An sich eine reizvolle Idee: Da begegnen einander das größte politische und das größte musikalische Genie einer Epoche: Friedrich der Große und Johann Sebastian Bach. Die sichtbare und musikgeschichtlich überaus bedeutsame Folge: Bach komponiert eines – neben den Goldberg-Variationen und der Kunst der Fuge – seiner kontrapunktischen Gipfelwerke, ja das Gipfelwerk des Kontrapunktes schlechthin: Das musikalische Opfer; und zwar über ein Thema, das ihm Friedrich der Große zur zunächst improvisatorischen Bearbeitung aufgegeben hatte. Dieser Spätnachmittag des 7. Mai 1747 war gewiss ein großer Moment der Musikgeschichte – aber trägt er ein ganzes Buch?

James R. Gaines fügt im Grunde die relativ knapp gehaltenen Biografien der beiden »Helden« ineinander, abschnittsweise gegeneinander versetzt. Man könnte sie auch wieder auseinandernehmen und jede für sich genommen lesen, weil die beiden Protagonisten einander bis zu ihrer Begegnung im Stadtschloss zu Potsdam – und wiederum danach – nichts zu sagen hatten. Wie denn auch?

Hier der zutiefst fromme Musiker, dort der in religiösen Dingen zynische Aufklärer, hier der Künstler, dort der Machtmensch, hier der kleinbürgerliche musikalische Stadtdiener drei Jahre vor seinem Tod, dort der seit erst sieben Jahren regierende König auf dem Weg zur europäischen Großmacht, neun Jahre vor dem Siebenjährigen Krieg, hier der untergehende Stern, dort der aufsteigende Herrscher – nicht einmal die Musik hätte die beiden einander wirklich näher bringen können.

Nicht nur war ihr musikalischer Geschmack grundverschieden, Bach hätte zudem über die musikalischen Hervorbringungen Friedrichs II., die für einen regierenden Herrscher gewiss außergewöhnlich waren, rein kollegial wohl ähnlich nachsichtig gelächelt wie später Voltaire, wenn er ehrlich war, über Friedrichs literarische und philosophische Texte, auch sie weit über dem Niveau seiner politischen Klasse.

Die Absicht des Buches, deutlicher sichtbar noch in dem amerikanischen Originaltitel (wörtlich übersetzt: »Abend im Palast der Vernunft. Bach trifft Friedrich den Großen im Zeitalter der Aufklärung«) setzt eine Resonanz zwischen den beiden Lebensstrecken voraus, die einfach nicht gegeben war, mit Ausnahme der kurzen Begegnung in Potsdam, die zwar für den musikalischen Kanon eine eminente Folge hatte, aber sonst keine weitere für das Leben der beiden; und die auch nur knapp dreißig Seiten des ganzen Buches bestimmt.