Packen solcher Tüten mit. Eine Etage höher lagert Christine Hill Teile ihres Archivs in weißen Pappkartons. Auf einigen klebt ein Schild mit der Aufschrift »Interest«. Darin befinden sich Fundstücke, die noch nicht nach Themen geordnet sind. Oft sind es Formulare oder Vordrucke, Zeugnisse bürokratischen Geschäftsgebarens. Wie jene Zettel, die nach der chemischen Reinigung an Kleidungsstücken haften und auf verbliebene Flecken verweisen. In Brooklyn hat Christine Hill vor Jahren das halbe Inventar eines altmodischen Schreibwarenladens aufgekauft. Die Inhaber hielten sie für eine Ausstatterin aus Hollywood.

Christine Hill sammelt und ordnet, ordnet und sammelt, sie ist eine Buchhalterin des Marginalen, der Dinge, die gering geschätzt werden, der ambivalenten Erscheinungen, die in einer unübersichtlichen Welt nach einem Definitionsrahmen verlangen. Wie das Päckchen Pflaster, das sie vorerst auf einem Schrank aufbewahrt, bis sie es vielleicht in einer Arbeit verwenden wird: »Pflaster für Dunkelhäutige« steht darauf, es ist packpapierbraun wie Isolierband. Rassistisch oder nicht? Christine Hill weiß nur: Irgendwann wird dieses Ding seinen Platz in ihrer Kunst finden.

Christine Hill, geboren 1968 in Binghamton, US-Bundesstaat New York, studierte Kunst am Maryland Institute, College of Art. 1991 zog sie nach Berlin. 1996 gründete sie ihre Werkstatt Volksboutique, unter diesem Signet nahm sie 1997 an der documenta X und 2007 an der 52. Biennale in Venedig teil. Seit 2004 ist sie Professorin an der Bauhaus-Universität in Weimar. Unser Foto zeigt die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier.

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Leser-Kommentare

  1. mariaminch
    Mein kommentar ist eigentlich eine frage zu der aufnahme im letzen artikel über Christine Hill, wo man die scheinbar ganz bewußt exponierte schrift THINK auf einem der regale hinter der künstlerin sehen kann: aus welchem buch stammte die schilderung jener periode in den USA, als man, laut autor, sogar auf den öffentlichen toiletten diese "aufforderung" zum denken sehen konnte?
    Hoffe mit ungeduld auf antwort.

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  • Von Christina Bylow
  • Datum 27.10.2008 - 10:11 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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