Berufsausbildung Berufsakademien machen Karriere
Die Verbindung von Studium und betrieblicher Ausbildung darf sich in Baden-Württemberg nun "Duale Hochschule" nennen
In dem kurzen Video taucht alles auf, wofür viele Abiturienten schwärmen: Ein silberner Porsche fährt durchs Bild, junge Menschen verhandeln in Konferenzräumen – so sieht Karriere aus, das will zumindest der Film vermitteln. Es ist das Imagevideo der Berufsakademie Stuttgart, die ihre Studiengänge als »Erfolgsprinzip von Theorie und Praxis« anpreist. Ihren Anspruch unterstreicht sie mit einflussreichen Kronzeugen: Porsche-Vorstandsmitglied Thomas Edig etwa oder den Deutschland-Chefs von IBM und Hewlett-Packard. Wie etliche Größen aus der schwäbischen Industrie sind sie Absolventen einer Berufsakademie.
Es sind vor allem solche Erfolgsgeschichten, die findet, wer in Baden-Württemberg nach dem Konzept der Berufsakademien (BA) fragt. Sie sind ein Zwitter aus Hochschule und betrieblicher Ausbildung, gegründet in den siebziger Jahren, als rund um Stuttgart die Wirtschaft blühte und die Unternehmen auf der verzweifelten Suche nach jungen Mitarbeitern waren. Inzwischen haben sich die Berufsakademien beinahe unbemerkt zu einer Kaderschmiede für angehende Betriebswirte, Techniker und Sozialarbeiter entwickelt. In ihrem Studium werden sie jeweils zur Hälfte an der Berufsakademie und in einem Partnerunternehmen ausgebildet. Die Idee dahinter: Die Absolventen sollen in Theorie und Praxis gleichermaßen firm sein. Die großen Konzerne aus Baden-Württemberg investieren Millionensummen in die acht Berufsakademien des Landes. In der Hochschulwelt allerdings werden die Berufsakademien häufig eher naserümpfend betrachtet.
Tatsächlich bekommen die BA-Studenten keine klassische akademische Bildung, sondern eine praxisbezogene Ausbildung. Mit einem Abschluss von der BA ist es deshalb bislang nur unter strengen Bedingungen möglich, an einer klassischen Universität weiterzustudieren. Das liegt nicht zuletzt am geografischen Zuschnitt: Berufsakademien gab es in der Anfangszeit nur in Baden-Württemberg, in den anderen Ländern konnten lange Zeit weder Arbeitgeber noch Hochschulen etwas mit den Absolventen der jungen Institution anfangen – sie wussten schlicht nicht, wie sie deren Qualifikation einordnen sollten. Erst seit einigen Jahren hat sich das geändert, vor allem in den neuen Bundesländern gibt es inzwischen Akademien nach schwäbischem Vorbild. Das Problem allerdings ist: Der Name Berufsakademie ist nicht geschützt. Inzwischen starten auch Fortbildungseinrichtungen und andere Projekte unter dieser Bezeichnung.
Kleine Seminare, scharfe Auslese, Praxisnähe gelten als Pluspunkte
»Das hat unser Image in den vergangenen Jahren eindeutig verwässert«, sagt Joachim Weber. Er ist Direktor der Stuttgarter Berufsakademie, die gemeinsam mit dem Mannheimer Ableger die älteste dieser Einrichtungen ist. »Bis dato fehlte deshalb in der Politik der Mut, die Berufsakademien ganz offiziell als Hochschulen zu deklarieren.« Erst jetzt soll sich das ändern: Die baden-württembergische Landesregierung will im kommenden Jahr die Berufsakademien in Duale Hochschulen umbenennen und sie damit endgültig den klassischen Universitäten und Fachhochschulen gleichstellen. Inhaltlich, so heißt es aus der Stuttgarter Staatskanzlei, habe sich die Berufsakademie ohnehin bereits im Hochschulsystem etabliert. »Damit nutzen wir die mit der Föderalismusreform gewonnenen Spielräume«, sagt Wissenschaftsminister Peter Frankenberg.
Unter Bildungsforschern gilt das baden-württembergische Modell als beispielhaft und innovativ – spätestens seit die Kultusminister in ganz Deutschland auf Reformen setzen und plötzlich alles das preisen, was sich die Berufsakademien schon lange auf die Fahnen geschrieben haben; kleine Seminare etwa, die Auslese der Studenten oder die Praxisnähe. »Es ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich, dass gerade die Berufsakademien in den Hochschulstatistiken das am schnellsten wachsende Segment sind«, sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. »Da ist vieles erreicht, wovon Universitäten und Fachhochschulen oft nur träumen: Die Abbrecherquote ist minimal, und die Arbeitslosenquote unter den Absolventen liegt quasi bei null.«
Ist das mehr als wissenschaftliche Dünnbrettbohrerei?
Der Stuttgarter BA-Direktor Joachim Weber kennt auch die Stimmen, die weniger euphorisch sind. Viele Professorenkollegen werfen den Berufsakademien wissenschaftliche Dünnbrettbohrerei vor – es fehle am akademischen Anspruch. »Ich komme ja selbst von einer klassischen Universität und musste mich natürlich am Anfang auf eine andere Arbeitsweise einstellen«, sagt Weber. Bisweilen wünsche er sich auch etwas mehr theoretische Unterfütterung in den Seminaren, räumt er ein. »Trotzdem wollen wir gar keinen abstrakten Modellplatonismus betreiben, der sich darin ergeht, für jede praktische Frage 20 bis 30 Antwortmodelle zu entwickeln, ohne auch nur ein einziges davon empirisch zu prüfen.« Das mit der Dünnbrettbohrerei will er jedenfalls nicht auf sich sitzen lassen: »Wir haben den Lehrstoff dermaßen verdichtet, dass nur die Besten das ganze Pensum schaffen.«
Die Aufnahmeprüfungen für die Berufsakademien sind tatsächlich eine harte Nuss für viele Bewerber: Sie müssen sich direkt bei einem der Partnerunternehmen bewerben, bei dem sie den praktischen Teil des Studiums durchlaufen – und da kommen bis zu 300 Kandidaten auf einen einzigen Platz. Mit Assessmentcentern und Gesprächen werden die besten Bewerber herausgefiltert, pro Jahr gibt es nur 8000 Stellen. Wer von einer Firma einen Vertrag bekommt, wird automatisch auch an der BA angenommen und verbringt seine Zeit dann im dreimonatigen Wechsel in der Akademie und im Unternehmen.
Die echte Forschung, das Steckenpferd des wissenschaftlichen Betriebs, kommt bei so engem Kontakt mit der Arbeitswelt zu kurz. Wer eine akademische Karriere anstrebt, ist deshalb falsch – und selbst in den Entwicklungsabteilungen vieler Unternehmen haben es die BA-Absolventen tendenziell schwerer als ihre Kollegen von der Universität. »Unsere Leute sind nicht im Grundlagenbereich groß geworden«, sagt ein Professor von der Berufsakademie – um diese Einschränkungen aber wisse schließlich jeder Bewerber schon vor seiner Entscheidung.
Für diejenigen, die auf ein solch grundlegendes Wissen bewusst verzichten wollen, kann der Abschluss von der BA zum Karriereturbo werden. So wie für Stephan Behringer, dessen Berufsziel schon »Manager« hieß, als er sich noch aufs Abitur vorbereitete. »Für mich war klar, dass ich mit dem Studium auch gleich eine konkrete Perspektive haben will«, sagt Behringer. Die Berufsakademie erschien ihm als die beste Wahl. Er startete bei einem großen Telekommunikationsunternehmen und hat das bis heute nicht bereut. »Ich war schon während des Studiums in sechs verschiedenen Abteilungen eingesetzt und habe die ganze Firma kennengelernt. Sogar in Australien und in Singapur habe ich gearbeitet«, erzählt er. So viel Praxis zahle sich heute im Berufsalltag aus. »Manchmal kommen Praktikanten frisch von der Uni in unser Unternehmen«, sagt Behringer, »und sehen zum ersten Mal eine Firma von innen. Die sind so alt wie ich, und ich habe schon ein paar Jahre Praxis!« 26 Jahre alt ist Stephan Behringer – und vor ein paar Monaten hat sich sein Berufswunsch erfüllt: Nach einer Beförderung steht jetzt »Manager of Business Development« auf seiner Visitenkarte.
- Datum 09.10.2008 - 10:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Sehr geehrter Herr Kirchgeßner,
Ihr Artikel „Berufsakademien machen Karriere“ hat mich dazu veranlasst diesen Kommentar zu schreiben.
Seit über vier Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt hauptsächlich damit an Berufsakademien als selbstständiger Dozent zu unterrichten. Beispielsweise habe ich im Jahr 2007 insgesamt ca. 500 Unterrichtsstunden an 4 verschiedenen BA's und ca. 200 Unterrichtsstunden an einer Fachhochschule sowie Universität unterrichtet.
Bevor ich zum Beruf des Dozenten gekommen bin, habe ich im Vorfeld ein Fachhochschuldiplom erworben und ein Universitätsdiplom. Nach dem Studium und vor der Promotion arbeitete ich mehrere Jahre in der freien Wirtschaft.
In Ihrem Artikel wird das Thema Wissenschaftlichkeit der Lerninhalte an den BA's aufgegriffen. Dazu sollte man wissen, dass an den BA's der Lehrplan bis zu 50% von externen Lehrkräften abgedeckt wird! Dies kann man durch einen Blick in die Stundenpläne der Studiengänge an den BA's problemlos erkennen. Hier sehen Sie dann die Namen der externen Lehrkräfte ohne Festanstellung.
Die so unterrichtenden Dozenten sind oftmals fertige Universitätsabsolventen, aber auch Personen, die aus dem Berufsleben bereits ausgeschieden sind, ebenso gehören Doktoranden dazu. Natürlich unterrichten auch ehemalige Lehrer, berufstätige Personen mit FH Abschlüssen aus der freien Wirtschaft, usw.
Fakt ist aber bei allen mir bekannten Kollegen, dass sehr viele stark die Inhalte aus ihrem FH bzw. Universitätsstudium mit in den Unterricht einfließen lassen. Somit ist ein mindestens ebenso wissenschaftlicher Charakter des Unterrichts gegeben wie beispielsweise an einer Hochschule.
Falls also Berufsakademien Karriere machen, liegt dies zu einem sehr starken Anteil an den externen Lehrkräften, welche dort unterrichten. Diese tun dies meiner Meinung nach mit sehr viel Freude, Enthusiasmus und großem Engagement.
Dafür ist aber wiederum die Art der Bezahlung und die Vorgehensweise bei den Abrechnungsmodalitäten bzw. der Besteuerung beschämend und dient nur dazu den Ländern möglichst billig Lehrkräfte zu beschaffen!
Ein Dozent erhält an einer Berufsakademie 35 Euro auf eine Unterrichtsstunde. Und ich kenne sehr viele Dozenten, welche ausschließlich von dieser Tätigkeit leben. Schlicht und ergreifend weil ihnen der Job Spaß macht!
Jedoch ist es eigentlich so, dass Sie einen Dozentenvertrag unterschreiben, durch den sie sich verpflichten nicht mehr als 240 Std. im Jahr an einer BA zu arbeiten!
Auszug aus einem Vertrag: (Quelle: www.ba-vs.de/fileadmin/le... ):
Dem/der Lehrbeauftragten ist bekannt, dass die Bestellung als Dozent/-in an der Berufsakademie und die Wahrnehmung des Lehrauftrags auch über mehrere Jahre keinen Anspruch auf eine dauerhafte Beschäftigung im öffentlichen Dienst begründet. Gemäß den Richtlinien über die Gewährung von Lehrvergütungen an den Berufsakademien können einem/einer Lehrbeauftragten in einem Studienjahr für Vorlesungen an den Berufsakademien insgesamt maximal 240 Lehrveranstaltungsstunden vergütet werden. Dabei sind alle für eine Einrichtung des Landes Baden-Württemberg gehaltenen Vorlesungsstunden zu berücksichtigen. Der/die Lehrbeauftragte versichert schriftlich, dass diese Obergrenze unter Einbeziehung sämtlicher bestehender Lehrauftragsverhältnisse an Einrichtungen des Landes Baden-Württemberg nicht überschritten wird. Änderungen, die sich erst im Verlauf des Studienjahres ergeben, sind unverzüglich anzuzeigen. Der/die Lehrbeauftragte nimmt zur Kenntnis, dass ein Verstoß gegen diese Versicherung zu einer fristlosen Kündigung dieses Vertrags führen kann.
Dieser Passus kommt meines Wissens von der Landesbesoldungsstelle Baden-Württemberg und soll verhindern, dass ein Dozent das Land auf eine Festanstellung als Dozent verklagt! Da bisher aber die BA's noch nicht vernetzt waren, wurden an jeder einzelnen Akademie auf die jeweilige Person Einzelverträge ausgestellt und die Verantwortung auf den Dozenten abgewälzt.
Ab dem Jahr 2009 müssen sich die Studiengangsleiter damit behelfen möglichst viele 240Std. Kräfte zu aquirieren, oder mit der Bitte an den jeweiligen Dozenten doch die 240Std. in ihrem Fach abzuleisten.
Interessant ist auch die weitere Benachteiligung dieser Berufsgruppe, da sie mit zu den wenigen Berufsgruppen gehört (neben Schifffahrtslotsen und Hebammen), die gemäß einem Gesetz aus Bismarcks Zeiten verpflichtet sind Rentenbeiträge in vollem Umfang zu entrichten. Und zwar den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil! Diesen übernimmt natürlich nicht die BA! Hier springt auch keine Künstlersozialkasse oder sonst wer, wie bei vielen anderen Freiberuflern, ein.
Was ist nun die Intention meines Kommentars? Für mich stellt sich die Frage: Wenn „Berufsakademien Karriere machen“, sollte man dann denen, die zu einem Großteil die Bildung des Nachwuchses übernehmen, nicht bessere Rahmenbedingungen bieten?!
... schön, dass hier so ein elitäres Bild von den Berufsakademien gezeichnet wird, das Selbstverständnis der meisten Studenten ist aber eher etwas niedriger angesiedelt als das an der allgemeinen Hochschule. Zu Unrecht wie ich meine, ich habe an beiden Instituten studiert und habe im ersten (der drei) Jahr(e) an der Berufsakademie mehr (brauchbares Wissen) gelernt als an den zwei frustrierenden Jahren an der TU.
Das mag an den kleinen Klassen liegen (20-30 Leute !) zumindest in der Stuttgarter Zweigstelle in Horb. Der guten technischen Ausstattung. Dem idR recht gut durchdachten Stundenplan, den vielen externen Lehrkräften mit unschätzbaren Praxiswissen, vor allem aber lag es an der Tatsache, dass man finanziell einigermaßen abgesichert ist, da Theorie- und Praxisphasen sich abwechseln, muss man nicht nebenher jobben.
Aber wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten. Die Lehrqualität an beiden Hochschultypen ist überwiegend schlecht bis grottig, von einigen sehr engagierten, meist externen, Lehrkräften (an der BA) mal abgesehen. Von Forschung habe ich an der BA nichts mitbekommen, außer dass die Internen einen Tag in der Woche nicht an der Uni waren (= offiziell Forschungstag). Auch die Abbrecherquote war an der BA nicht gerade niedrig, zumindest in den wirklich harten technischen Fächern. Dort war der allgemeine Lernstress oft am physischen Limit. Wenn man 5 Tage die Woche von früh bis abends an der BA hockt, gibt es halt auch kaum Spielraum um schlechte Veranstaltungen nachzuarbeiten, Hausarbeiten und Projekte zu machen.
Was es noch zu sagen gibt:
Leider geht wohl der Trend dahin, dass man für ein BA-Studium nur noch einen Bachelor bekommt, imho eine Abwertung, die den guten Ruf der BA weiter verwässert. Die Einstiegsgehälter sind übrigens niedriger als bei einem allgemeinen Abschluss und dass es keine arbeitslosen Abgänger gibt, dafür würde ich meine Hand auch nicht ins Feuer halten.
Was vergessen wurde:
Sachsen hat auch BA's (Übernahme des BW-Bildungsmodells nach der Wende), allerdings fehlts an zahlungskräftigen Firmen. Viele lassen für lau arbeiten und die Studenten müssen von Bafög und Co leben, bzw. doch versuchen nebenher zu jobben. Leider ist diese Praxis erlaubt, damit wird imho einer der wesentlichen BA-Vorteile zunichte gemacht.
Fazit:
Die BA ist ehrlicher als die Hochschulen, statt 90% der Studenten allein für die Forschung auszubilden, die dann doch nur auf den Arbeitsmarkt wollen, geht man hier gleich den richtigen Weg, beteiligt finanziell auch die Firmen und gestaltet alles praxisnaher. Logischerweise ist die BA aufgrund dieser Tatsache ungeeignet etwa für geisteswissenschaftliche Fächer. Zumindest sind mir keine untergekommen, sofern man BWL nicht als solches bezeichnet.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren